Je grösser die Stadt, desto intensiver der Duft

Vincent Micotti kreiiert jeder Person das individuelle Parfum und beklagt das fehlende Copyright.

«Ach, du magst Katzen, keine Hunde.» Parfumeur Vincent Micotti erkennt an einem Duft die Persönlichkeit seines Gegenübers.

«Ach, du magst Katzen, keine Hunde.» Parfumeur Vincent Micotti erkennt an einem Duft die Persönlichkeit seines Gegenübers.

(Bild: Lucian Hunziker)

Um den Weg zu Vincent Micotti zu finden, bedarf es keines Schildes. Durch weisse Gänge lockt der Duft, hin in seine Welt. «Kenzo Flower», sagt er und nickt, «unkompliziert und locker. Wenn du ein Auto besitzt, dann ein flexibles, kleines.» Seine blauen Augen ruhen auf mir. Ich nicke. Perplex.

Micotti ist Parfümeur. Düfte von der Stange erkennt er praktisch alle. «Ein Duft sagt unheimlich viel über die Person.» Chanel Nr. 5 und andere Klassiker wählen oft Frauen, die lieber nicht allzu weit vom breitesten Weg abweichen, und doch Charakter zeigen wollen.

Nur ein Duft? Typisch Schweiz!

Wonach riechen die Basler? «Ganz grob gesagt», Pause, «wirklich grob gesagt, sind es unaufdringliche Düfte. Man will nicht allzu extravagant erscheinen.» Zürich dagegen trage eher opulente Düfte: Je grösser die Stadt, desto mehr Intensität brauche es, um sich abzugrenzen. «In London tragen die Frauen mehr Make-up, die Männer rasieren sich täglich, dann gehört dazu auch der richtige Duft.» Der richtige Duft, der für das Business-Meeting natürlich ein anderer ist, als für die Dinner-Party am Abend oder das Kaffeekränzchen mit Freundinnen. Da staunt die Schweizerin und der Parfümeur muss lachen.

Nur einen Duft pro Tag zu tragen, oder überhaupt zu besitzen, sei typisch für die Schweiz – das gibt es sonst nirgends. Micotti kommt aus Lausanne, von wo er seinen charmanten Akzent mitgebracht hat, und trägt selbstverständlich seine eigenen Düfte. Und mit dem Wunsch danach kommen auch seine Kunden zu ihm: oft aus dem Mittleren Osten oder Russland. «Meist wollen die Leute etwas anderes, als sie tatsächlich mögen», Micotti balanciert aus, vermischt, was der Kunde sich wünscht, mit dem, was der Kunde tatsächlich mag.

Schutzlose Kunstwerke

In monatelanger Zusammenarbeit, bei der er seine Kunden mal bei sich, mal in Mailand oder Paris, Moskau oder Dubai trifft, entsteht ein Duft, der nur einem Einzigen gehört. Den Flakon dazu designt seine Frau. Der eigene Duft – in der Welt der Parfümeure ist das ein ebenso wichtiges, wie heikles Thema: «Es gibt ein Copyright für den Namen, die Verpackung, das Flaschendesign, das Image, aber nicht für den Duft.» Wer will und kann, darf vollkommen legal einen Bestseller kopieren, den exakt gleichen Duft in ein neues Fläschchen füllen und mit einem anderen Namen versehen.

Während die Niederlanden als einziges europäisches Land den Duft als Kunstwerk schützen, kämpfen Parfümeure aus ganz Europa noch immer um ein Copyright der Düfte. Die Schweiz schweigt zum Thema. Das schadet den kleinen Parfümeuren: Deren innovativen Düfte wandern in die Verpackung grosser Marken. Grosse Firmen schützen ihre eigenen Kreationen, indem sie ihnen komplizierte Moleküle beimischen, die von Mensch wie Maschine kaum zu entschlüsseln sind. «Die Frage ist nur, wie viel Zeit und Geld man als kleiner Parfümeur hat, um dagegen anzukämpfen.» Das Fehlen eines Copyrights wird damit begründet, dass ein Duft allzu vergänglich, alltäglich sei und nicht festgehalten werden könne. Gibt es tatsächlich keine patentierbare Formel für einen Duft? Micotti: «Natürlich gibt es das. Aber leider – nun ja, das ist désagréable.» Noch sind die grossen Marken zu stark.

Silberne Schätze

Immer wieder springt Micotti von seinem Vitra-Stuhl auf und greift nach einer seiner vielen silbernen Flaschen. «Jasmin», sagt er und öffnet den kleinen Behälter behutsam. Der Inhalt ist zehntausend Euro wert. «Vor Weihnachten gekauft», sagt er und grinst. Aus einer weiteren Silberflasche steigt der klare Duft frischer Wäsche: «Cetalox ist das bei uns. In Italien muss frische Wäsche viel seifiger riechen, da mischt man andere Essenzen bei.» Ein weiteres silbernes Fläschchen mit dunkelbrauner Paste und einem Duft nach Blockhütte und Wald: «Das ist Bibergeil, sehr animalisch.» Es riecht ähnlich wie Oud, eine Holz-Essenz, gerade beliebt bei den Scheichs.

«Für mich war es immer einfach, Düfte zu benennen, schon als kleiner Junge», sagt Micotti. Sein Weg in die Welt von Rosenessenz und Geranien, «die in den meisten mit Rose gekennzeichneten Düften die Überhand haben, weil sie frischer riechen», stand bald fest. Er lächelt und blickt zu mir: «Ach, du magst Katzen, keine Hunde.»

Basler Zeitung

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