Ein Hotel ausschliesslich für Flaschen

Die Gäste des WeinHotels auf der Erlenmatt sind Millionen wert und haben viel zu erzählen. Am Wochenende wird die Eröffnung gefeiert, wir haben jetzt schon rein geschaut.

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In diesem Hotel glänzen nicht die gediegen eingerichteten Suiten, sondern die Gäste. Die Betten sind aus hartem Holz, die Wände aus kaltem Schichtbeton. Einzige Zierde ist ein Zimmerbrunnen, der zwei Stunden pro Tag vor sich hin plätschert – damit die Luftfeuchtigkeit brav bei 73 Prozent bleibt. Wein-Wellness sozusagen. Das WeinHotel auf der Erlenmatt ist nämlich – der Name lässt es erahnen – ausschliesslich für Flaschen. «Ornellaia Bolgheri» oder «Château Mouton Rothschild» steht da etwa auf den feinsäuberlich aufgereihten Holzkistchen. Es sind kleine Schätze, die hier zu Gast sind. Etwa 8000 Weinflaschen privater Liebhaber mit einem Gesamtwert von rund drei Millionen Franken. Alles edle Tropfen, aus denen das sanfte Altern Nuancen herauskitzelt, welche Weinkenner in Entzückung versetzen.

Der Hoteldirektor heisst Rolf Lang. Der 40-Jährige kommt nicht aus dem Gastgewerbe, sondern aus der Logistikbranche. Mit dem WeinHotel und der dazugehörigen «Boutique» hat der Baselbieter nun seine Leidenschaft zum Beruf gemacht – und nebenbei eine Marktlücke besetzt. In seiner Nische vereint Lang die Logistik des Weins mit dessen Lagerung und Verkauf. Ein 12er-Karton wird für 22 Franken pro Jahr gelagert, ein «Einzelzimmer» (Tablar à 60 Flaschen) gibts für 68 Franken. Unter die Leute bringt der er seine Tropfen entweder in der neu eröffneten «Boutique» oder via Online-Shop.

«Hier habe ich den Fünfer und das Weggli»

Lang sieht sein Angebot nicht als Konkurrenz zu den Weinhandlungen in der Region, sondern als deren Ergänzung, beziehungsweise als deren Entlastung. Sein WeinHotel richtet sich nämlich vor allem auch an Weinhänder, welchen Lang vom Import bis hin zum Einzelversand an die Kunden sämtliche Schritte abnehmen kann. «Jeder soll das machen, was er am besten kann», findet der 40-jährige Weinlogistiker.

Rund 28'000 Flaschen von elf Händlern lagern zur Zeit im WeinHotel. Im Gegensatz zu den teuren Perlen der Privatkunden handelt es sich hier vor allem um Durchlaufware. Dass sein frisch eröffnetes Geschäft unmittelbar bei der Nordtangente auf dem aufstrebenden Erlenmatt-Quartier liegt, ist ein Segen für den Jungunternehmer. «Hier habe ich den Fünfer und das Weggli», sagt Lang. Auf der Vorderseite des WeinHotels habe er die einladende «Boutique» für Verkauf und Degustation, die Hotelloby sozusagen, über die Rückseite verlaufe das «dirty business» – Anlieferung und Kellerlagerung. «2015 wird das Erlenmatt ein ganz tolles Quartier sein, darauf setze ich.»

Ein Star aus dem Jahr 1945

Draussen teeren Bauarbeiter die Zufahrtsstrasse des neuen Quartiers, gewärmt von der Frühlingssonne. Einen kühlen Kontrast bietet dagegen der Keller im zweiten Untergeschoss des Ziegler-Lagerhauses, in dem das WeinHotel Unterschlupf gefunden hat. Wer hierher will, passiert endlose Korridore zwischen Paletten voller Reis, getrockneter Linsen und asiatischen Gewürzen. Hinter einem Sicherheitsschloss der Stufe 9 liegt schliesslich das 50 Quadratmeter grosse Hotelzimmer voller Weinregale. In der Mitte des elf Grad kalten Raumes präsentiert Rolf Lang «die Präsidentensuite» – gefüllt mit edelstem Wein aus Bordeaux und dem Piemont.

Der Star des Kellers schlummert allerdings zwei Meter nebenan in einem unscheinbaren Holzregal. Ihm leisten weitere Tropfen seiner Gattung Gesellschaft, doch keiner hat seinen Jahrgang: Ein 1945er Château Pétrus, einer der berüchtigsten und teuersten Weine, die es zu kaufen gibt. Oder besser gesagt: so gut wie nicht mehr zu kaufen gibt – zumindest nicht mit diesem Jahrgang. Satte 67 Jahre hat der Wein auf dem Buckel. Und einen Wert von rund 25'000 Franken, sagt Lang, der sich davor hütet, mit diesem Juwel zu hantieren. «Ich bin nicht versichert gegen Glasbruch», erklärt er, «das wäre viel zu kompliziert». Ob er glaubt, dass Weine eine Seele haben? Hört man ja immer wieder. «Ja, gewisse Weine haben eine Seele», sagt Lang, «vor allem alte Weine». Denn entweder seien die Macher dieser Tropfen verstorben oder nicht mehr am Ruder. «Ich finde es völlig faszinierend, wenn man einen fast 70 Jahre alten Wein trinkt und merkt, dass die damals alles richtig gemacht haben.» Zudem offenbare ein solcher Wein auch mit seinen Duftnoten eine Geschichte. «Beim 45er-Pétrus aus dem Frankreich im Jahr des Kriegsendes – da kann ich mir gut vorstellen, dass dieser Tropfen viel zu erzählen hat.»

Dann beendet Lang seinen philosophischen Exkurs: «Trotzdem – rund achtzig Prozent der Weine sind gemacht, um rasch getrunken zu werden». Für alle anderen gibt es das WeinHotel, welches dieses Wochenende gross seine Eröffnung feiert (siehe Box). Lang selber lagert seine liebsten Tropfen übrigens zu Hause – im eigenen Weinkeller.

baz.ch/Newsnet

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