Ein Mythos an der Leine

Am Mittwoch besuchten die Nachfahren von Lawinenhund Barry Basel. Ein historischer Exkurs über den grossen Schweizer Traditionshund.

Die Nachkommen: Zum Zehn-Jahres-Jubiläum zeigten sich die Bernhardiner der Fondation Barry in Basel von ihrer Sonnenseite.

Die Nachkommen: Zum Zehn-Jahres-Jubiläum zeigten sich die Bernhardiner der Fondation Barry in Basel von ihrer Sonnenseite.

(Bild: Dominik Plüss)

Magnum liegt in der Sonne und döst: Der Boden ist warm, zahlreiche Hände tätscheln seine Flanken und kraulen ihn hinter den Ohren. Alles da, was ein Hundeherz begehrt – kein Grund, sich zu bewegen.

Aber Herrchen Claudio Rossetti, seit Februar Direktor der Fondation Barry, die vor zehn Jahren die über 300 Jahre zurückreichende Bernhardinerzucht auf dem Grossen St. Bernhard übernommen hat, kennt einige Tricks, um seinen Hunde auf die Beine zu bringen: Während Magnum mit Welpencharme vor dem Café Spitz auf und ab flaniert, müssen seine grossen Brüder hart arbeiten. Unter den erstaunten Blicken der Passanten ziehen die riesigen Hunde hölzerne Leiterwagen mit glücklich quietschenden Kindern über die Mittlere Brücke. Unten glitzert der Rhein, oben herrscht Entzücken.

Begleiter der Bergmönche

«Barry on Tour» nennt die Fondation ihre Besuchsreihe in zahlreichen Schweizer Städten, die zur Feier ihres zehnjährigen Bestehens begangen wird. Doch das Jubiläum reicht eigentlich viel weiter zuürck: 1695 wurde erstmals einer der starken Berghunde auf der Passhöhe des Grossen St. Bernhard bildlich festgehalten. Er bewachte die Mönche im Hospiz und begleitete sie auf ihren Pfaden über den Pass.

Besonders wenn Schneestürme den Mönchen und erst recht ungeübten Fremden die Sicht nahmen, Pfade ­verschwinden und Schneewände von den Bergflanken donnern liessen, wurden die Hunde vom St. Bernhard zu Lebensrettern. Sie begleiteten die Mönche durch den Schnee, pflügten durch die weissen Massen und erschnüffelten verschüttete Opfer.

Spätestens als im Jahre 1800 ein kleiner, wichtiger Franzose mit dem Namen Napoleon Bonaparte über den Grossen St. Bernhard zog und an den gut erzogenen Hunden wohl mehr Gefallen fand als an den zänkischen Eidgenossen, die auf der anderen Seite des Passes warteten, wurde die Kunde von den zuverlässigen Passhunden vom Grossen St. Bernhard in die Welt ­hinausgetragen. Bis sie als Rasse eingetragen wurden, dauerte es aber noch ein halbes Jahrhundert.

Freunde der Queen

Die Ehre, den Bernhardiner zum Trend-Hund gemacht zu haben, gebührt nicht allein Napoleon, sondern auch einem weiteren gekrönten Haupt Europas: Queen Victoria von England erwarb 1840 zwei Hunde von dem kleinen Hospiz in der Schweiz. Allzu bald gefielen nicht nur ihr die schweren Tiere mit dem majestätischen Kopf, den melancholischen Hängelidern und der weich-runden Schnauze.

Ende des 19. Jahrhunderts waren die Adligen Europas bereit, umgerechnet bis zu 30 000 Franken für einen Hund vom St. Bernhard hinzublättern. Heute kosten die Hunde aus der traditions­reichen Zucht 2400 Franken – und ­werden längst nicht mehr unbedarft dem Meistbietenden überlassen. Der Erfolg der Bernhardiner lag allerdings nicht nur an ihrer imposanten Erscheinung, es war der damals noch junge Mythos des Helden, der die gesamte Rasse adelte. Ein Mythos, der im Jahre 1800, als Napoleon den Pass überquerte, seinen Anfang nahm.

Damals wurde im Hospiz ein Welpe geboren, den die Mönche Barry nannten. Bis heute wird seine Geschichte weit über die Grenzen der Schweiz hinaus erzählt. Sie lockt Japaner und Amerikaner, Brasilianer und Basler gleichermassen in das Berner Naturhistorische Museum, wo hinter Vitrinenglas treuherzig die ausgestopfte Hülle des sagenumwundenen Barry steht, dessen Geschichte alles hat, was die Ewigkeit verlangt. Sie erzählt von eisiger Kälte und grosser Not, von bedrohlichen Bergflanken, verlorenen Wanderern und selbstlosem Mut.

1835 vermerkt das «Lehrbuch der Zoologie» die Geschichte des Hospiz und seiner Hunde: «Der täthigste und berühmteste dieser Hunde hiess Barri: Er diente dem Hospiz zwölf Jahre und rettete mehr als vierzig Menschen das Leben. Sobald Nebel und Schneegestöber den Himmel bedeckten, hielt nichts ihn im Hospiz zurück.» Eines Winters soll Barry im Schneegestöber einen kleinen Jungen entdeckt haben. Er grub ihn aus und leckte ihn mit seiner warmen Zunge so lange ab, bis das Kind aus der Kältestarre erwachte, sich am Rücken seines Retters festhalten und von Barry ins Hospiz getragen werden konnte.

Ob die Geschichte stimmt – wer weiss das schon. Dass Barry und seine Brüder stets ein Fässchen mit Rum um den Hals trugen, um die Geretteten zu wärmen – Legende. Fest steht, dass Barry bereits zu Lebzeiten als besonderer Hund angesehen wurde. Darum brachte ihn einer der Mönche mit zwölf Jahren nach Bern, wo er seinen Lebensabend ruhig und schneefrei verbrachte.

Fast eine Basler Stiftung

Vor zehn Jahren schien die Tradition nach Jahrhunderten ein Ende zu finden: Der Orden der Chorherren des Grossen St. Bernhard sah keine Möglichkeit mehr, die alte Zucht weiterzuführen. Längst hatten die Hunde ihren Zweck, Menschenleben zu retten, eingebüsst. Auch wenn das Lawinensuchgerät Barryvox nach dem zähen Helden benannt wurde; die Bernhardiner waren längst zu gross und schwer für den Rettungsdienst. Der Schweizer Nationalhund hatte seine Aufgabe verloren, wurde ab und an von Touristen getätschelt und geknipst, gebraucht aber nicht mehr. Doch bevor der Mythos Opfer der Realität wurde, sprang eine Baslerin ein: Christine Cerletti-Sarasin schuf als Mäzenin die finanzielle Basis der Fondation Barry, die 2005 unter anderen von Rudolf Thomann gegründet worden ist.

Jahr für Jahr werden in der Zuchtstätte in Martigny etwa 20 Welpen geboren. Manche von ihnen finden nach einigen Wochen ein ausgesuchtes Zuhause fern der Zucht, andere sind noch immer Retter. Anstatt Lawinen­opfer aus dem Schnee zu ziehen, ­besuchen sie alte Menschen in Pflegeheimen oder begleiten behinderte und verhaltensauffällige Kinder in Lager.Noch heute taufen die Züchter jedes Jahr einen ihrer jungen Retter auf den Namen Barry.

Basler Zeitung

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