«Die Basler beschäftigen sich stark mit sich selber»

Als Schreiber pointiert, kritisch, gnadenlos und brillant, als Chefredaktor laut, streitsüchtig, stur und mitreissend – ein Abschiedsgespräch mit Markus Somm.

«Wenn man mich angreift, werde ich in der Regel stärker.» Markus Somm (53) hat als Chefredaktor polarisiert – man liebte oder hasste ihn. Nach acht Jahren verlässt er nun die Basler Zeitung.

«Wenn man mich angreift, werde ich in der Regel stärker.» Markus Somm (53) hat als Chefredaktor polarisiert – man liebte oder hasste ihn. Nach acht Jahren verlässt er nun die Basler Zeitung.

(Bild: Florian Bärtschiger)

Im April erfährt die Redaktion, dass Tamedia die Basler Zeitung übernimmt. Markus Somm kündigt gleichzeitig an, dass er per Ende Jahr als Chefredaktor aufhört; seine Pläne sind zu diesem Zeitpunkt noch unklar. Für ihn und für alle anderen im grossen Haus am Aeschenplatz beginnt eine Zeit der Ungewissheit. Wer kann, so hat man das Gefühl, geht.

Es folgt Kündigung auf Kündigung, Abschied auf Abschied. Eine Welle der Wehmut überrollt die Redaktion. Die beste Redaktion der Welt, so sagt er – man will es glauben. Andere Medien treffen Markus Somm zum Interview, schreiben Porträts über ihn. Auch wir wollen mit ihm reden, ein letztes Mal. An einem Nachmittag Anfang September sitzen wir mit ihm zusammen draussen im Caffè zum Kuss in Basel. Vor ihm ein Glas Weisswein, neben ihm ein Rollkoffer. In zwei Stunden fährt sein Zug nach Zürich.

Worauf freust Du Dich nach der Zeit bei der Basler Zeitung?
Markus Somm: Dass ich nicht mehr pendeln muss. Das hat mich fertiggemacht. Deshalb habe ich im Zug immer geschrieben. So ist auch das Buch über Marignano entstanden.

Woran schreibst Du gerade?
An einem Buch, das wahrscheinlich im nächsten Jahr erscheinen wird. Aber ich kann noch nicht darüber sprechen.

Wirst Du beim Schreiben nicht von den Geräuschen im Zug abgelenkt?
Ich setze Kopfhörer auf ...

... und hörst italienische Schnulzen?
Ja, auch: Lucio Dalla und Edoardo Bennato. Ich höre aber oft klassische Musik, meistens Bach. Und was ich in den 80ern gehört habe: Pink Floyd, Genesis, Beatles, Rolling Stones.

Wie wichtig ist es für Dich, beim Schreiben Grenzen zu überschreiten?
Als ich als junger Mann während des Studiums in den 90er-Jahren als Journalist angefangen habe, war frech schreiben in Mode. Viele von uns kopierten den Stil von Niklaus Meienberg. Ich manchmal auch. Er war in linken Kreisen ein grosses Vorbild. Die SP war damals zwar noch eine Oppositionspartei, aber Linkssein provozierte nicht mehr so stark. Mein Schreibstil war teilweise etwas pubertär, wie in einer Schülerzeitung.

Kannst Du ein Beispiel nennen?
Ich habe eine Rezension über ein Theaterstück von Hermann Hesse in Baden geschrieben und es total zerrissen, was sowieso absurd ist in einer kleinen Stadt. Man sollte dankbar sein, dass überhaupt etwas unternommen wird. Ich war flapsig. Das hat sich dann mit der Zeit gelegt. Bei der Basler Zeitung habe ich zu Beginn viel polemischer geschrieben als jetzt.

Das Porträt über Micheline Calmy-Rey ist ein Stück aus Deiner Anfangszeit bei der BaZ. Würdest Du es heute anders schreiben?
Differenzierter. Bei der Wertung wäre ich nicht so negativ. Ich hatte damals sehr gute Kontakte ins EDA. Meine Quellen beschrieben sie als furchtbare Chefin. Das hat mich wohl beeinflusst. Als Typ fand ich sie interessant. Sie war eine selbstbewusste, gute Frau. Mich störte vor allem ihre aktive Aussenpolitik.

