Der Stadtgärtner mit der Schleife im Haar

Marc Stortz trägt Trachten, hat keinen Fernseher und schläft fast nie – in dreieinhalb Monaten wird er pensioniert.

Ein Original: Zip, der Stadtgärtner, raucht «Borkum Riff» und lüftet beim Gruss stets den Hut.

Ein Original: Zip, der Stadtgärtner, raucht «Borkum Riff» und lüftet beim Gruss stets den Hut.

(Bild: Maria Stratman)

Die Tabakpfeife legt er nur zum Schlafen aus der Hand. Nach «Borkum Riff» wird er wohl auch dann noch riechen. Marc Stortz, der Stadtgärtner, hat immer Tabak in der Jackentasche. Stets umhüllt ihn eine Rauchwolke, mal nach Orange, mal nach Caramel, mal nach Vanille duftend. Im Büro der Stadtgärtnerei steht er nun, an der Mörsbergerstrasse. Rauchen ist verboten. Die Pfeife hängt trotzdem in seinem Mundwinkel. Bereit zum Anzünden.

Seit 25 Jahren schneidet Marc Stortz die Rosenstauden bei der Matthäuskirche – im Juni wird das ein anderer übernehmen. Dann wird der Stadtgärtner mit dem bauschigen Bart pensioniert, pünktlich zu seinem 63. Geburtstag, und es wird mehr fehlen als ein Mann, der sich um die Rosenstauden gekümmert hat. Kleinbasler werden nicht länger stehenbleiben, um den Tabakduft aus alten Zeiten einzusaugen. Kleine Mädchen werden bei ihren Mamis nicht mehr um eine ebensolche Frisur wie jene des Gärtners betteln: diesen langen Zopf mit dem eingeflochtenen Stoffband – mal rot, mal himmelblau, jede Woche ein anderes –, dessen Ansatz eine grosse Schleife ziert.

Vier Vornamen

Ob er sich auf den Ruhestand freue, möchte man natürlich wissen. Aber eine solche Frage stellt sich nicht in der Welt von Marc Stortz. «Es ist einfach so, wie es ist. Ich gehe auch gerne zur Arbeit.» Und das Gärtnern in der Stadt, wird er das vermissen? Er zuckt mit den Schultern: «Man muss die Zeit laufen lassen.» Aus seiner Stimme klingt kein Groll, wenn er das sagt, es scheint ganz einfach so, als ob sich Marc Stortz keine Gedanken über diesen sowieso nicht abwendbaren Lauf der Dinge macht.

Marc Stortz, den die anderen Stadtgärtner nur Zip nennen, weil es irgendwann noch einen zweiten Marc gab, bleibt während des ganzen Gesprächs stehen. Er kann nicht mehr gut sitzen, er habe es im Rücken, sagt er und lächelt dabei, wie auch bei der Geschichte, die er nun erzählt: «Dieser andere Marc, der hat mir gerne seine Arbeit zugeschoben.» Sozusagen von Marc zu Marc, auf der Ämtliliste, weshalb er sich kurzerhand umbenannte, seines vierten Vornamens bediente: Marc Louis Wilhelm Zip. Vier Vornamen seien nichts Spezielles, da, wo er herkomme, hätten manche fünf oder sechs Namen.

Vier Jahre Lesen und Schreiben

Marc Stortz ist im Elsass aufgewachsen, in Saint-Louis, auf dem Bauernhof seines Grossvaters. Er blickt an sich herunter, auf das Schmuckstück, das zwischen der gelbgrünen Stadtgärtnerjacke funkelt, und das zu seiner Sundgauer Tracht gehört, die er nach der Arbeit wieder überstreifen wird. Die Alltagstracht, die Sonntagstracht und der Zopf mit der Schleife sind es, die ihn noch immer an die Heimat binden. Jedes Dorf habe seine Tracht, jedes Volk seine Kleidung, in Indien genauso wie hier, sagt der Gärtner, und das klingt aus seinem Munde so logisch wie zwei mal zwei vier gibt.

Marc Stortz ging nur vier Jahre zur Schule, dann wurde er auf dem Hof gebraucht. Dazumal sei es normal gewesen, die Kinder in der Erntezeit aus der Schule zu nehmen, damit sie helfen konnten, sagt er – und nach vier Jahren konnte es dann auch mal für immer sein. Auf dem Hof lernte Marc Stortz schmieden, schreinern, nähen, schnitzen. Er lernte die Kräuter und Pilze in den Wäldern kennen, er lernte, zu überleben. Lesen und Schreiben, das kann er auch, «aber ich habe viel verlernt», sagt er. Das will er nun nachholen, sobald er pensioniert ist.

Marc Stortz denkt gerne an seine Kindheit zurück, er würde sich keine andere wünschen. Auch heute nicht. «Ich hatte gute Eltern und Grosseltern, es war schön.» Er sei fast immer draussen gewesen, habe gespielt und gearbeitet, ja, es wäre eine gute Welt, wenn alle so aufwachsen dürften. Er und seine beiden Geschwister trugen bereits als Kinder eine Art Tracht, die ihre Mutter nähte, und das Haar trugen sie auch immer schon lang, «bis zum Füdli», sagt der Gärtner. Zumindest bis es beim Spiel Feuer fing, und dadurch mal wieder kürzer wurde.

80 Hüte und funkelnde Fingerringe

Heute wohnt Marc Stortz in Bubendorf. In einem Bauernhaus, zusammen mit seiner Frau, mit der er seit 37 Jahren verheiratet ist. Auf die Frage, wie denn seine Frau so sei, sagt er: «Sie ist eine gute Frau. Sie kann alles, was ich kann», und nach einer kurzen Pause, «fast alles.» Der Gärtner macht alles selber, was sich selber machen lässt. Zum Beispiel Tabakpfeifen, alle mit Steinchen verziert. Fingerringe, zwei trägt er pro rauhe Gärtnerhand, alle mit schimmernden Steinen, die meisten wuchtig. Der einzige Ring, den er nicht selber geformt hat, ist sein Trauring. Diesen trägt er aber nicht, er liegt zu Hause. Er gehört nicht zur Tracht.

Dort liegen auch seine 80 Hüte, wohl der einzige Luxus des Gärtners, der sagt, dass er keinen Luxus brauche – für was auch. Drei davon hat er selber gemacht, aufgesteckt auf einem Stück Holz in die gewünschte Form gebracht. Mitten in der Nacht. Wenn er übermütig sei, stehe er auf und mache irgend- etwas. «Ich brauche nicht viel Schlaf, vielleicht vier Stunden, manchmal auch gar keinen.»

Gewöhnlich ist es ein Uhr nachts, wenn Marc Stortz aufsteht. Dann bereitet er sich das Frühstück zu, beginnt zu nähen, zu malen oder klopft eben einen Hut in Form. Denn ohne Hut geht Marc Stortz nicht aus dem Haus, seit 30 Jahren nicht mehr; heute ist es ein grüner mit Federn und einem silbernen Eichhörnchen. Ein einfacher Alltagshut, wie er sagt, den er zum Grüssen stets lüftet, und meistens macht er sogar einen Knicks dazu, mit Verbeugung.

Ein bisschen scheint Marc Stortz wie aus einem vergangenen Jahrhundert. Nicht nur wegen der Tracht, die seiner Ansicht nach einzige Art, sich wirklich anständig zu kleiden: «Die Menschen haben heute im Grossen und Ganzen keinen Stil mehr.» Und auch nicht wegen des Filmprojektors, der statt eines Fernsehers bei ihm in der Stube steht, sondern weil er so ist, wie er ist.

Der Gang des kleinen Mannes ist gemächlich, in der Mittagspause steht er an der Werkbank im Magazin der Stadtgärtnerei und schnitzt Pilze oder Eulen aus halben Holzstämmen. Marc Stortz ist keiner, der nach immer mehr und noch mehr strebt. Je mehr man wolle, desto blöder werde es, findet er. Er ist zufrieden mit seinem einfachen Leben, das er selber wohl nie einfach nennen würde.

«Er ist ein Original», sagt Simon Leuenberger, Leiter des Kreises Kleinbasel der Stadtgärtnerei. Deshalb lasse man bei ihm auch ein bisschen mehr durch als bei anderen. «Zip ist nicht der Schnellste, er hält da und dort ein Schwätzchen, er kennt viele Leute in der Stadt.» Aber er erledige alle Arbeiten, die man ihm auftrage, gut und zuverlässig.

Die Stadtgärtner werden ihn vermissen. Vor allem seine Art, sagen sie, obwohl er eher ein Einzelgänger sei, der seine Mittagspause lieber auf der Bank im Flur statt im Essraum verbringe. Weit weg sei er dennoch nie. Und sie sagen auch: «Wahrscheinlich merken wir erst, was er alles gemacht hat, wenn er mal nicht mehr da ist.» Er sei einer, der flicke, was kaputt sei, ohne darüber zu reden. Auch mal am Feierabend oder über Mittag.

Ein Künstler

Für Jean-Luc Obermeier, einen seiner Kollegen, ist Zip ein Künstler. So ziemlich jeder der Stadtgärtnerei habe ein Geschenk von ihm zu Hause. Irgendetwas Selbstgebasteltes. Bei Jean-Luc Obermeier hängt ein Bild von Zip und steht eine drehbare Holzplatte fürs Fondue. Aus seiner Stimme klingt viel Achtung: «Er kann mit nichts etwas reparieren.» Früher habe Zip sehr viel geleistet, und er sei nie krank gewesen. Heute sei er körperlich nicht mehr ganz so fit, er habe es im Rücken.

Die Gärtnerkollegen nennen ihn einen toleranten Menschen ohne Vorurteile. Eine Sache aber gibt es, die Marc Stortz zermürbt. Es ist der einzige Moment im Gespräch, in dem das Lachen kurz aus seinen Augen verschwindet und er nicht mehr rundum zufrieden wirkt. Die Jugendlichen sind es, die ihm zu denken geben, die keinen einfachen Auftrag mehr umsetzen könnten und immer wieder nachfragen müssten, bis sie etwas machen würden. Sie registrierten vieles nicht mehr, weil sie nur noch auf ihren Spielgeräten am «Umetöggele» seien, sagt Marc Stortz. Und er beklagt auch, dass sich die Jugendlichen nicht mehr austoben könnten, und viele Eltern kaum noch Zeit für sie hätten.

Der neuen Technik steht der Stadtgärtner skeptisch gegenüber: «Sie entwickelt sich zu schnell – wir sind etwa 20 Jahre weiter, als wir sein sollten», sagt er, und das führe zu immer mehr Problemen. Solche Gedanken halten Marc Stortz aber nicht vom Leben ab. Er hat noch viel vor; er ist nicht der Typ, der ab Juni die Beine hochlagern wird. Er wird weiter nähen, Möbel schreinern, schmieden, malen, fotografieren, er überlegt sich sogar, trotz seinen Vorbehalten von analoger auf digitale Fotografie umzustellen.

Und er wird viel Zeit draussen verbringen, er ist ein Naturmensch. Ein richtiger. Davon will er jedoch nichts hören: «Ich bin einfach so, wie ich bin.» Marc Stortz sucht nach Kräutern in den Bergen und sammelt Pilze in den Wäldern, aber nicht mehr so oft wie früher: «Pilze sind wie ein Schwamm, sie saugen alles Gift auf.» Er freut sich darauf, nur noch selbst gemachte Konfitüren im Haus zu haben, also noch mehr selber machen zu können als bisher. Sollte es ihm doch mal langweilig werden, wird er sich einen Sack auf den Buckel laden und loslaufen. Hinein in die Natur.

Zeitungen gegen die Kälte

Es ist bald Mittagspause. Zeit für eine Tabakpfeife. Dann nochmals ein paar Stunden Bäume schneiden – etwas vom Einzigen, was man in dieser toten Zeit machen könne, sagt Marc Stortz. Frieren wird er dabei nicht, dafür ist es ihm noch zu warm, und sonst würde er einfach Zeitungen unter seine Kleider schichten. «So haben wir das früher gemacht, aber da hat man auch noch anständig gegessen.» Ob er eine Lieblingspflanze habe, möchte man vom Gärtner noch wissen: «Nein, alle Pflanzen sind gleich, sie gehören einfach zur Natur. Fertig.» Man hört, wie unsinnig er diese Frage findet, weiterfragen lohnt sich nicht mehr.

Um 16 Uhr wird Marc Stortz die Arbeitskleidung gegen seine Sundgauer Tracht eintauschen, seine Frau wird ihn abholen, wie jeden Tag. Und sie werden gemeinsam heimwärts fahren. Mit Tram, Zug und Bus. An den Haltestellen wird es danach noch eine Weile nach Vanille und Tabak riechen.

Basler Zeitung

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