50plus – kaum Chancen auf Job

Politiker und private Stellenvermittler wünschen sich eine RAV-externe Lösung. Eine weitere Hürde für die Jobchancen von erfahrenen Arbeitskräften besteht bei der Beruflichen Vorsorge (BVG).

Schwierige Suche. Wer mit 50 oder mehr Jahren arbeitslos wird, muss oft eine viel längere Stellensuche auf sich nehmen als jüngere Menschen.

Schwierige Suche. Wer mit 50 oder mehr Jahren arbeitslos wird, muss oft eine viel längere Stellensuche auf sich nehmen als jüngere Menschen.

(Bild: Keystone)

Mischa Hauswirth

Bei der Frage, wie das Problem der älteren Langzeitarbeitslosen aus der Welt geschafft werden oder zumindest abgeschwächt werden könnte, richtet sich der Fokus zunehmend auf die Effizienz der Stellenvermittlung und mögliche Verbesserungen. Zurzeit ist es so, dass eine Arbeitslose oder ein Arbeitsloser der Kategorie «50plus» von einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) betreut und im Idealfall vermittelt wird. Das heisst auch, dass er acht Bewerbungen pro Monat schreiben muss und ganz den Massnahmeentscheiden des zugeteilten RAV-Mitarbeiters ausgeliefert ist. So sieht es das aktuelle Gesetz vor.

Ob eine Betreuung durch das RAV jedoch künftig ausreicht, um die älteren Stellensuchenden zurück in den Arbeitsmarkt zu bringen, bezweifeln professionelle Stellenvermittler sowie Politiker zunehmend. Sie fordern ein Umdenken. Der Tenor: Das RAV soll sich externe Unterstützung für die komplexe Aufgabe holen. «Eine Zusammenarbeit zwischen RAV und privaten Stellenvermittlern macht durchaus Sinn», sagt Stefanie Körner von der Vinci Personal AG in Basel. Für sie braucht es das RAV, um die Rahmenbedingungen und den nötigen Druck auf die Stellensuchenden auszuüben, bei der Stellenvermittlung allerdings seien die privaten Stellenvermittler oft näher am Arbeitsmarkt.

Ähnlich klingt es bei Elisabeth Spreng von Spreng Consulting in Basel. Auch sie sieht Handlungsbedarf bei der Vermittlung und dem Coaching von älteren Stellensuchenden: «In den vergangenen zehn, zwanzig Jahren beobachte ich einen Kulturwandel. Früher zählten Erfahrung und was ein Mitarbeiter an Know-how mitbringt. Heute sind vor allem Diplome gefragt.»

Deshalb müsse das RAV gerade bei älteren Arbeitslosen von den straffen Strukturen abrücken, sagt Spreng. Es bringe nun mal nichts, wenn solche Arbeitslose sich achtmal pro Monat bewerben müssen, obwohl es keine passenden Stellen gibt oder zuerst andere Massnahmen dringender wären. «Zum Beispiel Lebenslauf- und Persönlichkeitsanalysen, Umschulungen oder Zusatzausbildungen», sagt Spreng. Auch gelte es zu bedenken, dass jede Absage zusätzlichen Frust aufseiten der Bewerbenden bewirke.

«Individualisiertes Coaching»

Eine intensivere Betreuung der «50plus» auf Jobsuche befürwortet auch der Basler FDP-Nationalrat Daniel Stolz. «Ältere Stellensuchende müssen oft wieder geschult werden, wie man sich bewirbt, da sie nicht mehr gewohnt sind, sich zu bewerben, und sich hier einiges geändert hat.» Stolz sieht einen wichtigen Grund in der nicht mehr zeitgemässen Bewerbungsform, wenn ältere Arbeitslose länger keinen Job mehr finden, selbst wenn sie gut qualifiziert wären. Gute Erfahrungen mit sogenannten Laufbahn-Coaches hat SP-Grossrat und Gewerkschafter Pascal Pfister gemacht. «Ein individualisiertes, alle Lebensbereiche umfassendes Coaching hilft vielen Betroffenen. Ein Ausbau dieses Angebotes im Rahmen der RAV ist äusserst wünschenswert und hat meine volle Unterstützung.» Es gebe verschiedene erfahrene Anbieter in diesem Bereich, wer diese Angebote letztlich ausführe und ob dieses Coaching intern oder extern erfolge, sei nicht so entscheidend. «Es braucht aber eine gute Qualitätskontrolle», sagt Pfister.

