Das Lächeln des Dalai Lama

Am Freitag kommt das Oberhaupt der Tibeter nach Basel. Ein Überblick über den Mann der Ruhe und Frieden predigte und so in die Annalen der Geschichte einging.

Ozeangleicher Lehrer: So lautet die Übersetzung von «Dalai Lama», und so nimmt der Mönch Wissen und neue Techniken auch auf: offen und interessiert

Ozeangleicher Lehrer: So lautet die Übersetzung von «Dalai Lama», und so nimmt der Mönch Wissen und neue Techniken auch auf: offen und interessiert

(Bild: Keystone)

Ein teures Hotel in Graz: Es ist sechs Uhr früh, als eine Tür sich öffnet und ein Mann in oranger Robe auf den Gang tritt, einen Frühstückswagen hinter sich herziehend. Eine zweite Tür geht auf, ein Mann im Anzug, Typ Manager, tritt heraus. Gemeinsam beginnen die beiden, Essen auf einen einzelnen Teller zu stapeln. Derweil sitzt auf einer Parkbank vor dem Hotel ein Bettler. Manchmal blickt er hoch, zu den schwarzen Fenstern des teuren Hotels, da öffnet sich die Eingangspforte: Jemand hält dem Bettler einen Teller voller Essen hin. Hoch oben im Hotel lächelt der Dalai Lama.

Heute trifft Seine Heiligkeit in Basel ein. Ob sich vor dem Trois Rois eine ähnliche Szene wiederholen wird? «Auf jeden Fall wird er sich Zeit nehmen, mit den Angestellten zu scherzen», sagt Tibetologe Christof Spitz, seit 15 Jahren der Deutsch-Übersetzer des Dalai Lama, der damals im Hotel zusah, wie der Dalai Lama sein Frühstück verschenkte. Wer ist der Mann, der mit den Grössten dieser Welt diniert, ohne zu vergessen, was ihm Jahre zuvor eine Hotelputzfrau auf dem Gang anvertraut hat, oder sich um den Bettler zu kümmern, den er während seiner Meditation beobachtet hat?

Eine Odyssee als Trumpf

Tibet, 1959: Seit Jahren besetzen chinesische Truppen das Land, doch nun hat ein Gerücht den Konflikt eskalieren lassen: Der Dalai Lama, 23-jähriger Gottkönig der Tibeter, soll nach China entführt werden. Tausende ziehen in die Hauptstadt Lhasa und bauen sich vor dem Palast des Dalai Lama auf, bereit, ihn mit ihrem Leben zu verteidigen. Granaten explodieren, die Tibeter weichen nicht. Die Nacht des 17. März bricht herein, als Tendzin Gyathso, tibetischer Mönch und 14. Dalai Lama, seine orangene Mönchsrobe abstreift. Er will sein Volk nicht für sich sterben lassen. Stattdessen schlüpft er in eine dunkle Hose, zieht einen Mantel über und flieht. Flieht unerkannt und mit einer kleinen Entourage, zu Fuss und zu Pferd, über den Himalaya bis nach Indien. In Dharamsala wird er eine zweite Heimat finden.

Eine Heimat fern vom Land seiner Vorgänger, oder, wie die Tibeter glauben, seiner früheren Inkarnationen. Nimmt man die Wiedergeburt als Prämisse, wurde der Dalai Lama 1391 als Gedun Drupa geboren. Dieser versprach, wiederzukehren bis alles Leid der Lebewesen auf Erden verschwunden sei. Dass der 14. Dalai Lama nun mit dem Gedanken spielt, nach seinem Tod nicht wiederzukommen, ist für viele Tibeter darum unvorstellbar: Das Leid auf der Welt, ihr Leid, ist doch noch nicht gelöst. Doch es ist nicht das erste Mal, dass seine Heiligkeit ausschert: Hatten die ersten Dalai Lamas sich als geistige Führer gesehen, gelüstete es Nummer Fünf nach mehr: Mit Hilfe der Armee eines mongolischen Fürsten besiegte er den König einer grossen tibetischen Provinz und übernahm nun auch die politische Führung des Landes. Eine blutige Vorgehensweise für einen, der heute den Frieden predigt.

