Krimi um Basler Antikenhandel

Eine Basler Antikenhändlerin erhält 1278 beschlagnahmte antike Gegenständ, obwohl sie der Hehlerei beschuldigt wurde. Millionenwerte an Relikten aus Raubgrabungen werden nun vom Basler Betreibungsamt blockiert.

Rückführung nach Italien. Über 4500 illegal ausgeführte antike Kunstwerke konnten die Carabinieri im vergangenen Januar stolz präsentieren.

Rückführung nach Italien. Über 4500 illegal ausgeführte antike Kunstwerke konnten die Carabinieri im vergangenen Januar stolz präsentieren.

(Bild: Keystone)

1278 beschlagnahmte antike Gegenständige werden an eine Basler Antikenhändlerin zurückgegeben, ob­­wohl sie von der Staatsanwaltschaft der Hehlerei beschuldigt worden ist. Dies, weil die vorgeworfene Straftat inzwischen verjährt ist und die Herkunft der Antiken nicht geklärt werden konnte. Die Einstellung des Strafverfahrens ist das vorerst letzte Kapitel in einem der grössten Fälle von illegalem Handel mit antiken Kunstwerken der letzten Jahrzehnte. Hauptakteure sind Gianfranco Becchina und seine inzwischen von ihm getrennt lebende Frau Ursula-Marie ­Becchina-Juraschek.

Im vergangenen Januar präsentierten die Carabinieri in Rom stolz Tausende Objekte, die in den Lagern Becchinas 2001 in Basel beschlagnahmt worden waren. Aufgrund eines italienischen Rechtshilfeersuchens führten die Basler Behörden damals mehrere Hausdurchsuchungen durch. «Dabei wurden mehrere Tausend ursprünglich aus Italien und fünf aus Griechenland stammende antike Kunstgegenstände beschlagnahmt», heisst es in einem Bericht der Basler Staatsanwaltschaft. Daraufhin wurde gegen Ursula-Marie Becchina ein Strafverfahren wegen Hehlerei eröffnet.

Vasen vorsätzlich zerstört

Der in Sizilien geborene Gianfranco Becchina betrieb seit den frühen Siebzigerjahren über seine in Basel domizilierte Galerie Palladion Ancient Art in grossem Stil den Handel mit Antiken. Topmuseen wie das Getty Museum in Malibu oder der Louvre und bekannte Auktionshäuser, aber auch wichtige Antikensammler wie der verstorbene George Ortiz gehörten zu seinen Kunden. Doch die meisten der angebotenen Kunstgegenstände stammten aus illegalen Grabungen in Italien. Wertvolle apulische Vasen wurden in Abfallsäcken zertrümmert, damit alle Teile erhalten blieben, unter Autositzen in die Schweiz geschmuggelt und dann in einem eigens eingerichteten Restaurierungsatelier im Gellertquartier wieder zusammengesetzt.

Insgesamt 4534 antike Gegenstände stellten die Behörden bei Becchina sicher. Zwei Marmorskulpturen wurden aus dem Museum von Terracino gestohlen und nach Basel gebracht, eine davon tauchte darauf an der Antikenmesse «Cultura» auf. Aus einer Kirche in Griechenland stammen fünf Fresken.

«Von Beginn an wusste die Beschuldigte von der illegalen Herkunft dieser antiken Gegenstände, war sie doch im Zeitraum der Einfuhren bei ihrem Ehemann Mitarbeiterin mit Einzelunterschrift und über seine Geschäfte vollumfänglich informiert», hält die Basler Staatsanwaltschaft fest. Gianfranco Becchina übertrug seiner Frau 1996 die Galerie, wodurch diese die Verfügungsmacht über die illegal ausgeführten und gestohlenen Gegenstände erhielt.

Er selber zog sich nach Italien zurück, wo der heute 75-Jährige als ehrbarer Bürger und Produzent von Olivenöl lebt. Wegen Verjährung ist er nie für seinen Handel mit Raubkunst belangt worden. In Italien wurde er bloss für ein halbes Jahr in Untersuchungshaft genommen, dann aber freigelassen.

