Die Wut der Anwohner

Nach der Krawallnacht auf dem Voltaplatz bleiben grosse Schäden und die Wut auf die Behörden. Denn die Polizei war vor Ort, liess die 150 Chaoten aber gewähren.

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Kurt Tschan

Basel hat Zürich über das vergangene Wochenende als Schauplatz einer Krawallnacht abgelöst. Bis zu 150 Chaoten feierten in der Nacht auf Sonntag auf dem Voltaplatz zuerst eine illegale Party, ehe sie ein grosses Feuer entzündeten, die Sicherheitskräfte dadurch ablenkten und im Bereich von Elsässerstrasse und beim neuen Geschäfts- und Wohnhaus Fenster und Schaufenster zertrümmerten. Die Basler Polizei spricht von massiven Sachbeschädigungen. Zwei der vermutlich linksautonomen Chaoten – beide in Basel wohnhaft – wurden verhaftet. Ihnen wird Sachbeschädigung vorgeworfen, wie der Leiter Kommunikation im Justiz- und Sicherheitsdepartement Basel-Stadt, Klaus Mannhart, der BaZ erklärt.

Nach Augenzeugenberichten schritten Polizei und Feuerwehr erstmals gegen drei Uhr morgens ein. Zu spät, wie sich jetzt herausstellt. Anders als bei früheren illegalen Partys blieb dieses Mal der Lärmpegel auch nach ein Uhr hoch. Ein klares Indiz, dass das letzte Septemberwochenende anders verlaufen würde als die vorhergehenden. Augenzeugen sahen eine auffällig hohe Zahl von Personen auf der Voltamatte, die lautstark feierten. Trotzdem intervenierten die Behörden nicht, obwohl zahlreiche Anwohner sich bei der Polizei beschwerten. Sie hielten sich wie in der Vergangenheit auffällig zurück.

Denn Aktionen auf der Voltamatte hatten Ende Mai begonnen. Als Symbol ihres Widerstandes hatten die Aktivisten einen Wachturm und andere provisorische Bauten aufgestellt. Im Kampf gegen die zunehmende Überbauung des Gebietes und um den Erhalt von Freiflächen wurde ein Teil der Voltamatte illegal besetzt. Vor allem an den Wochenenden finden seitdem regelmässig nicht bewilligte Partys statt. Die zahlreichen Anwohnerproteste änderten daran nichts. Die Behörden liessen die Aktivisten gewähren.

Enormer Sachschaden

Das riesige Feuer, das die Chaoten in der Nacht auf Sonntag gegen drei Uhr anzündeten, stellte sich im Nachhinein als taktisches Manöver heraus. Während Dutzende Polizisten in Vollmontur auf dem Gelände vorfuhren und die Feuerwehr damit begann, den Brand zu löschen, zertrümmerten auf der gegenüberliegenden Strassenseite Chaoten wahllos Schaufensterscheiben und Fenster, auch jene der Kreuz-Apotheke. Demoliert wurde auch ein Tramhäuschen. «Der Sachschaden ist beträchtlich», sagt Mannhart. In Mitleidenschaft gezogen wurde hauptsächlich der prestigeträchtige Neubau Volta Mitte der Basler Architekten Christ & Gantenbein, der zum Vorzeigeobjekt für die Quartierentwicklung beim Voltaplatz geworden ist. Die Chaoten haben das Gebäude wohl bewusst ausgesucht, als Symbol für die in ihren Augen schieflaufende Stadtentwicklung. Beim auffälligen, dunklen Bau mit der gläsernen Erdgeschossfront wurden entlang der Elsässerstrasse und der Voltastrasse auf einer Länge von je 50 Metern sämtliche Scheiben zertrümmert.

Am Sonntagmorgen betrachteten Anwohnerinnen und Anwohner fassungslos die Folgen der Zerstörungswut. Die Rauchschwaden hatten sich zwar verzogen, der Ärger aber ist gross. Ein junger Mann reisst Balken aus der Konstruktion rund um den Holzturm auf dem Voltaplatz und tritt Bretter um. «Ich habe eine solche Wut in mir», sagt der 25-Jährige aufgebracht. Es scheint, als habe er Tränen in den Augen. Er wohnt im Christ-&-Gantenbein-Gebäude. Genervt von der lauten Musik und dem Radau der illegalen Party auf dem Voltaplatz hat er mehrmals die Polizei angerufen. Und immer die gleiche Antwort erhalten: «Wir sind vor Ort.» Aber passiert ist nichts. «Warum duldet man solche Aktionen?», fragt er. «Wir sind Anwohner, auch wir haben Rechte.» Als um vier Uhr die Situation eskalierte, beobachtete er, wie vermummte Chaoten – Männer und Frauen – Metallstangen aus den Bauabschrankungen rissen und die Scheiben im Erdgeschoss zertrümmerten. «Das macht Angst», schildert er. «Die Wucht war extrem.» Es sei unverständlich, warum die Polizei nicht mehr Personen verhaftete.

Polizeidirektor Gass ist empört

Die Behörden waren eigentlich vorgewarnt. Am Samstag deuteten im Internet Aufrufe darauf hin, dass es nach dem Muster der Stadt Zürich zu einer Krawallnacht kommen könnte. Verärgert zeige sich gestern Sonntag Justiz- und Sicherheitsdirektor Hanspeter Gass (FDP). Er will an der Regierungsratssitzung vom Dienstag die Frage der politischen Toleranz gegenüber illegalen Besetzungen zur Diskussion stellen. «So kann es auf jeden Fall nicht weitergehen, die Anwohner sind meiner Meinung nach zu Recht empört», sagte Gass. Er habe die Nase voll und verlange von der Kantonspolizei einen ausführlichen Bericht über die Ereignisse der Nacht.

Für die Basler Polizei gibt es keine Anhaltspunkte, dass an der Krawallnacht Zürcher teilgenommen haben. «Dafür gibt es keine Indizien», sagte Mannhart. Der Grossteil stamme aus Basel selbst. Mitarbeit: David Weber

Basler Zeitung

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