Das Rebellentum des Dalai Lama dauerte nicht nur ein Leben lang: Auf den Kriegsgott folgte ein Lebemann: Tsangyang Gyatsho liess sich nicht in den Palast einsperren verbrachte sei- ne Tage weder meditierend, noch lehrend – lieber zog er durch Lhasa, traf sich, statt mit anderen Würdenträgern im Palast, mit seinen Freunden im Garten dahinter, schlug sich die Nächte um die Ohren, trank zu viel und rezitierte dann seine eigenen Liebesgedichte. Diese entstammten nicht etwa seiner Fantasie – der sechste Dalai Lama hatte durchaus genügend Erfahrungen auf dem Gebiet der körperlichen Liebe gesammelt, die Stoff für zahlreiche poetische wie lüsterne Gedichte boten.

Von einer Reise nach China kehrte der Lebemann nicht wieder. Ob der Rebell fern der Heimat von verzweifelten Beratern aus dem Weg geräumt worden war, angetrunken in die endgültige Freiheit entschwand oder von einer Krankheit dahingerafft wurde, ist bis heute ungeklärt geblieben. In Tibet ging man vom Tod des Führers aus und fand bald seinen – gesitteteren – Nachfolger. Es sollte 229 Jahre dauern, bis erneut eine Reinkarnation folgte, die als besonders aussergewöhnlich in die Annalen der Geschichte eingehen wird: Seine lebensgefährliche Flucht aus der Heimat und die Annahme des Exils stärken das Fundament des aktuellen Dalai Lama. Es macht ihn für Gläubige zum Helden, für die Welt zur Faszination, zu einem unvergleichlichen Charismatiker, dem längst nicht mehr nur sein tibetisches Volk zu folgen gewillt ist.

Opfer und Selbstvertrauen

Der Dalai Lama ist mit den Grössten dieser Welt auf Du und Du, lacht mit Politikern, herzt Filmstars und diskutiert mit Kindern. Dabei ist ihm das Wohlwollen der Welt stets gewiss.

«Er ist ein Charismatiker», erklärt Andres Pfister vom Zürcher Institut für Angewandte Psychologie. «Mit seiner Flucht aus Tibet unter grossen persönlichen Risiken und seinem Exil steht der Dalai Lama mit persönlichen Opfern für seine Vision ein und beweist den Anhängern, dass es die richtige ist.» Seine Vision ist ein pazifistisches Weltverständnis, neu genug, um revolutionär zu sein, gleichzeitig aber gerade in christlichen Werten viele Anknüpfungspunkte findet. Dafür steht der Dalai Lama mit allem ein, was er ist: Ein Optimist, ein Weiser, ein Lehrer und ein Scherzbold, der die Menschen auf emotionaler Ebene greifen kann.

Oft spiegelt der Dalai Lama die Mimik und Bewegung seines Gegenübers, berührt seinen Gesprächspartner und schafft so eine Verbundenheit. «Das ruhige, humorvolle, fröhliche und gleichwohl tiefsinnige Verhalten des Dalai Lama, als auch die wahrgenommene Fähigkeit, allem Verständnis und Verzeihung entgegenzubringen und die Menschen so zu akzeptieren wie sie sind, ist in der heutigen Zeit unkonventionell.» Damit, so Pfister, überrasche der Dalai Lama – und spiele sich in alle Herzen.

Dolmetscher Spitz beobachte immer wieder, wie schnell der Dalai Lama eine freundschaftliche, beinahe familiäre Bindung zu seinem Gegenüber aufbaut. «Er achtet nicht auf Funktionen und Hierarchien, sondern auf den Menschen dahinter.» Oft nehme er die Hand der Leute, während er mit ihnen spreche: «Er gibt ihnen Nähe, ohne dass sie es als aufdringlich empfinden.» Spitz geniesst die positive Ausstrahlung des Dalai Lama, wann immer er für eine Übersetzung neben ihm sitzt. Was ihn statt zum Witzbold, zum respektierten Führer mache, sei seine Eigenschaft, gleichzeitig gelassen und vollkommen konzentriert zu sein, sagt Spitz. Bewunderung klingt mit, für den «ozeangleichen Lehrer», so die Übersetzung von «Dalai Lama», der auch mal so tut, als würde er mit dem Kreuz des Bischofs sprechen, von dem er zur Audienz geladen wurde.

Ein Problem ist das nicht, im Gegenteil, die Menschen nehmen die unkonventionelle Art des Dalai Lama nur allzu gerne an, erzählt Spitz. Ein kleines Prob­lem habe er allerdings mit Seiner Heiligkeit: «Der Dalai Lama macht gerne Witze, allerdings tibetische Witze, da ist das Humorverständnis ganz anders. Dann lacht er schallend und ich habe keine Ahnung, was daran jetzt so lustig gewesen ist.»

Basler Zeitung

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