Falscher Falke und echte Probleme

Kaiseraugst wird von einer Krähenplage heimgesucht – und reagiert ungewöhnlich.

Robird, der falsche Falke, soll die Krähen in Kaiseraugst das Fürchten lehren. Foto: Nicole Pont

Robird, der falsche Falke, soll die Krähen in Kaiseraugst das Fürchten lehren. Foto: Nicole Pont

Die Krähen in der Kaiseraugster Liebrüti lassen den Anwohnern keine Ruhe. Sie sorgen für massiven Lärm, verunreinigen das Wohngebiet, reissen Kehricht­säcke auf. «Vor allem der Lärm ist für die Anwohner unerträglich», erzählt Gemeinderat Jean Frey, der in unmittelbarer Nähe wohnt. Deshalb greift die Gemeinde nun zu einer Methode, mit der sich gewöhnlich Flughäfen gegen unerwünschte Vögel wehren.

Seit Freitag fliegt ein Robird durch die Liebrüti. Eine Drohne, die aussieht wie ein Wander­falke und mit Flügelschlag statt mit Propellern fliegt. Sie soll während dreier Wochen die Krähen vergrämen, ihnen die Lust auf ein Leben in der Liebrüti gründlich vermiesen. Angst verbreiten. Der Robird ist der erste Robotervogel der Welt. Seine Flügel bestehen aus verstärktem Styropor. Der Rumpf kommt aus dem3-D-Drucker. GPS und Batterie unterstützen dessen Flug. Das 800 Gramm leichte Gerät verfügt über eine Spannweite von einem Meter. Der Robird erreicht eine Geschwindigkeit von 60 Stundenkilometern. Dieses Gerät, das bis auf 120 Meter Höhe steigen kann, wird auf Sicht geflogen.

Technologie weckt Interesse

Jean Frey und Marcel Maurer von der Eagle Eye Multicopter Service GmbH stellen den falschen Falken vor. Angereist sind Interessierte aus verschiedenen Landesteilen, denn bislang wurde diese Technologie nur auf Flughäfen genutzt. Etwa auf dem Edmonton International Airport in Kanada. 15 Jahre Entwicklung stecken darin, 5 Millionen Euro wurden investiert. Ein Gerät hat einen Wert von 100 000 Franken. Allerdings werden die Falken nicht verkauft, sondern vom Hersteller, der niederländischen Clear Flight Solutions, und von Maurer bedient. In Enschede werden sie gewartet. Bis in vier Jahren sollen die Geräte autonom fliegen können und um einen Roboteradler ergänzt werden.

Zum Einsatz gegen die Krähenplage kommen neben dem Robird auch Spikes auf Dächern, Nester werden heruntergeholt, Nistkästen für echte Wanderfalken angelegt. Schliesslich obliegt es der Jagdgesellschaft, die Krähenpopulation zu dezimieren. «Bis jetzt gibt es nichts, was Krähen vergrämen könnte», schickt Marcel Maurer dem Projekt voraus. Und hofft, mit dem Robird endlich erfolgreich zu sein.

Kosten von 12'000 bis 17'000 Franken

Wie viel die Robird-Aktion die Gemeinde Kaiseraugst kostet, will Jean Frey nicht verraten. Zumindest nicht genau. «Die Leute könnten sensibel darauf reagieren», erklärt er, «für die einen investieren wir zu viel, für die anderen zu wenig.» Wie hoch die Kosten sind, legt Jan-Willem van den Eijkel, Sales Director von Clear Flight Solutions, offen, als ein Genfer Wildhüter ihn um eine Offerte für ein Projekt in seiner Heimat bittet. Van den Eijkel rät ihm, den Robird mindestens über einen Zeitraum von drei Wochen zu nutzen, damit er auch einen maximalen Effekt erziele. Ein solcher Einsatz koste im Minimum 12000 Franken. Jener in Kaiseraugst soll 17000 Franken kosten.

Daniel Trachsel, ein Berner Wildhüter aus dem Seeland, ist mit Kollegen angereist, um sich vor Ort ein Bild von der Robird-Technologie zu machen. «Interessant», findet er, «vielleicht könnte diese Vergrämungsmethode mit einer anderen kombiniert werden.» Auch er kennt das Problem mit den zahlreichen Saatkrähen. «Die waren bereits auf der Roten Liste», erinnert er sich, «keiner weiss, warum die Population in den letzten Jahren derart angewachsen ist.»

Auch die Mittelmeermöwen könnten noch zum Problem werden. Der Klimawandel hat sie bis zu uns gebracht. «Sie haben sich unseren Gegebenheiten angepasst», weiss er, «problematisch wird es, wenn sie in der Nähe eines Balkons nisten und ihre Brut gegen den Menschen zu verteidigen beginnen.» Einheimische Vögel wie Rebhühner, Wachteln oder Feldlerchen hingegen seien vom Menschen immer weiter zurückgedrängt worden.

Vom Winde verweht

Zum Schluss kommt es noch zu einer Panne. Der Robird stellt den Flügelschlag ein. Notabene absichtlich. Er soll nun im Gleitflug zurückkehren und landen. Genau in diesem Moment wird er von einer Windböe erfasst und weggetragen. Er landet schliesslich in einer Baumkrone acht Meter über dem Boden.

Leicht belustigt verfolgt ein Mitarbeiter des Kaiseraugster Werkhofs das Spektakel. «Okay», sagt er, «der falsche Falke steckt nun in der Baumkrone fest, die Krähen aber haben alle das Weite gesucht.»

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