Eine Raumstation für Kreativschaffende

Künstler und Jungunternehmer aufgepasst: Die CMS hat in Basel an zentraler Lage neuen Raum geschaffen und die «Rakete Dreispitz» landen lassen. Wir haben dem Container-Haus einen Besuch abgestattet.

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Auf dem Dreispitz ist eine Rakete gelandet. Ein mattschwarzes Monster, bestehend aus 39 Containern. Trotz ihrem nicht wirklich windschnittigen Format gewinnt die Rakete langsam an Fahrt: Seit Dezember wurden rund zwei Drittel der Container in Beschlag genommen – von Architekten, Grafikern, Musikern und Video-Künstlern.

«Wir wollten günstigen Raum für junge Leute aus der Kreativwirtschaft schaffen», erklärt Toni Schürmann von der Christoph Merian Stiftung (CMS). Die Organisation hat rund 2 Millionen Franken in das Zwischennutzungs-Projekt investiert. «Die Rakete ist quasi das Tor zum Dreispitz», findet Schürmann, «eine Raumstation für Jungunternehmer und Kreative». Mit dem Projekt will die CMS zeigen, dass auf dem Areal trotz Wohnungsbau auch weiterhin produziert und gearbeitet wird. «Viele Raketen-Mieter sind gewerbetreibende Startup-Firmen.»

Heizung und Internetanschluss inklusiv

Zwei dieser Jungunternehmer sind Mirjam Loosli (35) und Thomas Zehnder (32). Sie haben Anfang Januar gemeinsam einen 25 Quadratmeter grossen Container im ersten Stock bezogen. «Ort und Zeitpunkt waren perfekt für uns», sagt Loosli. Und Zehnder fügt an: «Es ist toll, dass wir hier mit wenig Mitteln etwas starten können». Die Innenarchitekten und Szenographen haben sich im September selbstständig gemacht. Der Einzug in den Container fiel just mit dem Eintrag ins Handelsregister zusammen. Ein Start nach Mass sozusagen. An einer riesigen Pinnwand prangen Notizen und Fotos von Luxusuhren – die beiden FHNW-Abgänger sind damit beschäftigt, die neuste Kollektion eines Kunden für die kommende Uhren- und Schmuckmesse Basel World in Szene zu setzen.

Auch für Daniel Truffer, ebenfalls Innenarchitekt und seit Kurzem selbstständig, kam das Raketenhaus der CMS wie gerufen. Der 36-Jährige bezog im Dezember als einer der Ersten einen Container. «Ich zog ein, als die Heizungen noch nicht richtig funktionierten», sagt er lachend, «aber es ist spitze hier». Der Innenarchitekt schwärmt vom preiswerten Büro, das er im Rohzustand übernommen hat und dessen Wände, Boden und Decke er selber gestalten kann. «Hier drin merkt man gar nicht, dass man in einem Container ist», findet Truffer. Neben Strom, Heizung und Internetanschluss kann der Innenarchitekt bei Bedarf auf ein voll ausgestattetes Konferenzzimmer zurückgreifen – wie alle Mieter. Knapp 500 Franken kostet das Ganze pro Monat.

«So etwas suchen wir schon lange»

Im Erdgeschoss hat sich Johannes Keller in einem Doppel-Container eingemietet. Er kann den Platz gut brauchen: Auf 50 Quadratmetern hat der Musiker zwei Cembali, ein Tafelklavier, ein Spinett sowie Sofaecke- und Arbeitszimmer untergebracht. Bis vor kurzem standen die Tasteninstrumente noch in seinem Schlafzimmer – ein eher suboptimaler Zustand, auch wegen der Nachbarn. «Jetzt kann ich rund um die Uhr Cembalo spielen», erklärt Musikakademie-Abgänger Keller, «das ist ein grosses Privileg und eröffnet neue Möglichkeiten.»

Auch Kellers Nachbar, Mitbetreiber eines wenige Schritte entfernten Musikstudios, schätzt die Freiheit, die ihm sein Container ermöglicht. «Jetzt können wir endlich parallel arbeiten – so etwas suchen wir schon lange», erklärt der in Basel nicht ganz unbekannte Musiker. Der Studiobetreiber möchte nicht namentlich genannt werden, weil er in seinem neuen Kreativ-Refugium nicht von Fans unterbrochen werden will. Ansonsten schätzt er jedoch den Austausch und die Begegnungen in der Rakete. «Das Schöne an diesem Projekt ist ja, dass man sich über den Weg läuft.»

Plattform mit Sicht über das Dreispitz

Das ist ganz im Sinn der CMS und Toni Schürmann: «Wir wollen, dass sich die Leute untereinander vernetzen können – deshalb achten wir darauf, dass die Mieter zusammenpassen.» Um der Öffentlichkeit die Entwicklung des Dreispitz-Areals – das übrigens komplett der CMS gehört – näher zu bringen, hat die Christoph Merian Stiftung ebenfalls einen Container bezogen in der «Rakete Dreispitz». In diesem soll ab März mit einem Modell gezeigt werden, wie das sich im Umbruch befindende Quartier sich entwickeln wird. Wer nicht in die Zukunft, sondern über die Dächer des Dreispitz gucken will, kann auf die Aussichtsplattform des Raketen-Turms klettern und das Quartier aus 17 Metern Höhe betrachten. Der Ausblick ist nicht schlecht – wenn man bedenkt, dass diese Rakete am Boden steht.

baz.ch/Newsnet

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