Die ungewöhnlichsten Tropfen der Weinmesse

Auf Entdeckungsreise an der Basler Weinmesse: Dabei stiessen wir auf Exoten aus Mexiko und Libanon, einen plumpen Schauspieler aus Kalifornien, einen enttäuschenden G-Punkt und eine Walliser Whisky-Nase.

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«Coppola, dieser alte Mafioso», lacht die Frau hinter der Theke und murmelt etwas von «…Grossvater bei der Mafia…» während sie eine Flasche Zinfandel Director's Cut 2011 hervorklaubt. Der amerikanische Starregisseur produziert nämlich nicht nur Blockbuster wie «Der Pate» oder «Apocalypse Now», sondern auch Weine von ähnlicher Wucht. Wir befinden uns am Stand der Obrist SA, einer von rund 130 Weinhändlern- und Produzenten der diesjährigen Basler Weinmesse. Und Coppolas «Director's Cut» ist einer von über 4500 Weinen, die noch bis am Sonntag in der Messehalle vier degustiert werden können.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Tropfen hat dieser Wein allerdings einen weltbekannten Paten, auch wenn die Arbeit in Rebberg und Keller selbstverständlich andere verrichten. Wie ist er also, der Zinfandel – die Sorte kennt man auch als Primitivo – von Coppola? Dezent in der Nase, wuchtig im Gaumen und die Etikette ist toll. Hinter der schönen Fassade ist der Wein leider viel zu eindimensional – wie ein schlechter Schauspieler. Weitere Degustations-Details gibts in der obenstehenden Bildstrecke.

Der Walliser Whisky-Winzer

Wir schlendern derweil weiter zum Walliser Winzer Andy Varonier am Stand der «Weininsel» Varen. Der blonde Hühne stand früher im Tor des FC Sion, nach einem Abstecher in die Teppichetagen der Privatwirtschaft hat er die Geschicke des Familienunternehmens übernommen. Michael Bahnerths BaZ-Artikel über das Wallis – dessen verkappte Liebesbotschaft in den Bergtälern als Schmähschrift missverstanden wurde – findet er super, schickt Varonier voraus, bevor er das Glas mit einer Flüssigkeit füllt, die von der Farbe her auch Wasser sein könnte. Weit gefehlt! Intensive Zitrusdüfte betören die Sinne, wie das hundert Hektoliter Bergwasser nicht könnten.

Nach ein wenig Luftkontakt folgen intensive Rauch-, Holz- und Vanillenoten. «Das ist der Wein mit der Whisky-Nase», sagt Varonier über diese weisse Assemblage namens «La Réglisse» und erzählt von seinem schottischen Kellermeister Jamie McCulloch, der den Weinen mit US-Eichenfässern einen rauchig-würzigen Hauch Heimat einflösst. Und plötzlich meint man, im Glas auch Torf zu riechen. 2009 machten der Schotte und der Ex-Goalie ihre erste «Whisky-Nase», inzwischen tüfteln die beiden sogar an der Weisswein-Lagerung in alten Whisky-Fässern. Die ersten Zwischenergebnisse sind mindestens so vielversprechend wie der Name unseres nächsten Weines: G-Punkt.

Der wuchtige Wein von Novartis – ja, Novartis

Am Mykonos-Stand dann die Enttäuschung: Das «G.» auf der Etikette steht für «Greece», frivol ausformuliert wurde der Name durch den cleveren Schweizer Importeur. Abgesehen vom Namen ist der Wein allerdings kaum der Rede Wert. Ganz im Gegensatz zum «Pago Negralada 2010», einem erstklassigen Tempranillo aus dem spanischen Weingebiet Ribera del Duero. Hier sind weder Traube noch Herkunft aussergewöhnlich, sehr wohl aber das Weingut Abadia Retuerta. Dieses gehört nämlich niemand geringerem als der Novartis, wie Rolf Long am WeinHotel-Stand erklärt. Offenbar betreibt der Basler Pharma-Multi sogar eine eigene Importfirma, um seine Mitarbeiter in der Schweiz mit seinen spanischen Schätzen zu versorgen. Mit 89 Franken hat dieser opulente und dennoch geschmeidige Rotwein mit langem Abgang allerdings einen ziemlich stolzen Preis.

Da investiert man diese Summe lieber in zweienhalb Flaschen Château Musar Rouge 2005 aus dem Libanon. Sie haben richtig gelesen: Libanon! Das Land im Nahen Osten verfügt über eine Jahrtausende alte Weinbaugeschichte. Wenn die libanesischen Böden und das mediterrane Klima gepaart werden mit den Erfahrungen, die der Winzer in Bordeaux gesammelt hat, dann resultiert daraus ein Spitzenwein mit ganz eigenem Charakter von roten und schwarzen Früchten, wunderbar animalischen Noten und einem Abgang, den Flaschengeist Aladin kaum köstlicher aus der Wunderlampe hätte zaubern können.

Auf der Suche nach der Amourone-Dame

Zum Abschluss packt uns der Lokalpatriotismus und wir landen am Domaine-Nussbaumer-Stand des Aescher Winzers Nicolas Dolder, den wir 2011 bei der Ernte in der vorderen Klus begleitet haben und der mit dem «Amourone» ebenfalls einen ganz speziellen Tropfen vorzuweisen hat. Dolder ist zwar nicht der einzige Winzer aus der Region, der eine lokale Version des Valpolicella-Klassikers Amarone keltert, einzigartig ist allerdings die Geschichte dahinter: Bei einer Betriebsführung mit Wirtschaftsstudenten hat er vor nicht all zu langer Zeit angedeutet, dass er nach einem originelleren Namen für seinen Strohwein sucht.

Eine junge Frau schlug «Amourone» vor und traf damit mitten in Dolders Weinherz. Er würde der kreativen Studentin zu gerne zwei Kisten «ihres» Weins zukommen lassen – nur hat der Winzer ihren Namen bisher nicht herausgefunden. Nun steht der erste «Amourone»-Jahrgang – das Elixier getrockneter Diolinoir-Trauben – auf der Theke und verströmt Bonbon-ähnliche Aromen von Brombeere, Lakritz und Cassis. Im Gaumen gibt sich diese Fruchtbombe fast so dicht wie die Weinfülle in der Messehalle vier. Neben den eben vorgestellten Kuriositäten haben wir aus den über 4500 Tropfen weitere bemerkenswerte Weine herausgefiltert. Die Degustationsnotizen gibts in der Bildstrecke – geboten werden unter anderem ein Kampfmädchen aus Kalifornien, ein rassiger Mexikaner und eine Wundertüte aus Schengen.

baz.ch/Newsnet

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