«Die Planung ist ein konzeptloses Gewurstel»

Die BVB-Haltestelle Bruderholz soll verschoben werden, damit sie behindertengerecht wird. Dagegen wehren sich Anwohner und Ladenbesitzer.

Gleisersatz im Gang: Die Haltestellen auf dem Bruderholz werden später umgebaut.

Gleisersatz im Gang: Die Haltestellen auf dem Bruderholz werden später umgebaut.

(Bild: Moira Mangione)

Martin Regenass

Es ist ein kleines Quartierzentrum mit einem Café, einem Lebensmittelgeschäft oder einem Coiffeursalon, das die Kulisse um die BVB-Endstation auf dem Bruderholz bildet. Doch geplant ist nun, dass exakt diese Haltestelle wegen des Behindertengleichstellungsgesetzes (BehiG) rund 150 Meter in Richtung Westen verschoben wird. «Für uns könnte das ein Nachteil sein, wenn die Trams unsere Kunden nicht mehr direkt vor die Türe fahren», sagt Christine Streuli, Geschäftsführerin des Cafés und der Bäckerei Streuli an der Bruderholzallee.

Gegen die Verlegung wehrt sich auch der Neutrale Quartierverein Bruderholz. Vorstandsmitglied Hans-Rudolf Roth: «Die Verschiebung passiert zum Nachteil der bestehenden Geschäfte. Zudem verschwinden Grünflächen und Parkplätze. Der Plan ist ein absoluter Blödsinn. Die Behörden können am bestehenden Standort das Gleichstellungsgesetz problemlos umsetzen.»

Konzeptloses Gewurstel

Das Gesetz verlangt, dass jede der 251 Tram- und Bushaltestellen im Kanton dahingehend überprüft werden muss, ob die Haltestellenbordsteinkante auf der ganzen Länge auf 27 Zentimeter erhöht werden kann. Die Höhe wird damit zum bestehenden Zustand etwa verdoppelt. Dadurch soll ein Fahrer eines Elektrorollstuhls mit geringer Bodenfreiheit bis 2023 bei jeder Türe eines Niederflurtrams selbstständig und absatzfrei einsteigen können. Bis anhin sind betroffene Menschen auf die Hilfe des Chauffeurs angewiesen, der eine Rampe herunterklappt und ihnen beim Einsteigen behilflich ist.

Auf Kopfschütteln stösst die Planung auf dem Bruderholz. Vor einem Jahr haben die BVB die grünen Matten zwischen den Tramschienen herausgerissen – um sie nur Wochen später wieder neu zu bepflanzen. Der nötige Ersatz für die rund 40-jährigen Gleise wurde nicht gemacht. Das geschieht derzeit – wieder wurde das Grün herausgerissen.

Haltestelle wird aufgehoben

Jahre später wird dann mit der Umgestaltung der Haltestellen begonnen. Federführend dafür ist das Amt für Mobilität des Bau- und Verkehrsdepartements, das die Haltestellen den BVB zum Betrieb übergibt. Für Roth ein Pingpongspiel. «Die Planung auf dem Bruderholz ist ein konzeptloses Dahergewurstel. Die BVB und das Amt für Mobilität schieben die Planung hin und her. Am Schluss will dennoch niemand verantwortlich sein.»

Ins gleiche Horn stösst Thomas Mall, Anwohner und ehemaliger Verwaltungsrat der BVB. Er bezeichnet es als «pervers», dass die Haltestelle Airolostrasse aufgehoben werden soll. «Bei allem Respekt für behinderte Menschen, aber anscheinend ist es besser, keine Haltestelle zu haben als eine, die nicht behindertengerecht ist. Das Ganze ist doch eine reine Zwängerei», sagt der frühere LDP-Grossrat. Da werde ein Bundesgesetz, das ausdrücklich die Verhältnismässigkeit berücksichtige, unverhältnismässig umgesetzt, ohne die Konsequenzen zu hinterfragen.

Hindernis für Betagte

Bedenken gegen die Umrüstaktion meldet auch der Verband Fussverkehr Region Basel an. Problematisch sieht Geschäftsführer Andreas Stäheli die Haltestellenkante von 27 Zentimetern Höhe: «Das wird für betagte Menschen ein hohes Hindernis und zudem eine Sturzfalle. Da müssen sie einen Umweg machen, um entweder am Anfang oder am Ende über eine Rampe aufs Perron zu gelangen.» Als Negativbeispiele nennt er Doppelhaltestellen wie den Barfüsser- oder den Marktplatz – mit bis zu 90 Metern Länge. «Ältere Leute müssen doch hier irgendwo die Gleise queren können, damit sie keinen Umweg um die ganze Haltestelle machen müssen.» Ein möglicher Vorschlag: Einstieg für Gehbehinderte Menschen an zwei Türen.

Martin Matter, Mediensprecher der Altersorganisation Graue Panther, begrüsst die geplanten Umgestaltungen voll und ganz: «Das wird auch Leuten mit Rollator den Einstieg massiv erleichtern. Die Vorteile überwiegen», sagt Matter. Dieser Meinung ist – auftragsbedingt – auch das Amt für Mobilität. «Die erhöhten Bordkanten bei sämtlichen Türen bringen für die gesamte Bevölkerung einen komfortableren Einstieg. Es profitieren nicht nur Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer», sagt Adrienne Hungerbühler, Projektleiterin beim Amt für Mobilität.

Rund die Hälfte der Haltestellen liegt in einer Kurve. Da gestaltet sich der Umbau schwierig. Dennoch: «Unser Ziel ist es, so viele Haltestellen wie möglich behindertengerecht auszugestalten. Das ist der gesetzliche Auftrag.» Nun werde bei jeder Haltestelle geprüft, ob sie behindertengerecht gestaltet werden könne, und das Ergebnis in eine Datenbank aufgenommen. Ob das verhältnismässig sei, auch bei jenen, die in Kurven und in Steigungen liege? «Ja», sagt Hungerbühler, «die Behindertenverbände können die Nichtumsetzung einklagen.» Dann muss das Gericht entscheiden.

Kosten noch unklar

Was das Ganze den Staat kostet, ist unklar. Der Kanton gehe von 100 bis 200 Millionen aus, um das BehiG für den ÖV ganz zu erfüllen. Ob das allerdings die Kostenwahrheit ist, zweifelt Mall an. Er habe schon die Summe von 600 Millionen gehört. Der Grossen Rat hat einen Projektierungskredit von 1,46 Millionen bewilligt, eine weitere halbe Million ist beantragt.

Die erste behindertengerechte Tramhaltestelle mit einer Kante von 27 Zentimetern ist vor Kur­zem an der Endstation der Linie 8 in Kleinhüningen eröffnet worden. Ein Anwohner hat sich beim Abstieg beinahe den Fuss vertreten: «Eine Frechheit, so hohe Absätze zu bauen. Ich bin doch kein Bergsteiger.»

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt