Zum Hauptinhalt springen

Dieser Entscheid hat auch etwas Gutes

Die Absage der Basler Fasnacht schmerzt sehr. Wir spüren, wie zerbrechlich Glück ist. Der Regierungsrat hat exzellent kommuniziert.

Aadie Fasnacht – und warten auf die nächste. Der Morgestraich 2021 findet am 22. Februar statt. Foto: Fabienne Andreoli
Aadie Fasnacht – und warten auf die nächste. Der Morgestraich 2021 findet am 22. Februar statt. Foto: Fabienne Andreoli

Mit finsteren Mienen sassen Elisabeth Ackermann, Lukas Engelberger, ­Baschi Dürr und Conradin Cramer am Freitagmittag im Vorzimmer des Grossratssaals. Sie hatten schlechte Nachrichten: Die Absage der Basler Fasnacht trifft die Stadt mit voller Wucht. In Windeseile scheint sich das Coronavirus nun auch in der Region zu verbreiten. Basel ohne die «drey scheenschte Dääg» – mit Entsetzen haben die Fasnächtlerinnen und Fasnächtler diese traurige Botschaft zur Kenntnis genommen. Tausende von Arbeitsstunden sind futsch, die ganze Spannung weg, der Geist, der diese Stadt jeweils so verzaubert: Auf einen Schlag verflüchtigt er sich.

Die Regierungsräte, allen voran Lukas Engelberger und Baschi Dürr, haben exzellent kommuniziert. Sie liessen den Schmalz weg, sie kamen sofort auf den Punkt. «Wer ausschert und meint, trotzdem fasnächtlich unterwegs sein zu müssen, macht sich strafbar», sagte Dürr. Engelberger betonte, dass die Fasnacht nicht mehr zu verantworten sei. Selten hat man den Justiz- und Polizeichef so klar verstanden, so deutlich war auch der Gesundheitsdirektor in seinen ­Ausführungen.

Wir spüren, wie zerbrechlich Glück ist. Wir fühlen, wie schnell alles vorbei sein kann

Die Absage hat nichts mit Panikmache zu tun. Und nach diesen Worten der Magistraten werden es sich jene Fasnächtler, die nun in den Hinterzimmern und Cliquenkellern renitente Pläne schmieden, gut überlegen, ob sie sich in den kommenden Tagen tatsächlich in ein Kostüm stürzen und ausscheren wollen.

Natürlich hat der Regierung am Marktplatz in die Karten gespielt, dass Stunden zuvor der Bundesrat mit Alain Berset an der Spitze sämtliche Grossanlässe in der Schweiz mit über eintausend Teilnehmern verboten hatte. Berset nahm den Magistraten den Druck, die heiligen Tage in Basel selbst absagen zu müssen. Dennoch überzeugte der Regierungsrat mit seinem Auftritt.

In den Stunden der grossen Enttäuschung reift auch eine weitere Erkenntnis: Dieser Entscheid gegen die Fasnacht – so schwer er auch gefallen ist – hat auch etwas Gutes. Wir spüren, wie zerbrechlich Glück ist. Wir fühlen, wie schnell alles vorbei sein kann. In einer Zeit, in der ständig über so vieles gemeckert und geurteilt wird, kann das bei einem «Ich will alles und zwar jetzt»-Volk durchaus mal wohltuende Wirkung haben. Ein sicherer Arbeitsplatz, ein hoher Lohn, ein cooles Auto, eine helle Wohnung, ein funktionierender Sozialstaat, ­regelmässig Ferien, Freunde, eine gesunde Familie – es ist nicht alles selbstverständlich.

Da draussen verbreitet sich ein Virus. Und wir da drinnen sollten uns der Verantwortung bewusst sein und entsprechend handeln; gar nicht schlecht, wenn wir darüber wieder einmal nachdenken. In den ­Nachrichten sind Krisen, Krankheiten oder Katastrophen meistens an ­anderen Ecken der Welt zu ­beobachten, nie bei uns. Das macht gleichgültig, killt die Demut und nährt die Ignoranz.

Kein Schnitzelbank und kein Cortège kann auch nur ein Menschenleben aufwiegen

Dabei leben wir in Zeiten, in denen alles möglich scheint. Das Klima spielt seit Monaten verrückt, Diktatoren zetteln Kriege an, England kehrt der EU den Rücken, Millionenstädte werden wegen eines Virus abgeriegelt. Dabei spielt die Digitalisierung eine entscheidende Rolle: Wir sind innert Sekunden informiert, wenn in ­Mailand oder Basel ein neuer Patient ins Spital eingeliefert wird. Wir ­verfolgen die Buschbrände in ­Australien im Livestream und ziehen uns das Video vom Blutbad in Hanau auf die Festplatte. Wir scheinen alles zu wissen, können jedes Detail abschätzen und einordnen.

In derart volatiler Atmosphäre erleben die klassischen Medien eine ­Renaissance. Die Menschen sehnen sich nach reiner Information. Sie wollen aufgeklärt, nicht unterhalten werden; dies übernehmen die sozialen Medien mit ihrem permanent hohen Empörungsfaktor. Bei den ­Bezahl- und Onlinemedien liegt die Verantwortung in Inhalt und Tonfall. Wann geht die klassische Berichterstattung in Kommunikationsterror über – und wann wird aus Vorsicht pure Angst?

Wie Corona ist auch die Angst ein Virus, das nur schwer aufzuhalten ist – und das sich vor allem gut verkaufen lässt. Die Schweizer sind im Kern keine Angstgesellschaft; aber ihnen wird gerne suggeriert, in einer zu leben. Das Reisebüro wünscht vor dem Abflug in die Ferien eine «sichere» Reise, der Staumelder am Radio ­beschwört eine «unfallfreie Fahrt». Wer ohne Helm auf der Skipiste ­unterwegs ist und noch die gute alte Kappe trägt, gilt mittlerweile als hirnverbrannt, wer das Kind auch nur einen Meter ohne Sturzhelm Velo fahren lässt, ist ein Rabenvater.

Im Fall der Basler Fasnacht war die Angst ein treibender Faktor, jedoch realistisch begründet: Angst vor einer rasanten Ausbreitung der Pandemie, Angst vor dem ersten Toten in der Schweiz. Kein Schnitzelbank und kein Cortège kann auch nur ein Menschenleben aufwiegen. Das Glück ist zerbrechlich. Und die Absage vernünftig.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch