Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

In Basel wird wieder geprügelt. Was treibt die Schläger an?

Markus Somm@sonntagszeitung

Noch ist offen, ob es an diesem Samstag in Basel erneut zu Krawallen kommt, ob junge, gelangweilte, angeblich politisch bewegte Leute es passend finden, zu ihrer Unterhaltung mitten in der Stadt ein Feuer anzuzünden und en passant ein paar Fensterscheiben einzutreten oder eine Apotheke zu zertrümmern. Vielleicht stört sie auch das eine oder andere Auto, das parkiert im Weg steht, vielleicht meldet ein vorlauter Passant Widerspruch an, den es zum Schweigen zu bringen gilt: Da es sich ja um junge Leute auf der Suche nach «Freiraum» oder Sinn handelt, ist alles denkbar. Alles wird dann hinterher von klugen Leuten erklärt: Haben wir unsere Kinder falsch erzogen? Wer hat sie zu Opfern gemacht? Liegt es an den hohen Mieten oder an der Globalisierung? In Zürich wurden Autos abgefackelt, in London Spaziergänger vermöbelt und ausgeraubt. Noch ist Basel nicht derart betroffen – und hoffentlich hat der zuständige Regierungsrat Hanspeter Gass (FDP) für dieses Wochenende seiner Polizei den erforderlichen Handlungsspielraum gewährt, damit Polizisten das tun können, wofür der Steuerzahler sie bezahlt: Ordnung schaffen – sodass die Geisterstunde am Voltaplatz ein einmaliger Spuk bleibt. Dennoch drängen sich ein paar Überlegungen auf.Was sind die Ursachen dieser sinnlosen Gewalt in einer der reichsten Städte der Welt? Wenn wir derzeit Bilder sehen aus Athen, wo Beamte oder Gewerkschafter oder Taxifahrer auf Polizisten und Bankangestellte einschlagen, dann haben wir ein gewisses Verständnis. Wohl heisst kaum jemand diese Orgien gut, aber das Motiv der Demonstranten scheint immerhin rational. Am Voltaplatz, diesen Eindruck erhält man, haben Leute aus nichtigem Grund fremdes Eigentum zerstört, gelärmt um des Lärmes willen, besetzt, damit besetzt wird.

Abenteuerlust und Wichtigtuerei

In meiner Jugend habe ich noch knapp die Zürcher 80er-Unruhen erlebt; mit einer Mischung von Abenteuerlust und Wichtigtuerei sassen wir als Fünfzehnjährige auf dem Dach des Autonomen Jugendzentrums AJZ, eigens angereist aus der Provinzstadt Baden, in der Erwartung, Grosses zu vollenden, wenn wir darüber sprachen, wann die nächste Demo anstand. Wen haben die «Bullen» hereingenommen, wer in der Vollversammlung (VV) etwas gesagt? Ein guter Freund von mir, der in Zürich aufwuchs und daher aus der Sicht des rückständigen Badeners, der ich war, um Epochen fortgeschrittener wirkte, gestand mir nach einer Demo: «Du kannst dir nicht vorstellen, was für ein befreiendes Gefühl das war, als ich diesen Bsetzistein ins Fenster warf!» Sein Vater war Manager in leitender Stellung. Man wohnte am ruhigen Zürichberg.

Wer es nicht erlebt hat, kann kaum nachvollziehen, in welch seltsamen Rausch wir uns hineinredeten, als wir uns auf einmal als Teil eines weltweiten Projektes fühlten – damals sprachen manche, besonders die finster blickenden Studenten mit Brille, die nächtelang in Lesegruppen ihr Studium vertrödelten, von «Revolution». Heute heisst es, man möchte den Kampf gegen die Finanzmärkte führen, oder man verlangt «Freiraum» – oder was immer sich als Vorwand anbietet.

Denn Vorwände sind es, diese hochtrabenden politischen Ziele, diese vornehmen Beweggründe, diese tiefen Ressentiments: Vorwände für ein Verhalten, das allein dem Lustprinzip des Nihilismus entspringt. Zerstören, Abbrennen, Prügeln, Quälen: Es sind Leidenschaften, die die Menschheit seit ihrem Bestehen bewegen, plagen und faszinieren. Vor allem junge Männer fesselt diese Wut und Lust. Zogen sie früher in den Krieg, sind sie heute gezwungen, andere Betätigungsfelder zu erschliessen: Einmal ist es ein Fussballspiel, das andere Mal der 1. Mai, schliesslich ein besetztes Haus, das einem Spekulanten entrissen werden muss.

Daher ist es falsch, mit solchen Leuten in den Dialog zu treten. Ihnen geht es nicht um ein «Problem», das die Behörden lösen könnten, kein Bedürfnis ist ungestillt, kein Mangel bedrückt sie. Das Gegenteil trifft zu. Weil sie alles haben, was sich Menschen auch nur wünschen, haben sie keine Angst mehr, etwas zu verlieren, wenn sie andere schlagen, Autos anzünden oder Polizisten angreifen.

Sie sind verwöhnt, deshalb können sie sich jedes Verhalten leisten. Im Vergleich zu allen anderen Gegenden der Welt, wo junge Menschen meist ein hartes Leben fristen, das den Erfahrungen unserer Urgrossväter gleicht, gilt für Jugendliche, die seit dem Zweiten Weltkrieg im Westen aufwachsen, die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Von der Schule wird heutzutage fast niemand mehr gewiesen, Jugendstrafen sind milde, die Eltern noch milder. Enterbt wird nie, Hausarrest ist Geschichte. Wer eine Lehrstelle hat, verliert sie selten, es sei denn, es ist ihm zu viel und er gibt selber auf. Wer dann keine Arbeit mehr hat, ist willkommen im Rundumbetreuungsprogramm des Sozialstaates. Gewohnt wird zu Hause, wo die Mutter die Wäsche macht, bis man mit 35 auszieht.

Eigentum ist keine Verhandlungssache

Es ist der Wohlstand, es ist die Sicherheit der Verhältnisse, es ist die Gewissheit, kaum bestraft zu werden, die einen Anreiz schaffen, loszuschlagen. Den Politikern und der Polizei sollte daher klar sein – und die Bürger haben sie darin zu bestärken –, dass diese Krawallanten ihr Treiben nur einstellen, wenn sie auf Widerstand stossen. Berechenbarkeit ist dabei alles: Ein Häuserbesetzer sollte nie im Glauben gelassen werden, die Aneignung fremden Eigentums sei Verhandlungssache. Und ein Prügler sollte nie der Illusion verfallen, ein Polizist verhafte ihn nur, wenn es dessen Chef in die politische Taktik passt. Wehret den Anfängen.

Basler Zeitung

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