«Krieg mit Mund und Kugelschreiber»

Die Karikaturisten des Satiremagazins Charlie Hebdo verkannten die Gefahr, der sie sich aussetzten – finden Basler Jugendliche.

«Muslime verhindern Gewalt, sie üben sie nicht aus.» Luay (23), Mohammed (26) und Mahfouz (25) verurteilen die Attentate in Paris.

«Muslime verhindern Gewalt, sie üben sie nicht aus.» Luay (23), Mohammed (26) und Mahfouz (25) verurteilen die Attentate in Paris.

(Bild: Franziska Laur)

Was denken junge Basler Muslime über den Anschlag auf die Charlie- Hebdo-Redaktion? Das wollen wir wissen und rücken aus. «Das sind keine Menschen, das hat nichts mit dem Islam zu tun», sagen mehrere über die Terroristen, die den Anschlag auf die Karikaturisten in Paris verübt und zwölf Menschen getötet haben.

Doch beim Nachfragen kommt die Differenzierung. «Religion ist für uns enorm wichtig», sagt Massud, der aus Afghanistan stammt. «Wir lieben sie mehr als unsere Eltern.» Daher sei es ein grosser Affront, wenn man den Islam kritisieren würde. Es sei nicht richtig, von Mohammed Karikaturen zu machen. «Er ist nicht irgendein Mensch, er ist unser Prophet», sagt ein junger Mann namens Muhammad. In seiner Heimat Afghanistan seien viele Leute nicht zur Schule gegangen. «Sie kennen nur ihre Religion und die bedeutet ihnen alles.» Braucht es also mehr Bildung? «Nein, zu viel Bildung verhindert, dass wir unseren Propheten schätzen können», sagt Muhammad.

«Man muss gelassen bleiben»

Ganz anderer Meinung ist der 18-jährige Kushtrim aus Mazedonien. Für ihn ist Bildung wichtig, denn sie verhindere Gewalt. Diese Terroristen, seien unwissende Leute, die mit dem Islam nichts zu tun hätten. «Muslime verhindern Gewalt, sie üben sie nicht aus», sagt er. Der Islam ist um Welten besser, als jetzt beschrieben werde. Natürlich hätten die Karikaturisten von Paris provoziert, doch da müsse man als muslimischer Mann halt gelassen bleiben. «Da darf man doch nicht in derselben Liga spielen», sagt er.

Im Nahen Osten scheinen die Gesinnungen nicht ganz so moderat. «Wenn man solche Karikaturen zeichnet, so weiss man, was danach passiert», sagt der Afghane Massud und zieht zur Verdeutlichung eine Metapher zu Hilfe: «Wenn jemand eine Banane isst und die Schale auf den Boden wirft, so riskiert er, dass er darauf ausrutscht.» Die Karikaturisten hätten also wissen müssen, dass sie mit den Karikaturen ihr Leben riskieren. Das verletze die Gefühle der gläubigen Muslime. «Die Redaktion hatte ja schon vor diesem Anschlag Probleme mit der Sicherheit», erklärt Massud und begreift nicht, weshalb es Leute gibt, die um der Meinungsfreiheit willen das Schicksal so herausfordern. Nun habe man den Schaden: «Es herrscht Krieg mit Mund und Kugelschreiber – so schlecht wie jetzt sei noch selten über den Islam gesprochen und geschrieben worden», sagt Nuri.

In Europa gebe es grosse Freiheiten, doch diese müsse man auch zu verwalten wissen. «Die Europäer müssen sich der Konsequenzen bewusst sein, wenn sie andere kritisieren und mit Karikaturen spielen», sagt der Afghane. Sein Volk sei empfindlich, und mit dem Propheten dürfe man keine Spässe machen.

«Ich habe es nicht verstanden»

Chaimoe spricht nur sehr gebrochen Deutsch. Das Stichwort Charlie Hebdo sagt ihr auf Anhieb nichts. Erst nach einem Augenblick des Nachdenkens wird ihr klar, was gemeint ist: Die Terroranschläge in Paris. Sie nickt energisch: «Ich habe davon gehört, ja, aber ich habe es nicht verstanden. Nichts davon.» Ihr hellblaues Kopftuch ist fest über das dunkle Haar gespannt. Die junge Frau hat zu Hause bei den Eltern nach einer Erklärung gesucht. Warum die Zeichner von Charlie Hebdo überhaupt erst mit den Mohammed-Karrikaturen begonnen haben, verstand sie ebenso wenig wie das Blutbad, das ihre Glaubensbrüder dann auf der Re­daktion anrichteten. Auch ihre Eltern konnten ihr nicht weiterhelfen. Schliesslich vertraute sie sich ihrer Lehrerin an. «Genau das ist das Problem, hat sie gesagt: Die Leute verstehen einander nicht», sagt die junge Frau. «Die wussten nicht, was Mohammed für uns bedeutet.»

Chaimoe ist 19 Jahre alt. Dass sie bereit war, mit der BaZ zu sprechen, ist erstaunlich. Andere muslimische Mädchen schüttelten nur den Kopf, sobald ein Blick sie fragend streift: Über den Barfüsserplatz flaniert eine Mutter mit ihrer Tochter. Sie gehen Arm in Arm. Beide tragen einen bunten Hijab. Jener der Mutter leuchtet rot im Grau der Stadt, die Tochter ist in Pink gehüllt. Die Frage an die etwa 16-Jährige ist kaum ausgesprochen, befiehlt ihre Mutter bereits beiden Seiten mit einer Handbewegung zu Schweigen. «Nein, wir wollen nicht», sagt sie entschieden und beschleunigt ihren Schritt. Der rote Saum rauscht über den Boden, die Tochter blickt zurück, bevor sie dem autoritären Wink der Mutter Folge leistet, und im Gewühl der Tramhaltestelle verschwindet. Chaimoe hat, trotz mangelnden Deutschkenntnissen versucht, sich zu erklären. Sie war allerdings alleine unterwegs.