Wie wichtig ist es für Dich, dass auch andere Journalisten Grenzen überschreiten?
Es ist sehr wichtig. Wenn du als Journalist immer korrekt und langweilig schreibst, gewinnst du keine Leser. Du musst als Schreiber auch polarisieren, rein stilmässig. Polemik ist ein uraltes rhetorisches Stilmittel und war immer beliebt. Es ist aber eine Frage der Dosis.

Aber liest Du die Kommentare zu Deinen Leitartikeln auf bazonline?
Ab und zu. Ich habe sie nie als extrem oder primitiv empfunden.

Und wie sind die Rückmeldungen, die Du persönlich bekommst?
Immer sehr positiv.

Hast Du nie Hass- oder Drohbriefe erhalten?
Nein.

Du wurdest aber teilweise heftig angegriffen und kritisiert?
In der Schweiz sind die Leute sehr diskret. Die, die dich hassen, und die gibt es bestimmt, sagen dir das nie. Ganz selten kommt ein Amok, der dir eine Postkarte schreibt: Du Arschloch. Aber damit muss man umgehen können. Ich finde das nicht schlimm, denn schliesslich exponiere ich mich auch und teile aus.

Wie kam die teilweise heftige Kritik zu Hause an?
Die Kinder hat es überhaupt nicht belastet. Bei meiner Frau kam es nicht immer gut an. Sie fand die Kritik oft bösartig und unfair. Das hat aber sicher auch damit zu tun, dass Frauen sich in der Gesellschaft generell weniger exponieren und deshalb öffentliche Kritik auch härter empfinden.

Es gab auch Leute, die Dich gut fanden.
Es vergeht fast kein Tag, an dem nicht jemand sagt: «Die Basler Zeitung ist gut – weiter so.» Tramfahrer halten extra an, um mir etwas zuzurufen. Auch in Zürich. Ein Tramfahrer sagte mir, er höre immer die Radiosendung «Roger gegen Markus» mit Roger Schawinski und mir. «Geben Sie es ihm!» Man hat viele Fans. Das ist mir als Tagi-Journalist nie passiert.

Überschreitest Du ausser beim Schreiben auch sonst noch Grenzen?
Ich streite sehr gerne – im guten Sinne des Wortes. Manchmal fällt es mir aber schwer, die öffentliche Rolle mit der privaten zu tauschen. Als ich zum ersten Mal in die Sendung «Club» eingeladen wurde – es ging um die Minarett-Initiative – kam ich mir vor wie in einem Schützengraben.

Meine Diskussionspartner waren der inzwischen verstorbene Grüne Daniel Vischer, Christoph Mörgeli, der Filmemacher Samir, der Präsident des Initiativkomitees, Walter Wobmann, und der Historiker Georg Kreis. Es wurde sofort geschossen, wie im Krieg. Danach war ich in Streitlaune, auch zu Hause.

Das kommt bei heftigen Diskussionen manchmal auch auf der Redaktion vor.
Ja, nur müsst Ihr nicht mit mir zusammenleben.

Ganz leise packt der Fotograf Florian Bärtschiger seine Kamera ein. Unauffällig, beinahe entschuldigend winkt er zum Abschied. «Du gehst schon?», fragt ihn Markus Somm. «Möchtest Du nicht noch etwas trinken? Ein Glas Wein? Wirklich nicht?» Florian Bärtschiger schaut ihn verwundert an. So kennt er den Chef gar nicht. Interviews mit ihm laufen nämlich so ab: Der Fotograf oder die Fotografin kommt, macht in den ersten fünf Minuten des Gesprächs die Fotos und geht dann wieder. Denn Markus Somm schätzt es nicht, wenn der Fotograf dauernd beim Interview dabei ist. Das ist die Regel. Aber Abschiede sind Ausnahmesituationen, die Ausnahmeregelungen erfordern.

Was war das Unvernünftigste, das Du je getan hast?
Unvernünftiges ... Ich war lange in der Pfadi, da haben wir viele gefährliche Dinge getan. Das könnte man vielleicht als unvernünftig bezeichnen. Ansonsten: Ich habe geraucht, hatte aber weder Drogen- noch Alkoholexzesse.

Stichwort Pfadi: Dein Pfadiname war bezeichnend.
Das war vor allem gemein. Mein Pfadiname war Ali, wegen meiner grossen Klappe. Ich war immer klein – bis jetzt. Als Kleiner musst du viel reden und kämpfen. Und schnell rennen, denn wenn dich einer angreift, musst du davonrennen können. Verbündete sind auch sehr wichtig. Meinem jüngsten Sohn rate ich immer: Du musst den Stärksten in der Klasse auf deiner Seite haben, dann hast du Bodyguards. Bei kleinen Frauen ist man viel nachsichtiger.

So wurdest Du zum Anführer.
Ich hatte immer grosse Freude daran und merkte, dass mir das liegt: andere für eine Sache zu begeistern, selbst wenn es in Strömen regnete und man im Zelt fror.

Einmal im Jahr findet das BaZ -Sommerfest statt, an dem Markus Somm zwischen Apéro und Abendessen seine Rede hält. Eine Tradition, die er als Traditionalist zelebriert. Der Moment der grossen Somm-Show, für die er auch einmal auf den Tisch steigt.

Wie vernünftig war es, bei der BaZ anzufangen?
Sehr vernünftig.

Warum?
Es war eine tolle Erfahrung, eine Redaktion zu führen und in einer ganz anderen Stadt zu arbeiten. Später kam dann noch das Unternehmerische hinzu. Obwohl wir stark angefeindet wurden – oft zu Unrecht – und jedes Jahr Leute abgebaut werden mussten, hatten wir eine sehr gute Zeit. Diese Redaktion hat eine Riesenleistung vollbracht.

Ein Piratenschiff.
Wenn du als David gegen Goliath kämpfst, und alle sind gegen dich – das schweisst zusammen.Die Redaktion war teilweise enormem Druck ausgesetzt. Trotzdem war sie sehr loyal. In den ersten drei, vier Monaten nach meinem Antritt war es sehr turbulent, viele Redaktoren sind gegangen. Das bedaure ich sehr. Sie sind in diese Blocher-Hysterie verfallen, ohne überhaupt zu wissen, was sie tatsächlich erwartet. Sie hätten sich ein Jahr Zeit lassen müssen und erst dann entscheiden sollen, ob sie bleiben oder doch lieber gehen möchten.

Wann war denn Dein allererster Kontakt mit Christoph Blocher?
Als mein Vater mit ihm in der Mehrzweckhalle in Wettingen über den EWR diskutierte. Mein Vater war in der Region wegen der ABB sehr bekannt. Es kamen 2000 Leute, unter anderem viele Blocher-Fans. Als Linker fand ich sie mit ihren Alphörnern furchtbar. Auch für Blocher hatte ich wenig übrig.

Ich war völlig auf der Seite meines Vaters, aber nicht nur wegen ihm, sondern aus Überzeugung. Ich war von der EU begeistert, fand sie eine tolle Idee. Meine erste Begegnung mit Blocher war also total negativ. Als ich beim Tages-Anzeiger angefangen habe, bedeutete Blocher für mich das Unglück der Schweiz. Ich kannte ihn nicht gut.

Würdest Du heute sagen, Blocher sei das Glück der Schweiz?
Ich würde es natürlich nicht mehr so poetisch formulieren. Blocher war kein Zufall für die Schweiz – und er hat das Land vermutlich stärker geprägt als jeder andere Politiker im 20. Jahrhundert. Das sage ich als Historiker. So wie der Brexit kein Zufall war für England oder Donald Trump für Amerika. Das hat mit unserer langen demokratischen, im Zweifelsfall rebellischen Tradition zu tun.

Wie hast Du ihn schliesslich kennengelernt?
Erst als ich 1999 für den Tages-Anzeiger ins Bundeshaus kam. Der Tages-Anzeiger war wichtig für ihn, weil viele seiner Wähler diese Zeitung lasen. Und als Bundeshauskorrespondent war man ohnehin interessant für ihn. Weil er mir politisch nicht entsprach, dachte ich, dass er auch menschlich furchtbar sein musste. Doch dann lernte ich ihn kennen. Und stellte fest, dass ich zwar nicht seiner Meinung war, er sich aber bei seinen Argumenten offensichtlich mehr überlegte, als ich dachte. Vor allem war es sehr viel anspruchsvoller, ihm beizukommen.

War er Dir überlegen?
Seine Argumente waren nicht so schwach, wie ich mir das als junger Tagi-Redaktor gerne ausgemalt hätte. Und aus dem Mann, den ich für das Unglück der Schweiz hielt, wurde nach und nach einer meiner anregendsten und besten Gesprächspartner im Bundeshaus. Ich war als unerfahrener Student zum Journalismus gekommen und glaubte damals wie alle Studenten, intelligent zu sein und alles zu wissen. Erst mit dem Alter begreift man, wie wichtig Erfahrung ist. Das gilt auch für den Beruf.

Wie hat Dein Vater als Freisinniger darauf reagiert, dass Du zuerst links von ihm standest und dann rechts?
Wir sind eine sehr politische Familie, sehr liberal, nie autoritär. Es war nie ein Problem, anderer Meinung zu sein. Ich habe die Zürcher Bewegung sehr nahe erlebt. Baden war eine kleine Stadt, in der viel geredet wurde. Mein Bruder und ich nahmen ab und zu an Demos teil, hielten uns in der besetzten Falken-Brauerei auf, was bald jedermann in der BBC wusste. Man tuschelte und klatschte über uns. Einmal erschien gar eine böse Notiz im Badener Tagblatt über Somms linke Söhne. Das hat meinen Vater sehr verärgert.

Gab es Hausarrest?
Nein, er hat nie Sanktionen ergriffen. Mein politischer Wechsel nach rechts war wohl fast schwieriger für ihn. Er hatte den EWR gegen Blocher verloren, was ihn sehr lange beschäftigt hat. Wie im Übrigen die gesamte Elite des Freisinns. Dass ich bei Europa die Meinung geändert hatte, war für meinen Vater daher nicht ganz einfach. Allerdings hat sich seine Begeisterung über die EU in der Zwischenzeit auch deutlich abgekühlt. Politisch verstehen wir uns wieder bestens.

Unsere persönliche Beziehung hat unter diesen sachlichen Differenzen sowieso nie gelitten. Ich bin meinem Vater für vieles dankbar, aber das Beste, was ich in meinem Elternhaus gelernt habe, ist diese echte Liberalität, die sowohl er als auch meine Mutter uns vorgelebt haben.

Wie kam es dazu, dass Du und Blocher zusammen mit Rolf Bollmann eine Zeitung gekauft habt?
Es war ein langer Prozess. Als ich bei der BaZ angefangen habe, wusste ich nicht, dass Blocher beteiligt ist.

Wirklich nicht?
Nein, ehrlich nicht. Aber ich habe auch nicht danach gefragt.

Du hast es geahnt.
Natürlich. Ich wusste, dass Tito Tettamanti und Christoph Blocher sehr eng zusammenarbeiten und politisch auf derselben Linie sind. Ich ahnte, dass wenn sich Tettamanti engagiert, es durchaus denkbar ist, dass Blocher auch beteiligt ist. Ich wollte es aber nicht wissen, da ich sonst hätte lügen müssen. Wobei die Leute ohnehin meinten, ich hätte gelogen, aber formell habe ich es nicht getan. Heute würde ich sagen, es war keine gute Idee, so zu handeln.

Definitiv nicht.

Man hätte das von Anfang an transparent machen müssen. Es hätte zwar trotzdem einen Aufruhr gegeben, und es hätten sicher einige Leute ihr Abo gekündigt. Aber es wäre fairer gewesen. Was aber leicht vergessen geht: Matthias Hagemann hätte kaum je verkauft, wenn bekannt gewesen wäre, dass Blocher dahintersteckt. Wie viel Hagemann ahnte, weiss ich nicht. Auch er wollte es vermutlich nicht so genau wissen. Es dürfte ihm gelegen gekommen sein, dass er in der Basler Gesellschaft sagen konnte, dass er die Zeitung einem Tessiner Financier verkauft hatte.

Die Nachricht, dass die Basler Zeitung Christoph Blocher gehört, trifft Basel und die Basler wie eine Bombe. Empörung, Abokündigungen. Die Organisation «Rettet Basel» wird gegründet; es entsteht die Tageswoche , als linker Gegenentwurf zur Basler Zeitung .

Wie siehst Du Dich als Chef?
Das müsst Ihr beurteilen. Ich kann nur sagen, dass ich gerne Chef bin. Diese Redaktion bedeutet mir viel, ich halte sie für einen der grössten Erfolge meines Berufslebens. Dazu haben viele einen Beitrag geleistet, nicht zuletzt auch die vielen Leser, die uns mit ihren Zuschriften, ihren Online-Kommentaren täglich ihre Unterstützung gezeigt haben. Dass Ihr als Redaktion trotz des Widerstands eine gute Zeitung gemacht habt, die so viel ausgelöst hat, das finde ich wirklich toll. Das rechne ich Euch hoch an.

Wie bist Du als Vater?
Ich habe das Gefühl, dass meine Frau und ich es gut gemacht haben mit den Kindern. Wichtig ist, dass man in Erziehungsfragen gleicher Meinung ist. Das wussten wir vorher nicht. In einer Beziehung spricht man ja nicht über Erziehung, wenn man noch keine Kinder hat. Rückblickend wäre ich aber wohl noch etwas strenger.

Warst Du zu nachsichtig?
Im Vergleich zu anderen Eltern nicht. Da wirken wir vermutlich eher streng. Zum Beispiel galt nach dem Mittagessen immer eine Zimmerstunde für alle Kinder, während der sie sich zurückziehen mussten. Ausserdem mussten sie immer um acht Uhr ins Bett. Smartphones gab es erst mit 15 Jahren, und statt fernzusehen durften sie immer nur gezielt DVDs schauen.

Wie siehst Du Dich als Mann?
(Lacht). Ich beschäftige mich nicht stark damit. Für mich ist das Mannsein selbstverständlich. Was mir gut gefällt, sind männliche Tugenden wie Mut und Tapferkeit – was man ja heute fast nicht mehr sagen darf. Ich finde zum Beispiel, dass ich viel Stehvermögen habe und nicht leicht aufgebe. Konflikten weiche ich nie aus und denke, dass ich sehr gut streiten kann.

Kinder, Familie bedeuten Markus Somm sehr viel. «Jööööö!», ruft er, wenn jemand ihm sagt, er oder sie erwarte ein Kind. Dann gleich nach der Geburt: «Ihr wollt aber noch ein zweites, oder?» Keine Kinder zu haben, hat er einmal gesagt, sei, wie nie verliebt gewesen zu sein.

Was war das Beste in den acht Jahren BaZ?
Der Teamgeist in unserer Redaktion. Diese fröhliche, anregende und kreative Stimmung. Das habe ich besonders gespürt seit April, seitdem klar geworden war, dass die Zeitung verkauft wird. Manche Mitarbeiter haben uns verlassen – und jedes Mal war das traurig, aber auch eine Bestätigung, dass wir es gut gemacht haben.

Niemand ging gerne. Beim Abschied von David Thommen, meinem Stellvertreter, sind wir einen ganzen Tag durchs Baselbiet gewandert: Es war gleichzeitig lustig und wehmütig. Das hat mich persönlich sehr berührt. Wir hatten eine tolle Redaktion und haben viel bewegt mit dieser Zeitung. Wenn man einen Werbespot machen möchte für Journalismus, dann müsste man die BaZ nehmen.

Was war das Schlimmste?
Das Schlimmste war zu erfahren, wie Kollegen sind. Ich muss ehrlich sagen, dass ich vor manchen Journalisten jeden Respekt verloren habe. Es gab so viel Unfairness und viel Voreingenommenheit.

Natürlich spielt auch die eigene Eitelkeit eine Rolle. Aber es gab wirklich Dinge, die über mich geschrieben wurden, die einfach nicht stimmten. Und ich wusste immer, dass auch Leute dahintersteckten, die mit mir zusammenarbeiteten. Die nett zu mir waren, aber dann hinter meinem Rücken zuschlugen.

Hat Dir der BaZ-Job zu Beginn deshalb Bauchweh bereitet?
Nie. Ich konnte auch immer gut schlafen. Denn letztlich mag ich Konfliktsituationen. Wenn man mich angreift, werde ich in der Regel stärker.

Jeden Tag telefoniert Markus Somm mit seinem besten Freund, manchmal auch zweimal. Sie kennen sich seit der Kindheit – eine Sandkastenfreundschaft. Sie sprechen nie darüber, wie es der Frau und den Kindern geht. Nur in Krisensituationen. Sonst unterhalten sie sich über Russland im 19. Jahrhundert, den Zweiten Weltkrieg, Währungspolitik in den 20er-Jahren, den Euro, Griechenland. Nur über Geschichte und Politik. Das sei eine unglaubliche Stärke, sagt Markus Somm. Und auch typisch Mann.

Welchen BaZ-Artikel wirst Du nie wieder vergessen?
Das Eva-Herzog-Porträt. Das war wirklich gut, man spricht heute noch darüber. Es war auch typisch Michael Bahnerth, ein ganz frecher, hochbegabter Typ. Weniger gut war, dass er sich nicht an mein Verbot gehalten hatte, über Dinge zu schreiben, die er nicht belegen konnte. Weiter möchte ich nichts dazu sagen. Dieser Artikel war ein Meisterwerk und eine eklatante Fehlleistung zugleich.

Markus Somm kennt keine Zensur – weder für seine Journalisten noch für Gastautoren. Wer etwas zu sagen hat, soll es schreiben. Wer ein Problem damit hat, soll replizieren. Und duplizieren.

Hättest Du die freie Wahl – wen würdest Du interviewen?
Ich führe nicht so gerne Interviews. Lieber treffe ich die Menschen und porträtiere sie dann. Ein Treffen mit dem kanadischen Psychologieprofessor Jordan Peterson würde mich derzeit am meisten interessieren. Er ist ein weltberühmter Dissident in der Wissenschaft, sehr gescheit. Es ist aber sehr schwierig, an ihn heranzukommen.

Also nicht Donald Trump?
Ich habe die Falle gerochen ...

Wir hätten eher auf Obama getippt. Oder den Papst.
Obama auf jeden Fall, den aktuellen Papst nicht. Ich halte wenig von ihm. Grundsätzlich sind aber mächtige Leute für uns Journalisten immer interessant.

Was fasziniert Dich an Macht?
Das hängt damit zusammen, dass ich sehr geschichtsinteressiert bin. Die Geschichte ist nicht nur geprägt von mächtigen Menschen, aber sie spielen schon eine überproportionale Rolle. Es kommt mehr auf die einzelnen Menschen an, als wir uns manchmal einbilden. Als Student habe ich das noch nicht begriffen, erst später als Bundeshausredaktor.

Was wird Dir aus der Basler Politik in Erinnerung bleiben?
Als Freisinniger sage ich das nicht gerne: Aber die Basler Bürgerlichen müssten viel, viel mutiger sein. Die Linken haben mich viel weniger gestört. Sie haben eine Mehrheit und machen das gut. Die sind immer fröhlich und frech, mit einer beneidenswerten Selbstverständlichkeit. Das hat mir auch an Hans-Peter Wessels immer gefallen. Ein solches Auftreten würden sich die Bürgerlichen nie getrauen.

Also gibt es gar keinen Zwist zwischen Dir und Wessels?
Ich habe nur ganz selten über ihn geschrieben.

Du hast ihn einmal Sollbruchstelle genannt.
Jaaa ...

Wer ist denn Dein liebstes Regierungsratsmitglied in Basel?
Ich finde Wessels trotz allem den Besten. Eva Herzog ist zwar links, aber kompetent. Doch menschlich habe ich keinen Zugang zu ihr. Bei Wessels hingegen spürt man Persönlichkeit. Wie auch bei Christoph Eymann. Mit ihm habe ich mich immer gut verstanden.

Jetzt kommen wir doch noch zu Deinem Abschied. Bevor Du Basel endgültig verlässt – was möchtest Du den BaZ-Lesern noch sagen?
Dass Journalismus sehr wichtig ist und dass sie diesen weiterhin schätzen sollten. Noch besser wäre, wenn mehr Leute auch dafür bezahlen würden. Das gilt vor allem für unsere vielen jungen Leser, die uns im Internet schätzen, aber zu selten abonnieren.

Auch ganz wichtig: Es gibt nicht nur eine richtige Meinung. Die Demokratie braucht ständige Debatte. Viele Basler Leser hatten wirklich das Gefühl, der Teufel sei ausgebrochen, als sie in der BaZ plötzlich Meinungen lasen, die ihnen nicht gefielen.

Ist das denn typisch für Basel?
Die Basler beschäftigen sich sehr stark mit sich selber. Und die Rot-Grünen hier halte ich nicht gerade für Champions des Pluralismus. So intolerant wie die Linken habe ich die Bürgerlichen nie erlebt, selbst früher nicht, als ich noch links war. Damals haben wir vom Tagi die SVP jeden Tag in die Pfanne gehauen.

Am nächsten Tag waren ihre Vertreter im Bundeshaus trotzdem bester Laune. Schrieb man hingegen nur ein einziges kritisches Wort über einen Sozialdemokraten, wurde man nicht mehr gegrüsst.

Wie würdest Du das Basler Gemüt in drei Worten zusammenfassen?
Borniert, wehleidig, aber auch engagiert und sehr lokalpatriotisch. Und stolz, was ich gut finde. Was man auch einmal sagen muss: Basel ist seit 500 Jahren eine der erfolgreichsten Städte Europas. Das machen die Basler hervorragend.

Was möchtest Du uns auf der Redaktion zum Abschied noch sagen – ausser noch einmal, dass wir die beste Redaktion der Welt sind?
Dass es sehr schade ist, dass wir uns gezwungen sahen, die BaZ zu verkaufen. Das war kein einfacher Entscheid, und ich bin mir bewusst, dass viele das nicht verstanden haben – bei der grossen Loyalität, die uns die Mitarbeiter in Redaktion und Verlag entgegengebracht haben. Aber wir hatten kaum eine Wahl.

Ich muss ehrlich sein: Hätte ich sie selber vollständig übernommen? Ich habe mir das überlegt – und dann verworfen. Es wäre zwar denkbar gewesen, das Geld aufzutreiben. Doch mit der sinkenden Zahl der Inserenten hätte man es nie wieder eingenommen.

Deine Zukunft liegt nicht in Basel. Wo möchtest Du beruflich noch hin?
Zuerst freue ich mich auf die Zeit in Amerika, in einem intellektuell extrem anregenden Milieu. Was nachher kommt, ist offen. Ich werde sicher weitere Bücher schreiben, gerne auch einmal auf Englisch. Vielleicht sogar einen historischen Roman, der in Italien spielt. Ich halte Italien tatsächlich für das schönste Land der Welt.

Und politisch – ist der Nationalrat für Dich ein Thema?
Nein. Ich bin bewusst sehr politisch, aber kein Politiker. Ich bin fürs Leben gerne Journalist.

Hast Du Angst davor, irgendwann einmal völlig bedeutungslos zu sein?
Es kann gut passieren, dass mich irgendwann einmal niemand mehr kennt. Das ist der Lauf der Welt – ob ich damit umgehen könnte? Das sehe ich dann.

Noch wenige Tage, dann ist Schluss mit Somm in Basel – und mit mso, so sein journalistisches Kürzel. Nach Weihnachten steigt er in ein Flugzeug Richtung Amerika. Dort wird er an einem Forschungsprojekt an der Harvard Universität mitarbeiten. Doch vorher verabschiedet er sich mit einem Apéro von der Redaktion, einer Rede, vielleicht später auch mit einer Mail, gezeichnet wie immer: Herzlich, mso. Und wir sagen: Tschüss Chef!

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt