Das Neue darf wie alt aussehen

Das Basler Stadtcasino erhält durch die Renovation einen erstaunlichen historisierenden Akzent.

Nach der Renovation ist vor der Renovation.

Nach der Renovation ist vor der Renovation.

(Bild: Visualisierung Herzog & de Meuron)

Nach der Renovation ist vor der Renovation. Das gilt zumindest für den Musiksaal des Stadtcasinos Basel. Dieser wurde 1876 in der klassischen «Schuhschachtel»-Form mit zahlreichen hölzernen Pseudo-Marmor-Säulen und viel Stuck an den Wänden und an der Decke erbaut. Lange Zeit galt er als einer der besten Konzertsäle weit und breit – der Akustiker Leo Beranek zählte ihn in seinem (allerdings inzwischen veralteten) Buch «Music, Acoustic, Architecture» gar zu den fünf besten Konzertsälen der Erde.

In den Dimensionen hatte man sich grob, wenn auch nicht exakt, am alten Leipziger Gewandhaus orientiert. 1905 kam der kleinere Hans-Huber-Saal hinzu, ein Werk von Fritz Stehlin, dem Neffen des Musiksaal-Architekten Johann Jakob Stehlin-Burckhardt. Bis heute ist der Huber-Saal ein beliebter, akustisch vorzüglicher Raum für Kammermusik und kleinere Orchester.

Zwar kam in den späten Dreissigerjahren der noch heute bestehende Anbau im Stil der Neuen Sachlichkeit mit dem Pellegrini-Fries und den Restaurationsräumen hinzu, aber am Musiksaal mit seinen 1500 Plätzen änderte dies nichts. Aus Lärmgründen wurden die Fenster gegen den Steinenberg zugemauert, und auch das grosse Oberlicht-Dachfenster verlor seine lichtspendende Wirkung.

Umstrittene Erneuerung

Eine grössere Renovation des Musiksaals wurde von 1987 bis 1989 vorgenommen. Die alten, knarrenden Holzstühle wurden durch moderne Thonet-Klappstühle ersetzt, die Wandbemalung wechselte von Weiss und Rot ins Orange-Rötliche, und alles wirkte wie neu. Ein kleiner lokaler Dissens über die Akustik – nach Meinung des Akustikers Jürg Jecklin hatten sich die Akustikwerte durch die Renovation verschlechtert – verlief im Sande. Nicht einmal die Orchestermusiker merkten etwas von den angeblich veränderten Nachhallzeiten.

Vor allem aber unterliess man es bei dieser Renovation, die von Anfang an zu engen, ungemütlichen Foyers und Garderobenräume zu erweitern. Es gab schlicht keinen Platz dafür. Auch auf den Einbau einer Lüftung verzichtete die federführende Casino-Gesellschaft. So kam es in der heissen Jahreszeit immer wieder zu Ohnmachtsanfällen von Konzertbesuchern.

Mit der jetzt in Arbeit befindlichen Renovation durch Herzog & de Meuron (Projektleiter: Andreas Fries) geht die private Casino-Gesellschaft einen entscheidenden Schritt weiter (BaZ vom 27. September). Neu wird eine Lüftung eingebaut, und die Bühne wird heb- und senkbar. Durch Versetzung der Aussenmauer in Richtung Barfüsserkirche entsteht ein grosszügiges zweistöckiges Foyer, das zum Flanieren einlädt und auch für repräsentative Zwecke wie Empfänge und Sponsorenanlässe geeignet ist.

Es gibt eine neue, allerdings wie bisher fest montierte Bestuhlung. Nur die vordersten Stuhlreihen im Parkett sollen demontierbar sein, sodass vielleicht doch wieder einmal Bälle und Bankette im Musiksaal stattfinden können. Zudem bekommt das Stadtcasino erstmals eine auf die Bedingungen des Saals abgestimmte Konzertorgel (BaZ vom 17. Juli)

Verbunden werden die zwei Stockwerke des Foyers durch zwei spiegelbildlich aufeinander bezogene, elegant geschwungene Wendeltreppen. Zusätzlicher Raum entsteht durch den Ausbau des bisher nicht öffentlich genutzten Kellergeschosses, das unter anderem die Garderoben und einen Lagerraum für Instrumente umfasst. Gut denkbar, dass dort auch kleiner besetzte Kammermusik-Konzerte stattfinden könnten, denn der Raum hat einen schönen, natürlichen Hall. Vorgesehen ist das zwar nicht, aber der Fantasie der Musikerinnen und Musiker sind bekanntlich keine Grenzen gesetzt.

Zurück in den Zustand von 1905

«Wir gehen nicht auf den Originalzustand von 1876, sondern auf den Zustand des Musiksaals von 1905 zurück», sagte Jacques Herzog anlässlich einer Führung durch den Rohbau. Andernfalls hätte man die Orgel ausbauen müssen und wieder – ein unsinniger Anachronismus – Kerzenbeleuchtung einführen müssen. Herzog lässt an der Renovation des denkmalgeschützten Musiksaals von 1989 kaum ein gutes Haar – die Farbe der Wände sei nicht die ursprüngliche, und die Kapitelle der Säulen seien es ebenfalls nicht. Gut, dass unter den neueren Farbschichten noch der alte Anstrich aus dem späten 19. Jahrhundert sichtbar ist. Die Fenster sollen wieder geöffnet werden, ohne dass die akustische Abschirmung darunter leiden müsste. Moderne Glas-Technologie macht das möglich.

Bauen ist nicht einfach das Erstellen von Gebäuden. Es hat viel mit Atmosphäre und mit dem Erleben des städtischen Lebensraums zu tun. Und da verspricht sich Jacques Herzog mit seinem Team eine spürbare Veränderung zum Guten hin, denn im «neuen» Stadtcasino soll ab August 2020 nicht nur der Haupteingang auf den Barfüsserplatz verschoben werden. Durch die bereits erfolgte Abtrennung von Musiksaal und Casino-Restaurants entsteht auch eine Gasse, die direkt vom Steinenberg auf den Barfüsserplatz führt.

Auch das erinnert an die alten Zeiten vor dem Neubau aus den Dreissigerjahren: Früher fuhren dort die Kutschen vor, um Konzertbesucher ein- und aussteigen zu lassen. Ausgerechnet die gern als ultramodern apostrophierten Basler Stararchitekten machen sich also für einen sehr zurückhaltenden, historisierenden Baustil stark.

Basler Zeitung

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