«Die Freiheit ist tief gefährdet»

Alt SVP-Bundesrat Christoph Blocher sprach in Möhlin über die Schweiz und Europa. Rhetorisch raffiniert beschwor er traditionell ein Thema: Die Asylpolitik.

Wider die EU: Christoph Blochers Freiheitsrede kam bei seinen Anhängern gewohnt gut an.

Wider die EU: Christoph Blochers Freiheitsrede kam bei seinen Anhängern gewohnt gut an.

(Bild: Florian Bärtschiger)

Alt-Bundesrat Christoph Blocher hat es wieder einmal geschafft. Rund 450 Personen lauschten am Freitag gebannt dem SVP-Übervater während des rund einstündigen Referats über das Verhältnis der Schweiz zu Europa. Am Ende beantwortete Blocher die Fragen seiner Anhänger, ging auf deren Sorgen und Nöte ein. Der Alt-Bundesrat war in Möhlin volksnah, wie man ihn kennt und wie es ihm kein anderer Schweizer Politiker nachmacht.

Auf den Weg in den Wahlkampf gab er ihnen Argumente, wieso es im Oktober an den National- und Ständeratswahlen so wichtig sei, SVP zu wählen: «Wer will, dass kriminelle Ausländer ausgeschafft werden, dass die Schweiz nicht der EU beitritt und dass wir noch selber bestimmen und nicht bestimmt werden, der soll nicht die Faust im Sack machen, sondern an die Urne gehen und SVP wählen.»

Ein Hauch von Boxatmosphäre

Zweieinhalb Stunden zuvor öffnete die Mehrzweckhalle ihre Tore. Die Vorfreude auf Blocher war förmlich spürbar. Nach den heimischen Klängen der Musikgesellschaft Möhlin und einigen Ansprachen wurde es plötzlich dunkel. Musik hallte aus den Lautsprechern. Ein einziger Scheinwerfer leuchtete auf die Eingangstüre.

Man wähnte sich kurzzeitig im Madison Square Garden in New York. Ein Hauch von Boxkampfatmosphäre. Die Köpfe drehten sich, die Türe ging auf und umringt von drei Sicherheitsangestellten schritt Blocher unter frenetischem Applaus an gezückten Smartphones vorbei zur Bühne.

«Der Bürger ist der König»

«Ist die Freiheit der Schweiz noch zu retten?», fragte Blocher in seinem Vortrag. «Passt auf, wir verlieren zunehmend an Freiheit», mahnte der Alt-Bundesrat gleich selber. «Und wenn wir nicht aufpassen, geht diese schnell verloren.» Dafür lohne es sich zu kämpfen. Denn diese Freiheit sei nicht zufällig entstanden, sondern den Vorfahren der Schweizerischen Eidgenossenschaft und den Gründern der Bundesverfassung zu verdanken. Während SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga heute auf den Knien nach Brüssel gehe und um eine Lösung bettle, seien die Gründerväter des Bundesverfassung noch hingestanden und hätten sich gegen die bereits an der Grenze stehenden Franzosen gewehrt.

Mit historischen Abrissen schlug Blocher immer wieder den Bezug zu heute und lobte die direkte Demokratie, das Mitbestimmungsrecht des Volkes. «Das Volk muss die erste Gewalt sein, der Bürger der König.» Wäre die Schweizer Politik ein Unternehmen, so wäre das Volk der Generaldirektor, das Parlament die Direktion und der Bundesrat der Prokurist. «Ich hatte die schnellste Politkarriere. Innerhalb von nur zehn Tagen nach meiner Abwahl aus dem Bundesrat wurde ich so vom Prokuristen zum Generaldirektor.» Gelächter. Frenetischer Applaus.

Wie vor der EWR-Abstimmung

Christoph Blochers Auftritt war politische Unterhaltung. Natürlich auf Schweizerdeutsch und ohne Notizen nahm er die ganze Bühne ein. Das Publikum sass im Dunkeln. Blocher konnte seine Anhänger also nicht sehen. Das war auch nicht so wichtig. Denn das Publikum sah ihn. Gut gelaunt, voller Energie und mit einem dauernden Mahnfinger. «Die schweizerische Freiheit ist tief gefährdet.» Blocher mahnte vor fremden Richtern und der Übernahme von EU-Recht. Man stünde heute an einem ähnlichen Punkt wie 1992 vor der Abstimmung über den EWR-Beitritt. Die Schweizer Politik und mit ihr die Wirtschaft würden mit dem Untergang der Schweiz drohen, wenn die bilateralen Verträge wegen der Masseinwanderungs-Initiative gekündigt würden. «Das sind Verträge, die die Unabhängigkeit der Schweiz kaputt machen. Wir müssen diesen Vertrag, der 2016 vors Volk kommt, bekämpfen.»

Auch in der Flüchtlingspolitik gab Blocher den Mahner. Dass die Schlepper bekämpft werden müssen, wisse man bereits seit über zehn Jahren und nicht erst seit dem qualvollen Tod der 71 Flüchtlinge im Lastwagen. Mehrfach fuhr er SP-Justizministerin Simonetta Sommaruga an den Karren. «Sie sagte, niemand werde in Diktaturen abgeschoben. Ja, wollen wir denn 1,3 Milliarden Chinesen aufnehmen, die leben schliesslich auch in einer Diktatur?» Blocher wie man ihn kennt: angriffig und um keinen Spruch verlegen. Blocher teilte aus – wie einst Muhammad Ali und Mike Tyson.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt