Ertrunken im Zeitgeist

Das Ozeanium wäre ein Geschenk für Basel gewesen. Nun ist die grosse Chance verschleudert worden.

Gegen das Ozeanium, gegen den Neubau im Bachlettenquartier: Versprayte Plakate beim Eingang des Zoo.

Gegen das Ozeanium, gegen den Neubau im Bachlettenquartier: Versprayte Plakate beim Eingang des Zoo.

(Bild: Kostas Maros)

Marcel Rohr

Einhundert Millionen Franken hätte das Ozeanium gekostet, finanziert von grosszügigen Spendern, denen der Basler Zolli am Herzen liegt. Gefühlt einhundert Millionen Gründe fanden am Ende die Gegner, das Grossprojekt an der Urne bachab zu schicken.

Der Abstimmung ging eine bemerkenswert emotional geführte Debatte voraus. Schnell wurde klar, dass sich da kein ideologischer Kampf unter Parteien zuspitzte; sogar die Linken waren intern zerrissen bei der Frage, wie schlimm es nun tatsächlich ist, Fische in einem Aquarium zu halten. Der Grosse Rat hatte sich im Herbst 2018 für die 4600 Kubikmeter Wasser stark gemacht. Im Meer der Argumente für oder gegen diesen Neubau blickte der Bürger von der Strasse nicht mehr durch. Sterben jetzt tatsächlich bis zu achtzig Prozent der Fische allein beim Transport? Gilt das nur für Zierfische? Oder sind es doch nur zwei bis fünf Prozent, wie die Befürworter in die Runde brachten? Wieviel Energie braucht der Fischtank im Bachlettenquartier? Letztlich ist es simpel aus dem Leben gegriffen: Wer sich nicht sicher ist, wählt die sichere Variante. Und legt ein Nein in die Urne. Das ist verständlich.

Für Olivier Pagan ist das Resultat ein Schock. Der Direktor des Zoo Basel hat nach diesem aufwühlenden Sonntag ein Rendez-vous mit der Talsohle, aus dem er nicht allzu schnell rauskommen dürfte. Wenn der Stadtbasler sogar schon zu einem 100-Millionen-Franken-Geschenk Nein sagt, zeigt das nur, wieviel Wirkung der neue Zeitgeist entfaltet. Der Delfin im Kinderzoo, der Bär im Zirkus, der Vogel in der Volière, der Elefant in Thailand: Wer Tiere in Gefangenschaft hält, wird selbst immer mehr in die Ecke gedrängt. Der Kampf um das Wohl der Tiere ist zweifellos eine gute, ja zwingende Entwicklung. Doch es darf nicht vergessen werden, dass es Hunderte von Experten gibt, die exakt einschätzen können, was einem Lebewesen hinter Gitter oder Glas zugemutet werden kann und was nicht. Und gerade beim Ozeanium gab es unzählige Meeresbiologen und Forscher, welche die Rahmenbedingungen in Basel in jeder Beziehung als ideal taxierten. Sie wurden im Rausch der Diskussionen ignoriert.

Noch vor zwei Jahren wäre dem Ozeanium viel mehr Goodwill entgegengebracht worden als in der gereizten Atmosphäre rund ums Klima.

Nicht nur die Tierschützer haben Konjuktur, auch die Klima-Aktivisten verspüren Aufwind. In Zeiten, in der eine junge, moderne Bewegung regelmässig auf die Strasse geht und den Politikern unbequeme Fragen stellt, kommt eine neue Zolli-Attraktion, die zweifellos Energie verbraucht, in einem dummen Moment. Noch vor zwei Jahren wäre dem Ozeanium viel mehr Goodwill entgegengebracht worden als in der gereizten Atmosphäre rund ums Klima, dem Artensterben und dem Vermüllen der Meere. Nicht falsch verstehen: Auch diese Debatten sind richtig und wichtig. Doch sie sollten sich im Kern um Inhalte und Lösungen drehen, nicht um Emotionen oder verdrehte Tatsachen. Nicht jene, die im Weg stehen, retten das Klima, sondern jene, die in der Lage sind, neue Wege in die Zukunft bauen.

Mit dem Bauen jedoch ist das in Basel so eine Sache. Das Ozeanium reiht sich ein in die prominente Liste der breiten Ablehnung: Die Calatrava-Brücke über den Rhein war zu teuer, das Multiplex-Kino vor den Steinen zu gross, der Zaha-Hadid-Bau im Stadtcasino zu pompös. Grosse Würfe haben in dieser Stadt so gut wie keine Chance mehr. Das gestrige Ja zum Neubau das Naturhistorischen Museums samt Staatsarchiv im St.-Johann-Quartier geht fast schon als Sensation durch. Ganz salopp formuliert: Für gestapeltes Papier und alte Gegenstände sind wir bereit, Millionen in die Hand zu nehmen, für ein Grossaquarium, das den Steuerzahler keinen Rappen kostet, haben wir kein Verständnis und ziehen den Stecker.

In Basel wird praktisch jedes grössere Projekt bekämpft und vernichtet. Das wirkt kleingeistig.

Dass dem Zoo die Chance genommen wird, eine Attraktion zu bauen, die weit über die Region für Aufsehen gesorgt hätte, ist der eine Teil des Aspekts. Fataler ist der Eindruck, den Basel als Ganzes hinterlässt: Unser kleines, ruhiges Fleckchen Erde soll am besten so bleiben, wie es ist. Wir brauchen keine architektonischen Würfe, wir brauchen keine reichen Schnösel und schon gar keine extravaganten Projekte, sieht man mal vom Roche-Turm ab. Eine derartige Mentalität schreckt jene ab, die in diesem attraktiven Dreiländereck weiter investieren und die Stadt glänzen lassen wollen. Doch in der Realität wird praktisch jedes grössere Projekt bekämpft und vernichtet. Das wirkt kleingeistig.

Vielleicht haben viele Einwohner am Rheinknie einfach schlicht vergessen, was es heisst, inmitten von rund 200'000 Menschen zu leben. Ja, eine Stadt darf laut sein. Ja, eine Stadt darf Verkehr anziehen. Sie darf mal verstopft sein, sie soll leben, sie muss prosperieren, sich neu entwickeln, in die Höhe, in die Breite, in die Tiefe, in die Zukunft. Wer im Zug der Ozeanium-Debatte den Mehrverkehr bekrittelt und das Auto verteufelt, darf nicht mehr an ein Heimspiel des FC Basel gehen. Dann hat es auf der Brüglinger Ebene viele Autos. Und wer es ruhiger mag, soll aufs Land ziehen. Auch dafür gäbe es gefühlt einhundert Millionen Gründe.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt