Engel aus dem Osten bleiben 90 Tage in Basel

Seit der Einführung der vollständigen Personenfreizügigkeit boomt der private Pflegemarkt. Vollzeitbetreuung für Senioren wird dank Pflegerinnen aus Osteuropa zum Schnäppchen.

Immer mehr Menschen engagieren für die Pflege zu Hause eine Arbeitskraft aus Osteuropa.

Immer mehr Menschen engagieren für die Pflege zu Hause eine Arbeitskraft aus Osteuropa.

(Bild: Keystone)

Nina Jecker

Liebevoll streicht die junge Frau dem alten Mann über die schütteren Haare. Sie lacht herzlich, auch der Senior sieht zufrieden aus. Mit rührenden Fotos und knackigen Slogans wie «Schnell – Unkompliziert – Bezahlbar –Legal» werben Firmen aus dem In- und Ausland für ihr Angebot: Betreuung rund um die Uhr für betagte Schweizer im eigenen Zuhause.

Seit anderthalb Jahren können Personen aus EU- und Efta-Staaten ohne bürokratische Hürden 90 Tage pro Jahr in Schweizer Haushalten arbeiten. Seither boomt der Markt. «Landesweit sind über 40 Vermittlungs- und Verleih­agenturen gegründet worden», weiss Soziologin Sarah Schilliger, die an der Universität Basel eine Dissertation zum Thema Care-Migration schrieb – ein Ausdruck, hinter dem die Zuwanderung von Arbeitskräften aus dem Ausland steckt, die im Zielland im Pflege­bereich tätig sind. «Die Zahl der Agenturen, die solches Personal in die Schweiz vermitteln, steigt ständig», sagt dazu Marie Avet vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco).

Juristin als Haushaltshilfe

In Basel-Stadt wurden im laufenden Jahr 14 Frauen für 13 Privathaushalte direkt von Angehörigen oder den Senioren selber beim Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) angemeldet. Für weitere 13 Frauen haben Vermittlungsagenturen dies übernommen und sechs Frauen wurden mit ordentlichen Arbeitsbewilligungen in Privathaushalten beschäftigt. «Es gibt aber keine Garantie, dass nicht noch mehr Frauen aus dem Ausland hier in der Heimpflege tätig sind, ohne die geforderte Anmeldung oder Arbeitsbewilligung», sagt Antonina Stoll vom AWA. Schwarzarbeit in Privathaushalten sei schwierig aufzu­decken.

Schätzungen gehen von über 30'000 Frauen in der ganzen Schweiz aus, Tendenz steigend. Die Pflegerinnen stammen vor allem aus Polen, der Slowakei, Lettland, Ungarn und Tschechien. Sie sind in der Regel über 45 Jahre alt und gut ausgebildet. «Ich habe zum Beispiel mit einer Juristin, einer Lehrerin und einer Psychotherapeutin gesprochen, die hier in der Schweiz in Haushalten arbeiten», sagt Schilliger. Motive für einen temporären Einsatz seien die tiefen Löhne im Herkunftsland, Arbeitslosigkeit, Schulden oder der Wunsch, den eigenen Kindern ein Studium zu finanzieren. Im Meldeverfahren bleiben die Frauen drei Monate hier, dann werden sie ausgewechselt. «Das ist auch nötig. Sie sind durch die Betreuung rund um die Uhr ausgebrannt», sagt ein Mitarbeiter einer Basler Vermittlungsagentur, die nicht genannt werden will.

Pflegerin für unter 2000 Franken

Für die Senioren und ihre Familien in der Schweiz sind die « Engelaus dem Osten», wie sie von einigen Agenturen angepriesen werden, ein Schnäppchen. Bei der in Beckenried (NW) ansässigen Firma McCare, die auch Pflegekräfte nach Basel vermittelt, gibt es eine 24-Stunden-Betreuung bereits ab rund 2000 Franken. Ein Service, der sonst bis zu 11'000 Franken kosten kann. «Es darf nicht das Privileg von Gutbetuchten sein, die Eltern daheim pflegen zu lassen», sagt Geschäftsführer Edwin Keller.

Von Dumpinglöhnen will er nicht ­reden. Zum Verdienst von rund 1900 Franken netto müsse man noch 33 Franken pro Tag für Kost und Logis dazuzählen, rechnet der Unternehmer vor. Schliesslich würden die Betreuerinnen im Haushalt wohnen und essen. Ausländische Agenturen sind noch billiger; eine polnische Firma verspricht Schweizer Kunden eine Altenbetreuerin für 1350 Franken monatlich.

Schwarze Schafe bei Agenturen

Derzeit gilt für die Pflegerinnen der Normalarbeitsvertrag Haushalt, der einen Stundenlohn von mindestens 18.20 Franken vorschreibt. «Entscheidend ist aber auch, wie viele Stunden den Frauen tatsächlich entlöhnt werden», sagt Schilliger. «Die Agenturen bezahlen teilweise nur sechs Stunden pro Tag, obwohl die Betreuerinnen rund um die Uhr anwesend sein müssen.» Von einzelnen Agenturleitungen werde zudem die Meinung vertreten, ein Spaziergang mit einem Senior im Rollstuhl sei keine Arbeit, sondern ein Freizeitvergnügen.

Die Geschäftsmodelle der Anbieter sind unterschiedlich. Manchmal gelten der Senior oder seine Familie als Arbeitgeber. In anderen Fällen fungiert der Vermittler selbst als solcher und verleiht die Angestellten an die Pflege­bedürftigen.

Beim dritten Modell melden die Frauen daheim ein Unternehmen an und kommen via Agentur als Selbstständige in die Schweiz. «Die selbstständige Dienstleistungserbringung ist ein Trick von Agenturen, um den Mindestlohn in der Hauswirtschaft zu umgehen und Sozialabgaben zu vermeiden», sagt Schilliger. Doch wer nur einen Auftraggeber hat, gelte rechtlich als scheinselbstständig. In Basel-Stadt toleriert man bei Care-Migrantinnen denn auch keine Selbstständigkeit. Stoll verweist aber auch hier auf die Schwierigkeit der Kontrollen.

Gewerkschaft fordert Vertrag

Nicht wenige Unternehmen bewegen sich in rechtlichen Grauzonen, andere handeln klar illegal. «Die Agenturen brauchen einen Sitz in der Schweiz und eine Bewilligung von uns. Jeglicher Einsatz über einen ausländischen Vermittlungs- oder Verleihbetrieb ist verboten. Ebenso der Einsatz inländischer Betriebe ohne die nötige Bewilligung», erklärt Avet vom Seco die Regeln. Zur zweiten Gruppe gehört auch die Firma McCare, die bereits vom Seco gerüffelt wurde.

Ein Privathaushalt, der unerlaubte Dienste in Anspruch nimmt, muss mit einer Busse von bis zu 40'000 Franken rechnen. Inländischen Firmen droht eine Strafe von bis zu 100'000 Franken. Ausländische Unternehmen kommen in der Regel ungeschoren davon. «Es ist sehr schwierig, im Ausland Bussen zu verteilen», so Avet.

Die Gewerkschaft Unia will nun handeln. «Die Branche wird weiter wachsen, ist aber weitgehend unreguliert», sagt Nico Lutz von der Unia. «An die illegal agierenden Firmen kommt man natürlich nicht ran, aber mit den seriösen Anbietern streben wir einen Gesamtarbeitsvertrag an.»

Basler Zeitung

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