Friedliche Demo, laue After-Party

Die in der Villa Rosenau wohnenden Leute wollen die Liegenschaft nicht aufgeben. In der Nacht auf Sonntag protestierten rund 100 Leute gegen die Räumung.

Urban-Romantik oder Stadtschreck. Die Villa Rosenau ist für die einen erkämpfter Freiraum für die anderen ein Ärgernis.

Urban-Romantik oder Stadtschreck. Die Villa Rosenau ist für die einen erkämpfter Freiraum für die anderen ein Ärgernis.

(Bild: Pino Covino)

Nebel liegt über der Stadt, es ist Samstagnacht. Auf der Klybeckstrasse am Ende der Dreirosenbrücke versammeln sich etwa 100 Leute, alle um die 20 Jahre alt. Gegen Abend war der Aufruf zur Demo per SMS gekommen: «Heute: Reclaim the Streets um 0.30 Uhr: Freiräume erkämpfen und verteidigen! Villa bleibt!», hiess es.

Gekommen sind Studierende, Gymnasiasten, Leute mit und ohne Job. Die meisten haben ein Velo dabei, schnittige Renn-Göpel hat es darunter. Es ist kalt, einige Frauen frieren sich die zart bestrumpften Beine ab in ihren Miniröcken. Auch ein paar Jungs schlottern – ihre Rüeblijeans und Leinen-Jacketts geben nicht warm genug. Fröhlich tanzen sie gegen die Kälte an zum pumpenden Beat, der aus grossen Boxen auf einem Veloanhänger tönt. Ein langhaariger Mann mit Lederjacke sagt lässig zu ein paar Mädchen: «Wenn die Polizei kommt, müsst ihr keine Angst haben.»

Was ist der Anlass der Demonstration? Ein Mädchen mit Gore-Tex-Jacke sagt: «Es hiess, die Villa Rosenau werde geräumt.» Wie Regierungsrat Hans-Peter Wessels am Donnerstag erklärte, will die Basler Regierung die Parzelle, die dem Bundesamt für Strassen gehört, zurückkaufen. Spätestens im Frühjahr 2012 soll der Entscheid fallen. Eine Gruppe rund um die Bewohner der Villa Rosenau, die seit 2004 besetzt ist, habe deshalb zum Protest aufgerufen. Ein junger Mann sagt dagegen: «Heute Nacht feiern wir die Eröffnung der Off-Bar.» Die neue Kneipe an der Offenburgstrasse im Kleinbasel steht kurz vor dem Erhalt einer Bewilligung. Die Musik wird aufgedreht, die Leute setzen sich jubelnd in Bewegung Richtung Dreirosenbrücke. Ein paar tragen ein Transparent. Sie fallen auf unter dem bunten Haufen: schwarz von oben bis unten, Kapuzen über dem Kopf, Taschentücher über den fast noch kindlichen Gesichtern.

Raketen und Petarden

«Jusqu’à ici tout va bien», steht auf dem Plakat – bis hier geht alles gut. Es scheint eine implizite Warnung an die Stadt: Wenn ihr uns nicht wahrnehmt, passiert was. Aber was? Werden wieder Scheiben eingeworfen, wie am Voltaplatz oder am Saubannerzug im Mai 2010 in der Freien Strasse? Einige lassen Raketen in die Luft gehen, Petarden verströmen rotes Licht, das gespenstisch aussieht im Nebel. Eine Frau flucht über den Rauch. Zwei Zuckerstöcke lassen Funken regnen. Polizisten in Kastenwagen tauchen auf, verschwinden wieder. Autos stauen sich hinter den Leuten. In einem schicken schwarzen Offroader mit silbrig blinkendem Schnickschnack sitzt ein aufgebrezeltes Paar. Er hupt erbost, sie blickt grimmig drein. Noch so ein fetter Wagen kommt daher.

