Fristlose Kündigungen wegen frivolem Coupe

Vier Pflegerinnen des Altersheims Schlossacker wurden wegen sexueller Belästigung auf die Strasse gestellt.

Kein Scherz. Wegen diesem Bananensplit, der im Restaurant Papa Joe’s ­erhältlich ist, wurden vier Frauen entlassen.

Kein Scherz. Wegen diesem Bananensplit, der im Restaurant Papa Joe’s ­erhältlich ist, wurden vier Frauen entlassen.

(Bild: Daniel Wahl)

Daniel Wahl

Laut den Zeugen muss die Stimmung an jenem Abteilungsessen der Pflegerinnen vom Alters- und Pflegeheim (APH) Schlossacker Binningen heiter bis ausgelassen gewesen sein. Jedenfalls feierten die Damen zusammen mit ihrer Stationsleiterin im Januar dieses Jahres so fröhlich, dass ein Kellner der amerikanisch dekorierten Gaststätte Papa Joe’s in Basel auf die Idee kam, den Altersheimschwestern eine süsse Überraschung zu offerieren. Genau so, wie man es im Stadtcasino am Barfüsserplatz für Frauen an Polterabenden macht. «Und davon haben wir an Freitagabenden bis fünf in unserem Haus», sagt Grischa Cassini, Brand Manager bei Papa Joe’s und Direktor Stadtcasino Betriebe.

Also bestellte der Kellner in der Küche einen explizit dekorierten Bananensplit: eine vom Teller aufstehende Banane, auf ihrer Spitze ein Sahnehäubchen mit Schokotopping, eine grosse Glacekugel am anderen Ende und zwei Brownies, in welchem brennende Wunderkerzen stecken. Worauf der Kellner den phallischen Coupe der Stationsleiterin vom Altersheim Schloss­acker servierte.

«Damen fanden es lustig»

Dass diese frivole Überraschung anderntags in einer fristlosen Kündigung wegen sexueller Belästigung enden würde, damit hatte an diesem nachweihnächtlichen Betriebsabend keine der Frauen gerechnet. Noch bevor die Wunderkerzen abgebrannt waren, hatten die vier jüngeren Pflegerinnen die Smartphones gezückt und ihre Vorgesetzte aufgefordert, in das beste Stück zu beissen. Diese machte zunächst mit und liess sich fotografieren.

«Der Coupe war bei unseren Gästen bisher immer ein Erfolg. Und auch diese Damen fanden es lustig», erinnert sich das Servierpersonal. Ihre Aussagen decken sich mit den entstandenen und inzwischen gelöschten Bildern: Sie zeigten keinen Hinweis, dass es der Stationsleiterin in ihrer Situation unangenehm gewesen wäre. Dessen ist sich die Frau, eine Mutter zwischen 40 und 50 Jahren, auch bewusst. «Es ist mir erst im Nachhinein bewusst geworden, dass ich nicht nur einfach in eine Banane gebissen habe. Aber als ich bemerkte, wie ich da vorgeführt wurde, ist in mir alles hochgekommen. Ich konnte nicht mehr mitmachen», sagt sie auf Anfrage der BaZ. Jedenfalls verlangte die Stationsleiterin noch in derselben Nacht die Löschung der Fotos. Eine Bestätigung, dass die Bilder gelöscht seien, soll sie morgens um vier Uhr per SMS erhalten haben.

Damit gab sich die Vorgesetzte aber nicht zufrieden. Sie suchte Schloss­acker-­Direktor Raphael Thürlemann auf, der die jüngeren Pflegerinnen zu sich zitierte und sie postwendend wegen sexueller Belästigung auf die Strasse stellte. «Wenn sich jemand belästigt fühlt, stehen wir in der Fürsorgepflicht und müssen dem nachgehen», rechtfertigt Thürlemann die vierfache Kündigung. Wenn im Pflegebereich gefilmt oder fotografiert werde, sei es doppelt heikel. Thürlemann geht davon aus, dass der Coupe von den Pflegerinnen bewusst bestellt worden ist.

Wie die Stationsleiterin rückblickend meint, sei das Aussprechen der Kündigung nicht zwingend gewesen. So hätte nach dem Vorfall auch eine Mediation durchgeführt werden können. Doch heute sei sie froh über den Entscheid. Mit mindestens zwei der vier Pflegerinnen hätte sie sich eine weitere Zusammenarbeit nicht mehr vorstellen können. Von den zwei anderen hätte sie eine Entschuldigung erwartet.

APH Schlossacker muss zahlen

Bei «Papa Joe’s» gibt man sich schockiert. «Unser Kellner ist aus allen Wolken gefallen, als er von den fristlosen Kündigungen hörte. Noch nie hat sich ein Gast wegen unseres lustigen Coupes beklagt», sagt Grischa Cassini. Und der Kellner wäre bereit gewesen, vor Arbeitsgericht die unbeschwerte Situation beim Coupe-Essen zu bestätigen.

Doch vor den Kadi ist der Fall nicht gelangt. Inzwischen haben sich die Pflegerinnen mit ihrem früheren Arbeitgeber aus Binningen einigen können. Wie Thürlemann bestätigt, ist die fristlose Kündigung in eine ordentliche Kündigung umgewandelt worden. Den Pflegerinnen wurden die drei Monate Kündigungsfrist ordentlich vergütet. Darüber hinaus erhielten sie eine Entschädigung und laut Thürlemann auch ein gutes Arbeitszeugnis, welches ihre bislang unbeanstandete Arbeit beschreibt.

Als Schuldeingeständnis würde Thürlemann diese aussergerichtliche Einigung mit Entschädigung nicht bewerten. «Die Vorgesetzte war in ihrer Würde verletzt. Eine weitere Zusammenarbeit war für mich unter diesen Umständen schwer vorstellbar.» Drei der vier Frauen haben inzwischen eine Anstellung gefunden.

Von einer «Freistellung per sofort» war Schlossacker-Chef Raphael Thürlemann selber schon betroffen. Die Genossenschaft Altersbetreuung und Pflege Gäu (GAG), welche die Heime in Egerkingen, Niederbuchsiten und Oensingen führt, hatte sich von Geschäftsführer Thürlemann nach nur eineinhalb Jahren Tätigkeit mit Eklat getrennt. Dies, nach «unterschiedlicher Aufassung über den Umgang mit dem Personal». Das Fass zum Überlaufen, so schrieb die Aargauer Zeitung 2009, war eine Entlassung einer Angestellten. Offenbar stellt Thürlemann sein Personal mit etwas lockerer Hand auf die Strasse. Kommentieren möchte der Heimleiter den Vorfall nicht. «Das sind tempi passati.»

Basler Zeitung

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