Auch Ursula-Marie Becchina-Juraschek wurde nur gerade zwei Wochen in Untersuchungshaft gesteckt. Ihr Verfahren ist wegen Verjährung und Mangels an Beweisen im vergangenen Dezember eingestellt worden. Dabei wiegen die Anschuldigungen in der Einstellungsverfügung, die der BaZ vorliegt, schwer. Für die Staatsanwaltschaft steht fest, «dass die Beschuldigte Gegenstände übernahm und danach teilweise umlagerte, von deren illegaler Herkunft aus Raubgrabungen in Italien und aus Diebstählen sie aufgrund ihrer eigenen langjährigen Tätigkeit in diesem Gewerbe und ihrer Mitarbeit bei ihrem Ehemann wusste».

Es dauerte 13 Jahre, bis die Schweiz endlich die bei Becchina beschlagnahmten Objekte freigeben konnte. Schwierig war bereits die Herkunftsbestimmung, da zahlreiche der illegal ausgegrabenen Kunstgegenstände mit falschen Provenienzangaben versehen worden waren. Dazu kam ein langjähriges juristisches Geplänkel in der Schweiz und in Italien.

Kein Nachweis möglich

Letztendlich konnte allerdings nur die illegale Herkunft von vier Fünfteln der beschlagnahmten Gegenstände nachgewiesen werden. Noch immer befinden sich 1278 antike Objekte in Basel. Bei den meisten dürfte es sich um illegal ausgegrabene Antiken handeln. Doch da nicht bekannt ist, wann und wo genau diese ans Tageslicht geholt worden sind, kann auch niemand einen Anspruch anmelden. Zähneknirschend musste die Staatsanwaltschaft deshalb anordnen: «Die noch in Basel verbliebenen antiken Gegenstände, für die eine illegale Herkunft nicht nachgewiesen werden kann, sind grundsätzlich unter Aufhebung der Beschlagnahme an die Beschuldigte herauszugeben.» Obwohl also auch bei diesen Antiken der Verdacht auf eine illegale Herkunft sehr gross ist, gehen sie trotzdem an die dubiose Antikenhändlerin zurück.

Im vergangenen Herbst hat nun aber das Basler Betreibungsamt den Arrest dieser Gegenstände beantragt, weil Ursula-Marie Becchina offene Schulden hat. Trotz der Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft werden ihr Verfahrenskosten von fast 40 000 Franken auferlegt. Die gesamten Kosten des Strafverfahrens belaufen sich allerdings auf beinahe 200 000 Franken. Über das laufende Verfahren wollte sich der Vorsteher des Konkurs­amtes, Gerhard Kuhn, gegenüber der BaZ nicht äussern. Im Auftrag des Betreibungsamtes haben Mitarbeiter des Antikenmuseums Basel inzwischen die verbliebenen Objekte gesichtet und ihren Wert eingeschätzt.

Klare Richtlinien

«Es sind qualitativ hochstehende Gegenstände darunter», erklärt der Direktor des Antikenmuseums, Andrea Bignasca. Die grösste Gruppe stammt wahrscheinlich aus Unteritalien, die genaue Herkunft bleibt aber offen. «Nach einer ungefähren Schätzung geht der Gesamtwert in die Millionen», meint Bignasca. Im Antikenmuseum selber gebe es keine Hinweise auf Objekte aus der Galerie Palladion. «Und heute wird die Herkunft jedes Gegenstandes ohnehin genau geklärt, dazu haben wir klare interne Richtlinien.»

Inzwischen ist auch das Bundesamt für Kultur eingeschaltet worden. «Die Fachstelle des Bundes berät die Kantone», erklärt Benno Widmer, der Leiter der Fachstelle Internationaler Kulturgütertransfer und Anlaufstelle Raubkunst. Der Bund will sichergehen, dass alles versucht wird, um die Herkunft der Objekte zu klären. Widmer ist sich allerdings bewusst, dass das nicht leicht ist.

Der Ball liegt nun also beim Betreibungsamt, das wahrscheinlich einen Teil der Antiken versteigert lässt, um die Schulden von Ursula-Marie Becchina einzutreiben. Der Rest dürfte dann ganz offiziell in ihren Besitz übergehen. Für den früheren Basler Kantonsarchäologen Peter-Andrew Schwarz, der die beschlagnahmten Antiken als Erster gesichtet und inventarisiert hat, ist diese Tatsache frustrierend: «Da wird niemand zur Rechenschaft gezogen, obwohl alle wissen, dass der Antikenschmuggel mit der Mafia und Drogen- sowie Waffenhandel zusammenhängt. Und nicht zuletzt wird durch solche Raubgrabungen eine kulturelle Identität zerstört.»

Basler Zeitung

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