Darin sitzen Jungs mit Gel in den Haaren und dicken Lederjacken. Sie johlen und lachen. Samstag ist nicht nur die Nacht der Demonstranten, sondern auch der Cruiser-Typen, die stolz ihr Auto spazieren fahren. Vorbei gehts an der Voltamatte, an der Apotheke, welche junge Leute aus dem Dunstkreis der Basler Besetzerszene im September einschlugen. In wenigen Wohnungen geht das Licht an. Die Demonstranten winken, einige Anwohner schliessen die Läden, spähen hervor. Andere winken zurück.

Drei Jungs schreiben mit roter Sprayfarbe «Stadtentwickler fuck you» an Mauerwände und Kreisel. So geht es weiter bis zur Villa Rosenau. Von Weitem leuchtet der Schein des Feuers. Aus einer Anlage erklingt Techno. Unten im Partykeller stauen sich die Mädchen vor der stinkenden Toilette. Eine Gruppe nimmt den Töggeli-Kasten in Beschlag. Das DJ-Pult ist eingerahmt von Verkehrskegeln, die zu Lampen umfunktioniert wurden und ein oranges, romantisches Licht verströmen.

Die Kreditkartenpunks

Ein etwa Zwanzigjähriger drückt uns ein Bio-Bier in die Hand und vollführt eine Drehung. «Wir bringen die Leute schon noch zum Tanzen», lacht er. Doch das Fest plätschert ruhig dahin. Draussen fährt das erste Taxi vor, eine junge Frau steigt ein. Eine halbe Stunde später kommt das nächste. Sind diese plaudernden, Taxi fahrenden jungen Leute die linksradikalen Terroristen, wie sie bürgerliche Politiker in der Villa Rosenau vermuten? Auf den ersten Blick denkt man eher an «Kreditkartenpunks», die kleinen Brüder und Schwestern des Cüpli-Sozialisten. Wohlstandskinder, die mit Gesellschaftskritik und Leuchtpetarden gegen Langeweile aufbegehren.

Aber wenn man mit den Leuten spricht, wird schnell klar, es herrscht viel Frust in der Szene, die so schlecht über einen Kamm zu scheren ist. Sie besteht nicht nur aus Besetzern, sondern aus unterschiedlichsten Leuten, welche die Gesellschaft satt haben. Die sich radikal nennen, darunter aber ganz Verschiedenes verstehen. Geht es um Stadtentwicklung? Um Party-Freiräume? Um Revolution? Die Finanzkrise? Vermutlich geht es um alles ein wenig. Erstens um die Villa Rosenau: «Wenn die Villa geräumt ist, haben wir gar kein besetztes Haus mehr in Basel», sagt eine Studentin. Basel sollte sich ein Beispiel an Zürich nehmen, sagt sie. Da gebe es 25 tolerierte besetzte Liegenschaften.

Nulltoleranz in Basel

An der Limmat dürften Besitzer ihre besetzten Häuser nur räumen lassen, wenn sie eine Abbruch- oder Baubewilligung oder ein Konzept für eine andere Nutzung vorweisen, ist auf der Homepage der Stadt Zürich nachzulesen. In Basel werden Besetzer rausgeworfen, kaum sind sie eingezogen. So war es an den Häusern an der Wasserstrasse, so war es im Hotel am Steinengraben. Die Rosenau war bisher eine Ausnahme.

Weshalb braucht es besetzte Häuser? «Um Kunst zu machen, Konzerte zu veranstalten wie in der Villa», sagt ein Student. «Oder um soziale Projekte zu realisieren.» Etwa eine Gratis-Sprachschule für Asylanten, wie sie in Zürich ins Leben gerufen wurde. Gerade in Zeiten, in denen günstiger Wohnraum aufgewertet und ärmere Leute vertrieben würden, seien Besetzungen oft die einzige Möglichkeit, an Raum zu kommen, sagt eine Studentin. Ihr Kollege pflichtet ihr bei. Doch für ihn geht es nur bedingt um Liegenschaften, ihm geht es um Gesellschaftskritik. Hinter der Stadtentwicklung und der Nulltoleranz verberge sich eine systematische «Unterdrückung der Schwachen zugunsten der brav arbeitenden Konsumenten», sagt er. Das sei nicht die Schuld einiger böser Politiker, sondern des Kapitalismus. Die Finanzkrise sei das beste Beispiel.

