«Ist der Zwergenaufstand fertig?»

Eine Betroffene erzählt im Anlass der Muba-Ausstellung «Willkommen zu Hause», von demütigenden Repressionen und Gewalt im Familienhaushalt.

Leider keine Seltenheit: Viele Frauen haben Angst sich zur häuslichen Gewalt zu äussern. (Symbolbild)

Leider keine Seltenheit: Viele Frauen haben Angst sich zur häuslichen Gewalt zu äussern. (Symbolbild)

(Bild: Keystone)

Heute ist er plötzlich ruhig geworden. Er, der sonst schreit und schimpft, droht, flucht – und schlägt. Nie seine Frau. Die zermürbt er mit psychischem Terror. Aber die Kinder, meist dann, wenn deren Mutter ihm nicht gehorcht. «Schliesst euch in euren Zimmern ein», flüstert Monika Besser ihren Söhnen zu. Die beiden liegen im Bett, diese Nacht wird ihr Leben verändern.

Angefangen hat die Geschichte von Monika und Jan in einer Zeit, als alles einfach schien: eine Jugendliebe, die bald wieder endete. Doch Jan vergass die kleine Frau mit dem grossen Herzen und dem wunderbaren Lachen, das mit den Jahren – und trotz allem – feine Lachfältchen hinterliess, nie. Er wollte sie – und die totale Kontrolle über alles, was sie sagte, dachte, tippte, ass und trank – um jeden Preis. Jahre später hatte er sie, die davon nichts ahnte, ausfindig gemacht, und «das Herz schlug sofort fester», erinnert sich Besser. Erst nach der Heirat merkte sie, dass ihr Mann manchmal unfair war. Wenn er sie zwang, auf dem Sofa zu schlafen, weil sie einmal nicht klein beigegeben hatte. Vielleicht ging es darum, wo ein Bild hängen sollte oder wie sie eigenhändig das Geschirr eingeräumt hatte. «Aber man findet Entschuldigungen.» Das ist 20 Jahre her.

Alles gut – ausser er

Herr Besser bekleidete einen hochdotierten Posten, an Geld mangelte es der Familie nie. Das Haus war gross, das Quartier angesehen, die Kinder nicht nur gesund, sondern hübsch und intelligent und an der Privatschule beliebt. Nach aussen wirkten die Bessers glücklich – der Vater brauchte eine Vorzeigefamilie für seine Firmenanlässe: «Sobald wir draussen waren, war er der perfekte Mann.» Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Es erreicht die mandelförmigen Augen nicht. «Er hat mich und die Kinder vor andern stets gelobt und umsorgt.» Darum haben die wenigen Freunde der Familie nie bemerkt, was drinnen passierte. Aufgeklärt hat Monika sie nie: «Scham», sagt sie tonlos. Ihrem dominanten Vater, der sie kurz nach ihrer Heirat zugunsten ihrer Brüder enterben wollte, weil sie ja jetzt versorgt sei, hat sie sich erst nach der Scheidung von ihrem Mann anvertraut. «Schau dich doch an, du hast es nicht anders verdient», war seine Antwort. Die Mutter, die ihre Tochter nur zu gut verstanden hätte, war da bereits tot.

Drinnen, in den eigenen vier Wänden, nahm der Terror immer bizarrere Formen an: Ihr Mann kontrollierte alles, von den Tagesabläufen über die Telefonrechnung, E-Mail-Nachrichten und Bankauszügen bis hin zum Internetverlauf. Er entschied, wann das Licht gelöscht, was gegessen und wie viele Tassen Kaffee pro Tag erlaubt waren. Auf Verstösse folgten Sanktionen. Er liess die Familie nach seinen Wünschen tanzen, Barometer war das Geld: «Das war ihm wichtiger als alles.» Kerzen durften nicht angezündet werden, «Geldverschwendung». Licht war nur in den Zimmern erlaubt, in denen die Familie sich gerade aufhalten musste.

Vom ersten Schultag an machte er Druck auf die Söhne: Note 6 war akzeptabel, alles darunter eine Schande, die mit Toben, Schlägen und Drohungen bestraft wurde. Oft zerrte er sie an den Haaren in ihre Zimmer. Schritt die Mutter ein, zerrte er noch mehr. Seine Frau packte er nur manchmal an den Schultern, mit ihren kleinen Händen zeigt sie wie, «ich bringe dich schon noch zu Verstand», schrie er dann in ihr Gesicht. «Ich hätte direkt nach der Hochzeit gehen müssen», sagt sie heute.

Kein Sommertheater

Warum sie blieb? Besser schüttelt den Kopf. Eine Ehe gebe man, besonders, wenn man sie spät eingeht, nicht einfach so auf, habe sie gedacht. Und als das erste Kind da war, drohte er, es ihr wegzunehmen. «Er hatte auch gute Seiten», sagt sie dann. Er konnte charmant und betörend sein. Davon zehrte sie. «Ich habe ein schlechtes Gewissen gegenüber meinen Kindern», sagt sie. Doch die Kinder verstehen sie: «Da war die Zeit noch nicht reif», antworten sie auf die Selbstvorwürfe der Mutter.

Es war ein Samstag, als die Zeit zur Flucht reif war: In den Monaten davor war die Situation unerträglich geworden. «Haut doch ab!», rief er, während er pingelig darauf achtete, dass niemand ohne sein Wissen das Haus verliess, und: «Ich bring euch um!» Solange er schrie, war er zwar bedrohlich, aber nicht angsteinflössend. Doch dann flüsterte er: «Irgendwann laufe ich Amok.» Es war diese Freitagnacht, in der Monika klar wurde, dass sie mit den Kindern weg musste. Sofort. Als der Mann am Samstag an eine Konferenz fuhr, packte sie ihre Sachen und floh mit Polizeischutz ins Frauenhaus. Er glaubte lange nicht, dass sie ihn wirklich verlassen hatte. Nach einigen Wochen fragte er herablassend: «Ihr hattet euer Sommertheater. Ist der Zwergenaufstand jetzt beendet?»

Heute lebt Besser in ihrer eigenen kleinen Wohnung. Viel Geld blieb ihr nach der Scheidung nicht. Als er einsah, dass er sie um keinen Preis zurückbekam, war Jan nicht mehr bereit, zu zahlen. Sie wollte nur weg, das Geld war ihr egal. Dafür zündet sie nun ab und zu eine Kerze an. Denn für sie ist das ruhig flackernde Licht keine Geldverschwendung. Es ist ihr Zeichen der Freiheit.

Basler Zeitung

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