Als das Münster noch farbig war

In früheren Jahrhunderten zog das Basler Münster die Betrachter mit seiner Buntheit in den Bann. Und dann wurde alles übermalt.

So etwa könnte die farbenreich bemalte Galluspforte im 16. Jahrhundert ausgesehen haben. Von Kaiser Heinrich II. ­ursprünglich gestiftet: Die im Jahr 1565 neu gegossene Glocke.

So etwa könnte die farbenreich bemalte Galluspforte im 16. Jahrhundert ausgesehen haben. Von Kaiser Heinrich II. ­ursprünglich gestiftet: Die im Jahr 1565 neu gegossene Glocke.

Frauenköpfe mit geröteten Wangen? Engel, deren Glorienschein golden glänzte? Es fällt schwer, sich das Basler Münster mit farbig bemalten Portalen, Skulpturen oder einem vollumfassenden roten Anstrich vorzustellen.

Zwar hatte man bereits im 19. Jahrhundert hin und wieder Farbspuren an den Münster­portalen und Skulpturen entdeckt. Aber erst umfassende Untersuchungen an der Galluspforte in den Jahren 1988/89 brachten Gewissheit: Anhand winziger Farbreste liess sich feststellen, dass die Pforte nach ihrer Erschaffung Ende des 12. Jahrhunderts mit kräftigen Farben wie Rot, Blaugrau, Grün und Schwarz bemalt gewesen war. Und die Glorienscheine der Engel sowie einige Gewandsäume waren teilweise mit Zinn- und Silberauflagen sowie Vergoldungen hervorgehoben gewesen.

Neuste Erkenntnisse von 2012 belegen zudem, dass auch das um 1280 herum entstandene Hauptportal mit Vorhalle farbig bemalt gewesen war. Weiss, Gelb, verschiedene Blau-, Rot- und Orangetöne sowie Goldauflagen wirkten auf den Eintretenden. Möglicherweise waren auch Musterungen vorhanden gewesen, die sich heute nicht mehr feststellen lassen.

Rötlich bemalt

Mit den Jahrhunderten änderte sich die Einstellung zur Buntheit. Die Farbpalette wurde kleiner. Und als nach der Reformation das Münster in den Jahren 1596/97 einer umfassenden Renovation unterzogen wurde, überstrich man alle Aussenfassaden mit roter Farbe. Diese Bemalung sah man als eine Form der Instandsetzung, als Schutz für die poröse Oberfläche des Sandsteins an. Ebenso wollte man die Fassade vereinheitlichen und damit die verschiedenen Bauphasen verdecken.

Gemäss einer Überlieferung von 1597 soll das ganze Aussenmauerwerk des Münsters mit «kesselbrauner farb und weissen strichen» übermalt gewesen sein. Anhand erhaltener Farbspuren scheint es sich aber eher um einen rosa Anstrich, ähnlich der Farbe des Sandsteins, gehandelt zu haben. Mit den weissen Linien hatte man die Steinquader eingezeichnet, ohne jedoch den wirklichen Fugen zu folgen. Auf Farbigkeit, also die Hervorhebung der Portale und Skulpturen, verzichtete man; sie ­entsprach nicht mehr der Schlichtheit des reformatorischen Gedankengutes. In den 1760er-Jahren erfolgte bei einer zweiten Renovation ein weiterer dunkelroter Anstrich grosser Partien der Aussenfassade – «sowohl zur Anständigkeit als insbesonderheit zur Conservation der Steinen», wie eine Baugeschichte von 1895 erwähnt.

«Gehörig abgerieben»

Allerdings wurde schon damals das intensive Rot der Münsterfassade vereinzelt kritisiert, zum Beispiel in Reiseberichten. Und als Victor Hugo 1839 in Basel weilte, meinte er, die Münstertürme würden an in den Himmel ragende Karotten erinnern.

So begann man, im 19. Jahrhundert diese Bemalung schrittweise zu beseitigen. In den 1860er-Jahren wurde der Georgsturm davon befreit. Dann folgte eine umfangreiche Aussenrenovation in den Jahren 1880 bis 1890. Die Farbe am Martinsturm und an der Westfassade, also gegen den Münsterplatz hin, wurde mit verdünnter Natronlauge und Drahtbürsten «gehörig abgerieben».

Damals galt diese Behandlung als schonend, heute bedauert man dieses rigorose Vorgehen, gingen doch nicht nur die roten oberen, sondern auch darunterliegende mittelalterliche Farbschichten verloren. Von der ­roten Bemalung sind aber im Aussenbereich des Münsters noch ­zahlreiche Spuren erhalten.

Auch den Innenraum des Münsters muss man sich im Mittelalter, bis zur Reformation, ­extrem bunt vorstellen. Im Mittelschiffgewölbe wurden die Kirchgänger von einem Marienzyklus in Bann gezogen. Neben Gewölbe- und Wandmalereien gab es zahlreiche farbig gefasste Grabmäler, Skulpturen, Reliefs sowie weitere Ausstattungsstücke. Die vielfarbige Bemalung wurde oft bereits in spätromanischer Zeit, um 1200 angebracht.

Lebhafte Muster

Der Abendmahltisch in der Mitte der Vierung, allerdings erst um 1580 entstanden, war zu seiner Entstehungszeit in einem hellen Beige, orangefarbenen Rot und Schwarz bemalt gewesen. Die Grabplatte Anna von Habsburgs und ihres Sohnes Karl im Hochchor war offensichtlich bei ihrer Erschaffung 1281 teilweise farbig bemalt gewesen, sogar Goldspuren wurden gefunden. Nach dem Erdbeben 1356 oder in den 1460er-Jahren könnten gotische Übermalungen dazugekommen sein. Noch heute sind Farbreste, zum Beispiel an der Kleidung oder Haartracht, vorhanden. Auch das lebhafte Muster auf dem ­Kissen ist noch erkennbar.

Doch wie das Äussere so erfuhr auch das Innere des ­Münsters am Ende des 16. Jahrhunderts eine umfassende Renovation, im Zuge derer die Farbigkeit verschwand. Die noch verbliebenen gotischen Wandmalereien wurden mit mehreren Schichten von weissem Kalkputz und einer Gipstünche überdeckt. Gliedernde architektonische Elemente wie Pfeiler, Bögen und Gesimse strich man rot an.

Auch Ausstattungsstücke wie die Vincentiustafel, der Abendmahltisch, die Kanzel oder das Baumeisterrelief wurden einheitlich rot übermalt und so teilweise die mittelalterliche vielfarbige Bemalung überdeckt.

Weg mit aller Farbe

Mitte des 19. Jahrhunderts beschloss man nach eingehenden Diskussionen, das Basler Münster vollends der Farbe zu ­entledigen, den Buntsandstein hervorzuholen und das Gotteshaus – wie man glaubte – wieder in seinen ursprünglichen mittelalterlichen Zustand zurückzuversetzen. Doch das Vorgehen bewirkte das Gegenteil. Die ­Farbe an den Wänden entfernte man mittels eines Stockhammers, dessen eiserne Fläche mit ­kleinen Spitzen besetzt war. So zerstörte man nicht nur die unter der roten Farbe liegenden ­mittelalterlichen Farbschichten, sondern auch den darunterliegenden weichen Sandstein, die Spuren der mittelalterlichen ­Originalbearbeitung.

Manche Schlusssteine an den Rippengewölben, Grabmäler, vor allem deren Wappen, wurden – gemäss der mittelalterlichen Farbgebung – neu mit Ölfarbe bemalt. Und Ausstattungsstücke wie Kanzel, Reliefs, manche Grabmäler abgebürstet, abgewaschen oder sogar abgelaugt.

Neue Entdeckungen

Vieles schien damit verloren. ­Immerhin aber konnte in den letzten Jahren mittels strahlendiagnostischem Verfahren festgestellt werden, dass gewisse Teile der mittelalterlichen Bindemittel in winzigen Mengen in das darunterliegende Mauerwerk eingedrungen und zudem durch den Stockhammer gewisse Farbpartikel in die Gesteinsoberfläche geschlagen worden waren. Und so kamen unter ultraviolettem Licht diverse Dekormalereien zum Vorschein: Zum Beispiel Lilien mit Herzen an den beiden dem Hauptportal nächsten Bündelpfeilern, teppich­artige oder aus Blütenkränzen gebildete Muster an der südlichen ­Stirnwand des nördlichen Mittelschiffpfeilers.

Dann entdeckte man aufgemalte Scheinarchitekturen, ­bisher nicht bekannte Stifter­embleme und die Darstellung eines bis anhin unbekannten ­Bischofes. Hinzu kamen zahlreiche weitere Wandmalereien. ­Aufgrund spätmittelalterlicher Rechnungsbücher der Münsterfabrik konnten zudem sogar erstmals auch die Malmittel ­näher analysiert werden.

Im Rahmen von «1000 Jahre ­Basler Münster» stellt die «Basler Zeitung» in einer losen Serie ­verschiedene Aspekte des Basler Kaiserdoms vor. Bisher ­erschienen: Die Glasscheiben des Münsters (31. Mai, 2019).

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