«Fahre. Fahre. Mercedes: Fahre.»

Ladimiro Di Renzo fällt mit seiner speziellen Verkehrsregelung in der Aeschenvorstadt auf. Nachdem er neuneinhalb Stunden lang Autos, Fussgänger und Trams durchgewunken hat, entspannt er sich bei klassischer Musik.

«Fahre. Fahre. Fuessgänger: Laufe. Warte. Porsche: Fahre. Mercedes: Fahre. Tram 15: Fahre. Velo eins und zwei: Fahre. Fuessgänger: Warte. Jetzt laufe. Fahre. Fahre. Tram 11: Fahre.» So klingt es unentwegt in der Aeschenvorstadt, wo Brunngässlein und Sternengasse sich treffen und die IWB eine grosse Baustelle unterhalten. Der 47-jährige Ladimiro Di Renzo steht seit vier Wochen jeden Tag hier. Und winkt. Pfeift. Ruft: «Fahre. Fahre. Fahre.» Er ist mittlerweilen ein Ereignis.

Ladimiro Di Renzo ist sich bewusst, dass die Leute stehen bleiben, gaffen, lachen, ihn lustig finden, in seltenen Fällen auch nervig. Es interessiert ihn aber nicht, was andere über ihn denken. Er wisse, dass er gegen den Strom schwimme. Aber seine Kreuzungen müssten sauber bleiben. Wegen der Blaulichter. Letzte Woche kam zweimal die Feuerwehr, einmal die Sanität. «Die fuhren durch wie geschmiert.» Tramkolonnen gebe es bei ihm höchstens bis halb neun Uhr morgens. «Ab dann fliesst alles.»

Verkehr als Spiel

Nach neuneinhalb Stunden hat Di Renzo Feierabend. Er trinkt Wasser, raucht Zigaretten. Müde? K.O.? Erschlagen? «Ich bin fit. Ich bin erfüllt. Es ist ein Spiel. Den Verkehr flüssig zu halten ist wie Klavierspielen.» Die Menschen zu bedienen mache ihn glücklich. Er übernehme gerne Verantwortung. Allerdings gebe es immer wieder Personen, die ohne seinen Befehl über die Strasse laufen würden. Deswegen auch nenne er jedes Tram bei seiner Zahl. Damit alle hören, was er gerufen hat, falls etwas geschieht. «Ich benenne immer alles. So entsteht kein Chaos.»

Di Renzo sagt von sich, er habe ein mathematisches Gedächtnis. «Das hilft mir zu spüren, wann ich den Verkehr anhalten und die Fussgänger rüberlassen soll.» Ungeduldige Fussgänger fühle er. Wütend wird er aber nur, wenn die Trams auf der Kreuzung stehen. «Das nervt.» Letzthin habe er mit einer Frau schimpfen müssen, die direkt vor dem Tram durchlief. Doch sonst sei er Idealist und Altruist. «Diese Kräfte schwingen jeden Tag mit.»

Mozart zur Entspannung

Und was nun, nach neuneinhalb Stunden Lärm, Gewusel, Gestank, Gedröhne? «Zu Hause höre ich klassische Musik und bereite mich auf mein Konzert im Oktober vor. Das entspannt mich.» Am Feierabend ist Mozart sein Liebling. Am Morgen, bevor er zur Arbeit geht, mag er Beethoven oder Liszt. Nebenamtlich sei er klassischer Pianist und komponiere auch. Früher war er mal leidenschaftlicher Schuhmacher, lange selbstständig. «Aber wer zahlt heute noch Geld für gute Schuhe?»

Er liebt seine Arbeit, seine Kreuzung. Bis Ende Monat ist er noch da. Dann hat er zwei Wochen Ferien. Wo er nachher eingeteilt wird, weiss er nicht. «Ich möchte sehr gerne wieder an diese Kreuzung». Noch lieber hätte er eine Stelle beim Kanton, denn als Lotse bei der Security arbeite er im Stundenlohn. Sein grösster Wunsch: Den Feierabendverkehr zu regeln. Zum Beispiel am Aeschenplatz. Und das klänge dann etwa so: «Fahre. Fahre. Lastwagen: Fahre. Töff: Fahre. Fuessgänger: Laufe. Warte. Tram 3: Fahre. Blaues Auto: Fahre. Fahre. Fahre. Velos eins zwei drei: Fahre.»

Basler Zeitung

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