Das Ende einer Ära

Die Zeit des NT-Areals ist vorbei. Am Mittwoch läuft die Lizenz des Sonnendecks aus und damit verschwindet auch die kulturelle Zwischennutzung auf dem NT. Ein kleiner Nachruf.

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Serkan Abrecht

«Aus. Schluss. Vorbei.» So hiess der Event letzten Samstag auf dem Sonnendeck zwischen den Gleisen des NT-Areals. Es war der letzte. Die Kulturplattform auf dem ehemaligen Güterbahngelände bei der Erlenmatt ist vom Samstag auf den Sonntag friedlich eingeschlafen. Der Abschied fand in grosser öffentlicher Runde, mit lauter Musik und guter Laune statt. Die meisten Besucher waren oder wollten sich nicht im Klaren sein, dass dies die letzte Zwischennutzung des Nord-Tangente-Areals war. In den nächsten Jahren wird der Leichnam unter Wohnblocks und anderen Neubauten begraben. Wir blicken auf eine grosse Ära zurück.

Startschuss und Schlusspfiff

14 Jahre jung war das NT, welches das Kommen und Gehen von so vielen Clubs, Bars und Openair-Veranstaltungen gesehen hat, wie kein anderer Ort in Basel. Im Jahr 2000 hat der gemeinnützige Verein k.e.i.m die Zwischennutzung für den ehemaligen Güterbahnhof bei der Regierung durchgesetzt. Die alte Kantine des Bahnhofpersonals wurde zu einem Gastronomiebetrieb mit Clubbetrieb, DJ's und Konzerten. Der Erlkönig entstand und mit ihm erwachte das graue, verrostete NT-Areal aus seinem urbanen Tiefschlaf.

Der Januar 2000 war nicht nur der Beginn eines neuen Jahrtausend, sondern auch der Startschuss für eine der grössten Kulturplattformen die Basel je hatte. Das NT-Areal war Gastgeber und teilweise auch Inhaber von Kinderprojekten, Talentschuppen und Sonntagsmärkten. Ein Ort für Trendsportarten wie Kletterwände, eine Dirt-Jump-Strecke, Basketball, Bike-Polo, einem Skatepark und diente grossen Basler Street-Art Künstlern als Leinwand für ihre Kunst. Immer mehr entwickelte sich das NT-Areal auch zum Hot-Spot des Basler Nachtleben. Events und Locations kamen und gingen: Der Erlkönig, die E-Halle, Halle 6/ Hall of Universe, die illegale Eventorganisation Culture Pool, das Circuit Vulcanelli, das Lokal, die Sommerresidenz, das Sonnendeck und vieles mehr.

2011 kam jedoch der Schlusspfiff. Die Regierung verkündete das Aus für die Zwischennutzung des Areals. Schluss mit Subkultur und Freiräumen. Schluss mit lauter Musik, betrunkenen Teenies und beschmierten Wänden. Wie schon vieles in Basel muss auch das Nord-Tangente Areal neuen Wohnblocks weichen.

Ein letztes Aufbäumen

Gegen diese Entscheidung gingen Verteidiger für mehr Freiraum in Basel mit einer illegalen Kurzbesetzung vor. Am 2. Juni 2012 wurde das NT-Areal von mehr als 1000 Partygängern überrannt, die Eingangstore zur E-Halle geknackt und das Areal in ein riesiges Partygelände umgewandelt. Ein Zeichen setzten die Veranstalter mit diesem Event allemal. Die Party sorgte in den Medien sowie in der Politik für Furore. Wo manche den Hilferuf nach mehr Freiraum wahrnahmen, versuchten andere, diese «Hilferufe» zu unterbinden. Kritiker sehen diese illegalen Freizeitbeschäftigungen als Ausrede für die Jugendlichen, um sich zu besaufen und zu randalieren. Befürworter jedoch sehen darin die Möglichkeit, sich selbst zu entfalten und eigene Subkulturen entstehen lassen. Etablierte Institutionen wie die Kaserne oder das Sud sind auch dank Jugendbewegungen in den 80er-Jahren entstanden.

Doch die Diskussion erübrigt sich beim NT-Areal. Die illegale Party vor zwei Jahren war sein letztes Aufbäumen. Am Dienstagabend ist noch einmal Barbetrieb auf dem NT. Am ersten Oktober läuft die letzte Lizenz zur Zwischennutzung aus. Das Sonnendeck, beziehungsweise das Grenzwert, verabschiedet sich vom alten Güterbahnhofgelände, welcher nun zum Wohnquartier wird. Mit dem Sonnendeck geht ein Areal, welches in Basel schon Kultstatus hat und hinterlässt ein grosses Loch in der Szene der Basler Subkulturbewegung und dem Nachtleben.

baz.ch/Newsnet

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