Der 17-jährige Sedeno ist kein Muslim und stammt aus Venezuela. Doch er hat eine klare Meinung zum Vorfall: «Diese Terroristen haben übertrieben, doch die Karikaturisten tragen eine Mitschuld.» Auf dem Aeschenplatz steht der 16-jährige Ron: «Ich bin Muslim und fand den Anschlag grauenhaft. Im Koran steht, dass man nicht töten darf, und überhaupt: Wenn die Karikaturen zeichnen wollen, so sollen sie doch.» Auch Mohammed, Luay und Mahfouz, die vor zwei Jahren in die Schweiz gekommen sind, verurteilen die Attentate aufs Schärfste: «Diese Leute sind keine Menschen, das hat nichts mit dem Islam zu tun. Der Koran schreibt, wer einen Menschen umbringt, tötet alle.»

«Man könnte es anders sagen»

Auf die Frage, ob er Muslim sei, schüttelt auch der 18-jährige Eduardo den Kopf: «Nein, Italiener.» Also Christ. Gläubiger Christ? Eduardo zuckt die Schultern, «es geht so». Natürlich habe er mitbekommen, was in Paris geschehen ist. «Das tut mir leid. Aber ich finde», Eduardo hält einen Augenblick inne, blickt prüfend hoch, «wie soll ich sagen? Die Berichterstattung war etwas übertrieben. Mir kommt es komisch vor, dass die Redaktion so schlecht bewacht wurde. Da steckten die nordafrikanischen Länder dahinter. IS, al-Qaida, die haben alle mitgeholfen», sagt Eduardo. Dennoch: «Ich kann die Muslime verstehen», sagt er. «Wäre der Papst auf einer Karikatur mit Waffen zu sehen, würde mich das auch sehr wütend machen – es wäre ein Angriff auf meine Gesellschaft, nicht nur auf die Religion. Dagegen würde ich mich wehren. Der Papst ist friedliebend und hat mit Waffen nichts zu tun. Das wäre Diffamierung.»

Glenn, Harry und Jonas sind 15 und besuchen gemeinsam die 9. Klasse. «Was die Leute von Charlie Hebdo gezeichnet und geschrieben haben, ist natürlich wahr», sagt Harry. Sein Freund Glenn fällt ihm ins Wort: «Ja schon, aber man könnte diese Dinge auch anders sagen, nicht so provokativ.» Das stimme schon, lenkt Harry ein, «andererseits muss man das bei uns dürfen». Sie hätten in der Schule lange darüber gesprochen, was in Paris passiert ist und auch darüber diskutiert, was sie machen würden, wenn ein Terroranschlag auf ihrer Schule verübt würde. «Also ich», erklärt Harry, «ich würde mich unter die Toten mischen. Dann denken die Terroristen, sie hätten mich schon erschossen.»

Seine Kumpels schauen etwas skeptisch. Die drei sind nicht muslimisch, doch viele ihrer Klassenkameraden sind es. «Wir behandeln sie jetzt, nach den ­Terroranschlägen, nicht anders, und es kümmert sie auch nicht, was dort passiert ist. Also, traurig finden wir es alle, aber wir haben keine Angst. Erstens haben wir ja besprochen, was wir in einer solchen Situation tun würden, und zweitens müssen auch die Muslime sich keine Sorgen machen: Wir wissen ja, dass sie nicht schuld sind an dem Angriff und sie ihn auch nicht gut finden. Das waren Vollidioten.»

Auch Michele, Simon (beide 19) und Nicola (16) haben über die Ereignisse in Paris diskutiert. «Es gab ja gleich weitere Anschläge und Drohungen, bis das aber in die Schweiz kommt, geht es noch ein Weilchen», sind die drei überzeugt. Erst würden wohl noch andere Metropolen in Europa getroffen. Warum die Karikatur Mohammeds die Muslime dermassen in Rage bringt, verstehen die Jungen nicht. «Die denken, zwischen dem Westen und ihnen herrscht Krieg, aber das stimmt nicht. Wir haben sie nicht angegriffen. Im Gegenteil: Sie dürfen bei uns ihre Moscheen haben und ihrem Glauben frei folgen. Ich weiss nicht, was sie sagen würden, wenn wir bei ihnen eine Kirche bauen wollten.»

«Die sind auch nicht besser»

Mohammed ist 26 und erst seit Kurzem in der Schweiz. Nach seiner Flucht aus Afghanistan lebte er in Deutschland, von da kam er nach Basel. Sein Deutsch ist gebrochen. Mit Religionen zu spielen, gar Witze zu machen, sei immer gefährlich, sagt der gläubige Muslim. Er kam soeben mit einigen Glaubensbrüdern die Wendeltreppe der Kasernenmoschee herunter. «Der Prophet ist schon lange tot, aber für uns ist er wichtig. Wenn man ihn beleidigt, beleidigt man 1,5 Milliarden Menschen auf der ganzen Welt. Ich verstehe nicht, warum so etwas lustig ist.»

Mohammed schüttelt verständnislos den Kopf. Ihm seien alle Propheten heilig, ebenso alle heiligen Schriften. «Eben erst sind in Pakistan 150 Schüler erschossen worden. Kinder! Aber damit werden die Zeitungen in Europa nicht gefüllt, hier schreibt man nur von den zwölf Franzosen. Verstehen Sie mich nicht falsch, das ist unglaublich schlimm, aber setzten Sie es in ein Verhältnis zu 150 unschuldigen Kindern.»

Basler Zeitung

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