Ein Plädoyer für die EU

Der französische Botschafter beantwortete Fragen von Gymnasiasten. Er spricht von vielen Vorteilen für die Schweiz bei einem Eintritt in die Europäische Union.

Kritischer Blick erlaubt: Schüler diskutieren mit Botschafter Roudaut.

Kritischer Blick erlaubt: Schüler diskutieren mit Botschafter Roudaut.

(Bild: Nicole Pont)

Auf dem Münsterplatz, direkt vor den hölzernen Toren des ehemaligen Humanistischen Gymnasiums, parkiert ein dunkler Wagen mit vielsagendem Nummernschild: CD – der französische Botschafter René Roudaut kam nach Basel, um mit den Schülern des Gymnasiums am Münsterplatz über die schwierigen Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU zu sprechen.

Was wird nun aus den bilateralen Abkommen, da die Masseneinwanderungs-Initiative angenommen und in Umsetzung ist? Welche Konsequenzen könnte ein möglicher Austritt Griechenlands aus der EU mit sich bringen? Wie gedenkt die Union ihre Migrationsfragen zu lösen, und haben die Franzosen überhaupt noch Lust auf die EU? Die Gymnasiasten haben unter Anleitung ihrer Lehrkräfte Fragen vorbereitet, die den Botschafter ganz selten auch mal einen Augenblick verstummen lassen.

EU und CH – welche Vorteile hätte ein Beitritt der Schweiz zur Union, wollen die Schüler wissen. «Es würde vieles vereinfachen – für die EU», sagt der Botschafter. Doch was bringt das der Schweiz?, haken die Schüler nach. Seine Exzellenz wiegt den Kopf leicht hin und leicht her und erklärt die geografische Lage der Schweiz – mitten in Europa. Die Schweiz nutze den europäischen Wirtschaftsraum, pflege europäisch Werte – profitiere also von den Vorteilen, entziehe sich aber der Verantwortung: «On ne peut pas avoir le beurre et l’argent du beurre.» Den Fünfer und das Weggli gibt es in der EU nicht. Darum sei die Masseneinwanderungs-Initiative ein grosses Problem.

Zeit zum Zusammenwachsen

Migration ist ein Thema, dass die Schüler bewegt. Sie sei, betont der Botschafter, meist etwas Gutes: «Wir leben in einer globalisierten Welt – Bewegung wird es immer geben.» Die Flüchtlingsproblematik dagegen lasse sich nur lösen, wenn es gelingt, die Fluchtgründe zu tilgen. Wie man das in einem Land wie Syrien zu tun gedenke, haken die Schüler erneut nach, wenn EU-Länder noch immer Waffenhandel betreiben. Der Botschafter schweigt kurz. «Waffenhandel zu verbieten, ist keine Lösung», sagt er dann, «das beweist ja die Drogenpolitik.» Bildung sei eine Möglichkeit: Sprachen zu lernen, öffne Türen, sagt Roudaut mit Nachdruck in die Schülergesichter. «Migranten sind nur ein Problem, wenn sie die Sprache nicht lernen und nicht in den Arbeitsmarkt eintreten.»

Gerade die Arbeitslosigkeit sei aber ein grosses Problem in der EU, stellen die Schüler fest – allerdings nicht das einzige. Warum man sich auf ein wackelndes Gebilde einlassen solle? Nun strengt Monsieur Roudaut seine Lieblingsperspektive an: der historische Blick auf die EU. Ein Gebilde, gerade drei Generationen alt. Entstanden aus dem Zusammenschluss kriegszerstörter Länder. Während die Ruinen verschwanden, heilten die Wunden nur langsam. Das Mittel dazu sei aber klar: Zeit. «Auch die Schweiz», schlägt der Botschafter den Bogen zu seinen Gastgebern, «hat Zeit gebraucht, um zusammenzuwachsen.» Wie denn eine europäische Identität entstehen könne, wollen die Schüler wissen. Der Botschafter führt erneut die Schweiz als Beispiel an: Gleichzeitig Basler und Schweizer sein, zwei Identitäten pflegen, das sei es, was auch den Bürgern der EU gelingen müsse. Franzose sein und Europäer – das ist das Ziel. Generation für Generation werden die Europäer lernen, dass die Gemeinschaftsidentität jene der eigenen Nation nicht verdrängen muss. Was, wenn die Identitätsstiftung aber misslingt und ein Land sich zum Austritt entschliesst? «Das wäre ökonomischer Suizid», sagt der Botschafter knapp. Die Griechenland-Frage beantwortet er dennoch mit dem Vorschlag eines temporären Ausstiegs aus der EU – «aber nur, bis Griechenland seine Finanzpolitik stabilisieren konnte».

Die historische Perspektive

Kurz vor dem Déjeuner ist das Gespräch beendet, die Mikrofone gehen aus. Draussen glänzt der dunkle Wagen in der Sonne. Nach der Diskussion erscheint der Citroën C6 wie eine Metapher: Fürnehm steht die Botschafter-Karosse da, eine Hommage an die legendäre DS – Déesse, die Göttin –, ein Tribut an die Vergangenheit. Ein Ritt mit der historischen Perspektive.

Und die Lust der Franzosen auf die EU? Trotz Front National ist der Botschafter überzeugt: Der grosse Teil der Bevölkerung verspürt sie noch.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt