Der verrückteste Schwimmer Basels

Seit dreizehn Jahren geht Markus Schneider im Winter in den Rhein und ist nie krank. Baz.ch hat ihn bei Minustemperaturen beim Rheinschwumm begleitet.

Eisiger Schwumm: Mit -8 Grad ist die Luft zehn Grad kälter als der Rhein. (Videos: Joël Gernet)

Plus zwei Grad beträgt die Wassertemperatur des Rheins. Ganz schön kühl. Für Markus Schneider kein Grund, nicht im Rhein schwimmen zu gehen. «Vor dreizehn Jahren habe ich begonnen, auch im Herbst und im Winter zu schwimmen. In der Zwischenzeit ist es für mich zum Ritual geworden», sagt der pensionierte Anästhesist. Wenn Schneider in Basel weilt, schwimmt er fast täglich. Wenn er ausserhalb Basels unterwegs ist, dann mache es ihm auch nichts aus, wenn er einmal nicht schwimmen könne. «Es ist keine Obsession», sagt Schneider.

Vielmehr sei es ein spirituelles Erlebnis, eine Konstante in seinem Leben. Schneider sieht den Rhein als Lebensader, als einen sich stetig bewegenden Kraftquell und das Schwimmen im Rhein als ein Eintauchen in die Natur. «Wenn ich hinaussteige, dann fühle ich mich wie neugeboren. Dann bin ich ein anderer als vorher.»

Kniebeugen oder Liegestützen

Während seiner Arbeitszeit als Arzt im Universitätsspital sei das Schwimmen auch ein Reinwaschen vom Stress gewesen, ein Blitzableiter nach verantwortungsvollen und anstrengenden Tagen. «Ich tauchte jeweils ein und dachte: alles nur halb so schlimm.» Drei bis vier Minuten ist Schneider im kalten Wasser. Seine Faustregel lautet: Etwa so viele Minuten schwimmen, wie die Wassertemperatur Grad Celsius hat. Der Hobbytennisspieler und Läufer springt jeweils auf Kleinbasler Seite oberhalb der St. Albanfähre rein – am Ort, der als FKK-Strand bekannt ist – und steigt ein paar hundert Meter weiter unten wieder hinaus. Dort hat er seine Kleider deponiert und ein Frotteetuch.

Vor dem Bad macht er ein paar Körperübungen zum Aufwärmen. Beispielsweise Kniebeugen oder Liegestützen. Dann dehnt er seine Muskeln und los gehts. Das Ganze läuft ruhig ab. Kein Aufschrei ob der Kälte, kein Mucks ist von Schneider zu hören. Während er schwimmt, hält er seinen Kopf stets über Wasser. «Über den Kopf verliert man viel Energie. Zudem ist es nicht gut, bei dieser Kälte mit nassen Haaren herumzulaufen», sagt Schneider.

Den Vogel gezeigt

Am Ufer sind Eltern mit ihren Kindern, die im Kies spielen. Sie staunen über den Mann, der da im eisigen Winter dem Rhein entsteigt. «Kinder sind ehrlich, das ist eine Reaktion, die ich meistens von ihnen erlebe.» Weniger Staunen stellt der 63-Jährige bei den Erwachsenen fest. «Kürzlich hat mir jemand den Vogel gezeigt.» Andere riefen, er sei ein Spinner oder ein harter Kerl. Manche fragten ganz einfach auch, wie es gewesen sei. Schon lange nichts mehr sagt seine Frau. «Sie denkt sich einfach, es sei gefährlich und dass mich niemand herausholt, falls mir etwas zustösst», sagt Schneider, der noch nie einen Krampf hatte im eisig kalten Wasser.

Christian Senn, Präsident der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft Sektion Basel, hat Freude, dass jemand im Winter im Rhein schwimmen geht. Er empfiehlt dies aber nur Leuten, die gute Schwimmer sind und sich den Sommer und Herbst hindurch daran gewöhnt haben. «Idealerweise sollte man zu zweit gehen, falls der einen Person etwas passiert.» Zudem solle man in Ufernähe bleiben, den Rhein keinesfalls überqueren und Schwimmschuhe anziehen wegen spitzer Gegenstände. «Auf keinen Fall sollte man einfach aus Spassgründen hineinspringen», sagt Senn.

Der Trick mit dem Knopf

Während des Schwimmens kommt es im Körper zu einer Hyperämie. Dabei ziehen sich die Blutgefässe in den äusseren Körperregionen zusammen. Die Farbe der Haut wird weiss. Der Herzschlag senkt sich leicht. Beim Aussteigen fliesst das Blut dann zurück und die Haut rötet sich. «Diese Gefässreaktion macht man sich beispielsweise auch beim Kneippen zunutze. Das gilt als sehr gesund», sagt Schneider, der schon seit mehreren Jahren nicht mehr richtig krank gewesen ist. Und das ohne Grippeimpfung. Das kalte Wasser führt im Körper auch zu einer Ausschüttung zahlreicher Stresshormone wie Adrenalin, aber auch von Glückshormonen.

Wenn Schneider aus dem Rhein steigt, setzt das Zittern in seinem Körper ein. Dieses dauert rund zehn Minuten an. Später, während des Gesprächs im Restaurant Zum Alten Warteck, schliesst Schneider den Knopf seiner Hose. Das ging auf Grund der kalten Finger vorher nicht. Die Hose hielt trotzdem. Den Gurt konnte er festzurren. «Ich habe da so meine Tricks entwickelt», sagt Schneider, der deshalb manchmal den Velohelm nicht verschliessen kann. «Ja, ich bin ein bisschen verrückt, ein bunter Vogel, aber auf eine Art, die andere nicht beeinträchtigt.»

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt