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«Wir haben in Mulhouse die Epidemie-Phase erreicht»

Nach einem Gottesdienst mit 2000 Personen im Elsass hat sich das Coronavirus weit verbreitet. Die Behörden versuchen gar nicht erst, mögliche Fälle nachzuverfolgen.

Im Vordergrund das Spital Emile Muller, dahinter die Stadt Mulhouse. Foto: ghrmsa.fr
Im Vordergrund das Spital Emile Muller, dahinter die Stadt Mulhouse. Foto: ghrmsa.fr

Gerade einmal 37 Kilometer von Basel entfernt ist ein möglicher Corona-Infektionsherd entstanden. Nach einem grossen Gottesdienst in Mulhouse mit rund 2000 Personen wurden nach den neusten Zahlen 21 Menschen im Elsass positiv auf das Virus getestet. Viele der insgesamt 21 elsässischen Fälle, aber nicht alle, sind auf die Verbreitung des Virus in der Kirche zurückzuführen. In mehreren Gemeinden des Département Haut-Rhin mussten in Folge dessen Schulen schliessen.

Die Privatschule «Emmanuel» in Saint-Louis, die davon mitbetroffen ist, liegt in unmittelbarer Nähe zur Schweizer Grenze.

Bild: Google Maps
Bild: Google Maps

Das Coronavirus ist schon länger in der Region, als man bisher annehmen konnte: Die erkrankten Personen steckten sich den französischen Gesundheitsbehörden zufolge bei einer «viertägigen religiösen Veranstaltung in Mulhouse vom 17. bis zum 21. Februar» mit dem Virus an. Der Fastenwoche-Anlsass wurde von der Freikirche «La Porte ouverte chrétienne» durchgeführt.

Die Fastenwoche sei ein Höhepunkt im Kirchenkalender, sagt Nathalie Schnoebelen, Mediensprecherin der Freikirche, auf Anfrage dieser Zeitung. Jedes Jahr kämen Gläubige aus allen Landesteilen und dem Ausland, um die Fastenwoche in Mulhouse gemeinsam zu gestalten. Die rund 2000 Besucher würden nicht systematisch registriert. Daher habe man keinen Überblick, wer dieses Jahr die Fastenwoche besucht habe und wegen des Coronavirus potenziell gefährdet sei. Man habe sich in Absprache mit den Gesundheitsbehörden dazu entschieden, auf der Internetseite von «La Porte ouverte chrétienne» auf die Möglichkeit einer Corona-Infektion hinzuweisen. Dort würden auch die Anweisungen der Behörden erklärt.

Die französischen Gesundheitsbehörden ihrerseits versuchen gar nicht erst, die geschätzten 2000 Gottesdienstbesucher in Frankreich und im Ausland aufzuspüren. Weil diese nicht registriert worden seien, bestehe kaum Hoffnung, diese innert nützlicher Frist zu finden, erklärt Christophe Lannelongue, Direktor des regionalen Gesundheitsamts, im französischen Staatsfernsehen. Zumal die Fastenwoche nun schon über zehn Tage zurückliege und sich das Virus in dieser Zeit weiter habe verbreiten können. Man müsse nun die Kräfte bündeln, um sich um die Kranken kümmern. «Wir haben in Mulhouse die Epidemie-Phase erreicht», sagt er.

In den Sälen der evangelikalen Freikirche finden bis zu 3200 Menschen Platz.
In den Sälen der evangelikalen Freikirche finden bis zu 3200 Menschen Platz.

Gemäss Mediensprecherin Schnoebelen hat auch eine kleinere Gruppe von Schweizern am Anlass teilgenommen. «Normalerweise kommen diese Personen aus Basel, weil es in der Nähe liegt», sagt sie. Es seien jedoch nur wenige Leute aus der Schweiz gewesen – «ich schätze so um die dreissig». Alle weiteren Gottesdienste hätten sie absagen müssen.

Sie betont, dass zur Zeit der Fastenwoche Mitte Februar noch keine Massnahmen in Frankreich und anderen europäischen Ländern zur Eindämmung des Corona-Virus in Kraft waren. Die Leute hätten sich also in der Kirche wie üblich begrüsst, Hände geschüttelt und umarmt.

Pikant: Genau zu jener Zeit war der französische Staatspräsident Emmanuel Macron in Mulhouse zu Besuch. Er war unter anderem in dem Quartier unterwegs, in dem die Kirche steht. Der Präsident wurde bei seinem Spaziergang von einem Pulk Journalisten und Neugieriger begleitet.

Präsident Macron war Dienstag, 18. Februar, im Stadtteil Bourtzwiller unterwegs. Foto: Reuters
Präsident Macron war Dienstag, 18. Februar, im Stadtteil Bourtzwiller unterwegs. Foto: Reuters

Bislang erhielten die Basler Behörden noch keine Nachricht über eine Person aus Basel-Stadt, die sich beim Gottesdienst in Mulhouse angesteckt hat. Wie die Leiterin der Kommunikationsabteilung beim Gesundheitsdepartement, Anne Tschudin, schreibt, würden sie von den Kollegen im Elsass diesbezüglich auf dem Laufenden gehalten: «Die elsässischen Behörden werden uns im Rahmen ihrer weiterer Abklärungen auch darüber informieren, wenn sie Kenntnis von positiven Fällen erhalten, welche in der Schweiz respektive Basel-Stadt wohnen, arbeiten oder in die Schweiz gereist sind.»

Die Situation mit der raschen Verbreitung des Virus im Elsass bestärke das Gesundheitsdepartement in der Haltung, «dass es im Moment richtig ist, bei Anlässen Vorsicht walten zu lassen, um die weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern oder zu bremsen». Das heisst, auch in näherer Zukunft werden es Anlässe mit wesentlich über 200 Teilnehmern – insbesondere in geschlossenen Räumen –schwer haben, eine Bewilligung zu erhalten.

Eine weitere Möglichkeit bestünde darin, die Grenze zu Frankreich zu schliessen. Dazu kann sich Anne Tschudin aber nicht äussern: «Die Landesgrenze wird vom Bund betreut.»

Veranstaltungsverbot in Saint-Louis

Insgesamt nahmen gemäss Informationen der Kirche rund 2000 Personen an der Veranstaltung teil, dies auf relativ engem Raum und über mehrere Tage hinweg. Es erstaunt daher nicht, dass der französische Gesundheitsdirektor, Jérôme Salomon, beim täglichen Update zum Coronavirus am Dienstagabend auf die Fälle im Elsass einging: «Wir haben sieben bestätigte Fälle, fünf davon innerhalb derselben Familie.» Personen, die teil der religiösen Veranstaltung waren, sollten sich auf allfällige Symptome achten und gegebenenfalls testen lassen.

Mittlerweile stieg die Zahl an bestätigten Corona-Erkrankten im Elsass auf 21 an. Darunter seien auch Kinder, vermeldet das Département. Drei Schulen mussten nun schliessen: es handelt sich um die Schule von Bernwiller, die Schule «Oberlin» in Bourtzwiller und die Schule «Emmanuel» von Saint-Louis. In den betroffenen Gemeinden sind öffentliche Veranstaltungen ausserdem bis auf Weiteres untersagt.

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