Die richtige und die falsche Zeitung

Mit der TagesWoche kam das richtige Projekt in Gang. Auf der Strecke blieben Offenheit, Kritik gegen Staatsmacht, Lebendigkeit, das Überraschende. Ein Heimwehbasler über ein gescheitertes Medienprojekt.

Hatte keinen Bestand: Die Tageswoche als Alternative zur Basler Zeitung hat nicht allen zugesagt.

Hatte keinen Bestand: Die Tageswoche als Alternative zur Basler Zeitung hat nicht allen zugesagt.

(Bild: Keystone)

Vor drei Jahren mag es gewesen sein, als ich während der Geburtstagsfeier eines Freundes im fernen Biel unvermittelt in eine Diskussion über die TagesWoche und die Basler Zeitung ­verwickelt wurde. Der Jubilar liess sich für seine Entourage etwas Besonderes einfallen. Er lud den in Basel lebenden Autor Guy Krneta zu einer Dichter­lesung ein. Der Auftritt von Herrn Krneta erfolgte nach dem Apéro und anschliessend setzte man sich an den langen Tisch, an dem etwa 30 Leute Platz nahmen. Der Zufall wollte es, dass Herr Krneta nicht unweit von mir zu sitzen kam. Seine Tischnachbarn sprachen ihn sogleich auf die Ereignisse um die BaZ an. Wie es denn mit dem Boykott stehe, fragte ein besorgter Sozialpädagoge. Ob er auch persön­lichen Anfeindungen ausgesetzt sei, doppelte eine Assistentin der Pädagogischen Hochschule nach.

Herr Krneta gab bedächtige Antworten, lächelte und meinte zuversichtlich, dass es mit der TagesWoche ja eine Alternative gebe und eine Blocher-Zeitung in Basel keine Chance habe. So lag es wieder einmal an mir, den Spielverderber zu spielen.

«Ich habe als Heimwehbasler die BaZ nach langen Jahren wieder abonniert und finde, dass sie unter Herrn Somm eine interessante, spannende, griffige Zeitung geworden ist!»

Heftige Reaktionen

Das war zugegeben eine deftige Klatsche für die Runde, deren Diskussion sich bis jetzt ziemlich harmonisch anliess. Es folgte eine betroffene Schweigephase, auch Herr Krneta schien sehr überrascht. Doch dann entlud sich der kurzfristig aufgestaute Zorn und ich wurde freundlich, aber bestimmt zurechtgewiesen.

Man könne doch nicht ernsthaft eine Blocher-Zeitung unterstützen! Die BaZ sei doch jetzt ein rechtsextremes Hetzblatt ohne Niveau geworden! Was folgte, war der übliche, lebhafte Austausch festgefahrener Posi­tionen.

Als man mich schliesslich fragte, weshalb ich als Linker eine solche Zeitung unterstützen könne, erzählte ich der Tischrunde, was es mit der linken Debattierlust so auf sich habe. Ich erwähnte einen Artikel, den ich 2006 zusammen mit vier linken Lehrern geschrieben hatte und in welchem wir die Reform des Ausländergesetzes gegen die allgemeine linke Überzeugung unterstützten. Unsere eigene Gewerkschaftszeitung lehnte die Publikation ab, die WOZ ebenso. Schliesslich veröffentlichte ihn die Weltwoche. Nicht unerwähnt liess ich natürlich den Fakt, dass nun erstmals auch pointiert Israel-freundliche Positionen den Weg an die Öffentlichkeit finden würden. Und ich beendete mein Votum mit der zugegebenermassen etwas naiven Frage: Weshalb es denn in der Schweiz nicht eine pointiert liberale Zeitung geben solle?

Richtig und Falsch

Da entglitt meinem Kontrahenten Krneta ein bemerkenswerter Satz: «Ich kann dir nachher sehr genau aufzeigen, weshalb der Ausländerartikel ein Fehler war.»

Jetzt war ich am Leerschlucken, denn im Klartext hiess dies: Nicht die 75 Prozent der Stimmenden, die damals den Ausländerartikel angenommen hatten, dürfen ihre Meinung publiziert sehen, sondern Herr Krneta und seinesgleichen, die wissen, was richtig und falsch ist.

Und so hatte alles seine Logik. Mit der TagesWoche kam das richtige Projekt in Gang, quasi als Gegenprojekt zur falschen BaZ. In der TagesWoche kamen stets die richtigen Themen mit den richtigen Kommentaren und den richtigen Einordnungen in die Öffentlichkeit. Wenn die BaZ mit pointierten rechtslastigen Kommentaren aufwartete, galt dies als Hetze, wenn es die TagesWoche tat, war es dem engagierten Diskurs gegen rechts geschuldet. Die besseren Menschen machen die richtige Zeitung. Das ist alles gut und recht, hat aber nicht viel mit Journalismus zu tun, oder, wie es Kurt Zimmermann ausdrückte: «Anti allein genügt nicht.» Auf der Strecke blieben bei diesem richtigen Projekt Offenheit, Kritik gegen Staatsmacht, Lebendigkeit, das Überraschende. Am Schluss blieb Voraussehbarkeit und schliesslich gähnende Langeweile. Es scheint Beatrice Oeri mehr als 20 Millionen Franken gekostet zu haben, einiges mehr, als Gigi Oeri in den FCB investierte.

Alain Pichard (59) ist Bieler Stadtrat und Sekundarlehrer in Orpund. Den vorliegenden Text hatte Alain Pichard ursprünglich der TagesWoche angeboten.

Basler Zeitung

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