Verwöhnte Gutmenschen

Der Protest dagegen sei Sisyphus-Arbeit. «Wenn wir die Ungerechtigkeit im Kapitalismus kritisieren, werden wir als naive, verwöhnte Gutmenschen abgetan», sagt er. Und das, obwohl «soziales Engagement kein Zuckerschlecken» sei. Den eigenen Unterhalt verdienen, sich unentgeltlich in sozialen Projekten engagieren und politisch aktiv sein – «das braucht verdammt viel Energie», betont er, «und endet oft im Frust».

Er erzählt von der Besetzung der Voltamatte im September. «Wir machten wochenlang Konzerte, gaben Workshops, veranstalteten Spielnachmittage», sagt der Basler. Damit hätten sie zeigen wollen: eine engagierte, solidarischere Gesellschaft ist möglich. Doch: «Niemanden interessierte es», sagt er. Deshalb hätten 10 bis 15 Leute beschlossen, härter einzufahren, erklärt er. Sie schlugen die Scheiben der Apotheke am Voltaplatz ein. «Die wussten, wenns knallt, werden sie gehört», sagt eine Villa-Besucherin, die dabei war.

Seither sind die Besetzer in den Medien, bürgerliche Politiker fordern die Räumung der Villa Rosenau, wo die Krawallmacher vermutet werden. Es gibt viele, die sich distanzieren. So etwa ein Informatiker. Er sagt: «Zum Glück hielt sich die Polizei auf der Voltamatte zurück, sonst hätte es Krieg gegeben.» Die 15 Militanten hätten es auf Auseinandersetzung angelegt. «Die Gewalt ist undifferenziert», sagt er, «die Typen hauen sich Koks rein und lassen ihren Frust raus.»

Weshalb sind sie frustriert? Weil sie unter der Gleichschaltungs-Mentalität der heutigen Zeit leiden, weil sie an eine solidarischere und reflektiertere Gesellschaft glauben wollen, sagen verschiedene Stimmen in der Villa. Mit Revolutionsnostalgie habe das nichts zu tun, sagt eine Frau, im Gegenteil. «Ich bin der Sowjetischen Republik nicht dankbar, dass heute als kommunistisch und naiv gilt, wer nicht bedingungslos und egoistisch sein Bankkonto füllen, konsumieren und Maul halten wolle.»

Gegen die Regeln der Gesellschaft

Es ist ein heterogener Haufen, der in der Villa zum Fest zusammenkommt. Gemein ist vielen Demonstranten eine antikapitalistische Haltung, eine Weigerung, sich den Normen und Regeln anzupassen, welche sind: In die Schule gehen, Job lernen, Arbeiten, Schulden machen, Steuern zahlen, Fernsehen und Konsumieren, Kinder machen, an der Urne über Belangloses abstimmen. Stattdessen wollen sie: Ungerechtigkeit kritisieren, Wachstum infrage stellen, Armut aufs Tapet bringen, über Ausbeutung sprechen, Reichtum verteilen, traumatisierte Flüchtlinge willkommen heissen.

Einige der Villa-Roseneau-Besucher und -Bewohner mögen hoffen, die Diskussion über gewalttätige Zusammenstösse mit der Polizei in Gang zu bringen. Andere versuchen auf friedliche Art und Weise, ihrem Frust Ausdruck zu verleihen. So wie am Samstag. Und wie das Wochenende davor, an dem ebenfalls 200 Personen zu Musik durch die Nacht zogen.

Basler Zeitung

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