Problem ist in Baselland grösser

Knapp 25 Prozent der arbeitslosen Frauen und Männer im Kanton Basel-Stadt gehörten im Monat Mai in die Kategorie «50plus». Bei den über 50-jährigen Männern waren das 477 der insgesamt 2074 Arbeitslosen, bei den Frauen 330 der 1444 Arbeitslosen. Dazu kommen die 26 Frauen und Männer, die älter als 50 sind, aber ausgesteuert wurden und deshalb von der Arbeitslosenkasse in die Sozialhilfe übertraten. «Ältere Personen werden weniger häufig arbeitslos als jüngere, brauchen aber umso mehr Zeit, um wieder eine neue Stelle zu finden», sagt Alessandro Tani, Bereichsleiter Arbeitslosenversicherung im Amt für Wirtschaft und Arbeit. Deshalb umfasst die heutige Beratung beim RAV eine Abklärung der Wiedereingliederungsmöglichkeiten, Arbeitsvermittlung und zusätzlich können der oder die Stellensuchende an individuellen Qualifikations- und Beschäftigungsmassnahmen teilnehmen. Auch haben Arbeitslose ab 55 Jahren Anspruch auf zusätzliche Taggelder, sagt Tani.

Im Baselbiet ist die Situation angespannter als in der Stadt. «Von den insgesamt 3979 arbeitslosen Personen sind 1603 Personen 45 Jahre oder älter», sagt Roman Zaugg, stellvertretender Vorsteher des Kiga Baselland. Das bedeutet: Im vergangenen Mai waren 40 Prozent der Arbeitslosen über 45 Jahre alt. Deshalb will man im Baselbiet handeln: «Im Herbst dieses Jahres werden wir in den Baselbieter RAV mit einem Mentoring-Programm für ältere Stellensuchende starten», sagt Zaugg. In Zusammenarbeit mit einem externen Partner werden älteren arbeitslosen Personen Mentoren aus der Wirtschaft als Coaches bei der Stellensuche zur Seite gestellt, so Zaugg.

Ob die Bemühungen des RAV tatsächlich ausreichen werden – Elisabeth Spreng stellt das infrage: «Es gibt durchaus RAV-Mitarbeiter, die mit der Situation überfordert sind, wenn sie einen älteren Langzeitarbeitslosen erfolgreich vermitteln sollen», sagt sie. Aber für ein erfolgreiches individuelles Coaching würden meist zu wenig Zeit zur Verfügung stehen.

Freier Markt für Jobcoaches

In einem Punkt sind sich alle einig: Gratis wird eine solche externe Beratungstätigkeit nicht zu haben sein. Wenn sich ein Coach eines älteren Arbeitslosen annimmt und seinen Klienten für das Bewerben flottmacht, kostet das rasch einmal ein paar Hundert Franken.

Das Finanzielle sei nicht das grösste Problem, sagt Stolz, denn «die Nichtintegration kostet auch». Falsch fände es Stolz, wenn der Staat sich der Aufgabe des Coachings annimmt. «Ich möchte, dass das Ganze ausgelagert wird und sich die Anbieter auch konkurrenzieren können. Ich bin immer der Meinung, dass der Markt ein besserer Kontrolleur ist als eine administrative Kontrolle.» Falls Klienten schlecht behandelt würden, dann müsse man den Vermittlern halt den Auftrag entziehen, so Stolz.

Eine weitere Hürde, welche aber vor allem die Politik aus dem Weg räumen muss, sehen Coaches wie Politiker bei der Beruflichen Vorsorge (BVG). Das heutige Gesetz stelle für Arbeitgeber oft ein Hindernis dar, sagt Elisabeth Spreng. Diese Ansicht teilt auch Daniel Stolz, allerdings sieht er auch Handlungsbedarf bei den Arbeitgebern und Arbeitnehmern: «Es müssten ausserdem Anreize geschaffen werden, damit die Menschen gar nie unattraktiv werden, zum Beispiel durch lebenslange Weiterbildung», sagt der FDP-Nationalrat.

Nur bei der Politik, dem Gesetz oder beim RAV Handlungsbedarf zu sehen, greift für Stellenvermittlerin Stefanie Körner aber zu kurz. Auch bei der Einstellung der älteren Stellensuchenden brauche es eine Veränderung. «Ein ganz wichtiger Punkt ist für mich die Flexibilität der Langzeitarbeitslosen», sagt Körner. Private Stellenvermittler hätten aber den Vorteil, ältere Arbeitslose auch temporär in Firmen integrieren zu können.

Wer «50plus» sei und eine neue Stelle suche, müsse in Sachen Lohn flexibler werden und auch mal eine temporäre Arbeit annehmen. Ebenfalls könne die Selbsteinschätzung ein Problem werden, sagt Körner. Die Arbeitgeber ihrerseits müssten ihre oft veralteten Lohnsysteme überarbeiten, damit sie einen Arbeitsuchenden, bei gegenseitigem Einverständnis, auch zu einem niedrigeren Lohn arbeiten lassen können, hält Spreng fest. Und: «Ich wünschte mir von beiden Parteien etwas mehr Mut, den Versuch zu wagen.»

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt