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Rätseln in der Sahelzone

Warum hat Basel seit ewig und einem Jahr keinen Bundesrat mehr gestellt?

Der Hürdenspringer: Hans-Peter Tschudi auf der Bundesratsreise 1970 auf dem Kronberg.
Der Hürdenspringer: Hans-Peter Tschudi auf der Bundesratsreise 1970 auf dem Kronberg.
StAAG / RBA

Die Sehnsucht war fast greifbar, als im oberen Stock des Schützenhauses, eines der traditionsreichsten Restaurants Basels, die Podiumsdiskussion losging. Warum schafft es die Region Basel nicht, einen Politiker zu finden, der das Zeug hat, Bundesrat – oder Bundesrätin – zu werden? Kein Metropolitanraum war in der Landesregierung bisher so schlecht vertreten wie Basel. Erst drei Spitzenpolitiker aus den beiden Basel sassen im Bundesrat, die letzte Wahl eines Stadtbaslers kam vor fast sechzig Jahren zustande. Der Name ist nur noch wenigen ein Begriff: Hans-Peter Tschudi, ein Sozialdemokrat, der als fleissiger Innenminister 14 Jahre lang die schweizerische Sozialpolitik prägte. Der Basler setzte sich als wilder Kandidat gegen den von der Partei offiziell nominierten Schaffhauser Walter Bringolf durch.

Der einzige Baselbieter schaffte es im vorletzten Jahrhundert, 1890, in die Königsklasse der Politiker, Emil Frey, eine Grösse des Freisinns aus Münchenstein. Seither ist der Bundesrat eine Basel-freie Zone, unter anderem auch deshalb, weil der legendäre Dornacher SP-Finanzpapst Otto Stich aus geografischer Sicht dem Kanton Solothurn zugeordnet werden muss.

Am Tisch im Schützenhaus ging das Mikrofon hin und her. Die lokalen Spitzenpolitiker Anton Lauber, Conradin Cramer, Elisabeth Schneider-Schneiter und Samira Marti wiegelten ab, sie übertrumpften sich mit Nettigkeiten und verteilten Komplimente, damit ja keiner die heitere Stimmung im heimeligen Saal störte – doch sie redeten in fast schon erschreckender Weise am Thema vorbei. Anton Lauber, sichtlich voller Selbstvertrauen nach seinem Glanzresultat bei den Parlamentswahlen, gestand, «kein Patentrezept zu haben», und Elisabeth Schneider-Schneiter, die CVP-Nationalrätin, gab den heissen Tipp, «zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein». Ach ja?

«leicht peinlich»

Damit wurde natürlich längst nicht erklärt, warum Basel in der Landesregierung einer politischen Sahelzone gleichkommt. Warum diese prosperierende Region am Rheinknie mit ihrer brummenden Pharmaindustrie in der Wirtschaft, in der Kultur und bis 2018 auch im Fussball Glanzpunkte setzt, in Bundesbern jedoch regelmässig versagt. Das ewige Jammern darüber kommt nicht nur in der Schweizer Hauptstadt schlecht an. Anfang Dezember 2018 empfand es sogar die lokale Ständerätin Anita Fetz «leicht peinlich», als das Lamentieren wieder einmal eingesetzt hatte; Elisabeth Schneider-Schneiter war soeben von ihrer Partei als Bundesratskandidatin übergangen worden.

Anita Fetz hätte als Gast der Veranstaltung im Schützenhaus gutgetan. Wer die Floskeln und Lobhudeleien weglässt und die wahren Gründe sucht, warum Basel in Bundesbern auf verlorenem Posten steht, stellt schnell fest: Sämtliche Parteien in der Region haben es in den letzten Jahren verpasst, einen Kandidaten oder eine Kandidatin in den eigenen Reihen aufzubauen. Eine clevere Partei oder eine intelligente Fraktion schaut vielleicht auch mal über den Zaun und überlegt, ob es jenseits der Partei einen Verbündeten gibt, auf den man setzen könnte. Geschicktes Lobbyieren, Weibeln hinter den Kulissen, Kontakte knüpfen zum Partner von morgen, der gestern noch dein Feind war: Das ist die Knochenarbeit in der Politik, die sich auszahlt. Nachfragen darf man bei Anita Fetz, einer Meisterin in dieser Disziplin.

Doch was machen die Anzugträger im Basler Rathaus? Sie zerfleischen sich sogar in der eigenen Partei lieber selbst, als die Kräfte zu bündeln. Über den Machtkampf innerhalb der Basler SVP schütteln mittlerweile sogar Mitglieder der eigenen Fraktion nur noch den Kopf. Die Liberalen sind im Rennen um ein Bundesratsticket chancenlos, weil es ihre Partei nur hier gibt. Die CVP hat ihr Stammland hauptsächlich in der Zentral- und Ostschweiz, der FDP-Sitz in Bern ist momentan mit Karin Keller-Sutter zementiert.

Eva Herzog läuft Zeit davon

Die besten Chancen hat, wenig überraschend, die SP mit ihrer Vorzeigefrau Eva Herzog. Sie hat das Know-how und die Persönlichkeit, die es für dieses Amt in Bern braucht. Persönlichkeit? Auch einer jener Begriffe, die im Zusammenhang mit der Landesregierung viel zu wenig gebraucht werden. Welcher Politiker bringt denn noch diesen Charakterkopf mit, den die einen lieben und vor dem sich die anderen fürchten? Wer legt diese Bärbeissigkeit an den Tag, mit der Otto Stich seine politischen Gegner an den Rand des Wahnsinns trieb? Wer fesselt das Plenum mit seinen Reden, wie dies Christoph Blocher in seinen besten Tagen konnte? Wer gilt als Alphatier wie einst der unverwüstliche CVP-Mann Kurt Furgler?

Eva Herzog kommt dem Anforderungsprofil am nächsten. Sie scheffelt Millionengewinne im Steuerbereich und schafft es zugleich, die blühende Chemiewirtschaft bei Laune zu halten. Doch das Zeitfenster in Bern ist für die Historikerin nicht lange offen. Wird sie im Herbst in den Ständerat gewählt, kann die 57-Jährige nicht gleich in die Landesregierung weiterziehen. Herzog wird sogar von vielen Bürgerlichen akzeptiert, aber ihr läuft zweifellos die Zeit davon.

Basel wirkt abgeschnitten

Die etwas schwerfällige Podiumsdiskussion im Schützenhaus neigte sich dem Ende zu, als Conradin Cramer, dieser smarte und kluge Basler Regierungsrat, noch den bemerkenswertesten Satz des Abends fallen liess. «Vielleicht», sagte der Liberale, «sind wir hier halt schon ein bisschen verwöhnt und träge geworden, es gefällt uns allen doch so gut hier.» Entwaffnender hätte es Cramer kaum auf den Punkt bringen können. Was sollen wir uns in Bundesbern die Zähne ausbeissen, wenn wir es hier in unserer Ecke so gemütlich haben? In dieser schönen Stadt mit ihrer Fasnacht, ihren Zünften, ihren kulturellen Zentren und dem Rhein, in dem die Politiker an einem heissen Sommertag auch gerne mal gemeinsam baden?

Vielleicht spielt da auch der geografische Aspekt eine entscheidende Rolle. Die Region Basel wirkt hinter dem Jura wie abgeschnitten. Wo sind die Allianzpartner, die uns auf dem Weg nach Bern links und rechts unterstützen könnten? Der Kanton Aargau ist dem Basler grundsätzlich fremd. Solothurn steht für ihn nicht für kernige Sachpolitik, sondern für provinzielles Denken. Selbst mit dem knorrigen Baselbieter hat der Basler immer wieder seine liebe Mühe. Und die anderen, die noch weiter weg sind, taugen aus den verschiedensten Gründen auch nicht als Allianzpartner. Von der Mentalität her vielleicht die Welschen. Doch von den Romands unterscheidet uns die Sprache.

Die Prognose steht: Basel wird auf Jahre hinaus keinen Bundesrat und keine Bundesrätin feiern.

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