Der Wald ist uns teuer – aber zu billig

Waldbesitzer fordern, dass die öffentliche Hand die heimische Forstwirtschaft mehr unterstützt. Die Rede ist auch von einer Gebühr für die Nutzung des Waldes.

Für die einen Ort der Erholung, für die anderen Abenteuerpark: Hunderte verbringen täglich ihre Freizeit im Wald.

Für die einen Ort der Erholung, für die anderen Abenteuerpark: Hunderte verbringen täglich ihre Freizeit im Wald.

(Bild: Daniel Desborough)

Mischa Hauswirth

Über eine schwankende Hängebrücke durch den Wald balancieren. Einem Köhler zusehen, wie er in den Meiler sticht und anhand des Rauches die richtige Temperatur im Innern feststellt. Eine Greifvogelschau. Eine Hirtenhundvorstellung. Ein Wettkampf von Pferden beim Holzrücken. Figurenherstellung mit der Motorsäge. Vollmechanisierte Holzernte. Waldimkerei. Rundgänge und Lehrpfade – die Basler Förster haben sich einiges einfallen lassen für das viertägige Spektakel unter dem grünen Blätterdach. Die Basler Waldtage in Aesch dauern von heute bis Sonntag, doch keine Infotafel und kein Vortrag wird darüber ein Wort verlieren, was die Förster wirklich beschäftigt. «Wir brauchen eine Diskussion darüber, was uns der Wald wert ist», sagt Ueli Meier, Kantonsoberförster und Chef des Amtes für Wald beider Basel.

Wie vielfältig der Wald genutzt wird, zeigt sich beispielhaft am «Chall», wie das rund 1965 Hektaren umfassende Gebiet zwischen Laufen, Röschenz, Burg und Dittingen heisst. Mit 62 Prozent ist es eines der waldreichsten Teilgebiete des Kantons Basellandschaft. Hier, im Westen des Baselbietes, treffen alle Interessen geballt zusammen, mit denen sich Waldbesitzer und Förster konfrontiert sehen: Es gibt das Naturschutzgebiet Blauen mit seinen national bekannten Trockenrasen, es gibt Felswände und Jurakreten und ein dichtes Wegnetz – ideal für Naherholung und Freizeitsport jeglicher Art.

Das Gebiet Chall ist überregional bekannt und Ziel von Wanderern, Natur-, Schmetterlings- und Vogelfreunden, von Botanikern, von Bikern, von Kletterern, Reitern, Hundehaltern. Konflikte zwischen den einzelnen Gruppen sind programmiert. Als Beispiel sei hier erwähnt, dass dort, wo Städter Felsen hochkraxeln, seltene Pflanzen wachsen und Vögel nisten. Deshalb fordern Naturschützer ein Kletterverbot und die Kletterer fordern im Gegenzug mehr Freiraum für ihren Sport.

100 Personen pro Tag und Hektare

Wie viele Besucher an Spitzentagen sich alleine hier im Westen des Baselbiets erholen, wurde bisher nie erhoben. Auf nationaler Ebene hingegen ist bekannt, dass Wälder in Stadtnähe Erholungswälder sind. In dicht besiedelten Gebieten sind teilweises über 100 Personen pro Tag und Hektare im Wald, wie das Institut für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) herausgefunden hat. Elf Prozent der rund sieben Millionen Schweizer besuchen den Wald täglich, 79 Prozent einmal im Monat. Kostenlos, notabene.

Genau hierüber wünschen sich die Förster eine Diskussion. «Alle reden von Naturschutzmassnahmen, ökologischer Waldpflege, Biodiversität und Rücksicht auf Benutzerinteressen wie Jagd oder Vögel, am Ende des Jahres zählt aber doch nur, ob wir Forstbetriebe schwarze Zahlen schreiben», sagt René Lauper, Förster des Forstreviers Dottlenberg.

Dem Amt für Wald beider Basel stehen jährlich fünf Millionen Franken zur Verfügung – für 22'000 Hektar Wald und 6000 Waldbesitzer. Kantonsoberförster Meier sagt: «Für diese fünf Millionen erhält die Öffentlichkeit konkrete, nachweisbare Leistungen in Form von gepflegten Schutzwäldern, erstellten Schutzbauten, gepflegten, stabilen Jungwäldern und Waldbeständen mit hohem Beitrag an die Biodiversität. Und eben auch Aufsicht durch die Revierförster.» Fünf Millionen Franken für den Wald, der 40 Prozent der Kantonsfläche ausmacht – allein der Kanton Basel-Landschaft gibt jährlich knapp 2,8 Milliarden Franken aus.

Die Basler Wälder gehören bis auf wenige Parzellen Bürgergemeinden und Privaten. Damit diese ihre Kosten decken können, müssen sie Holz schlagen und verkaufen. Die Waldwirtschaft ist jedoch seit Jahrzehnten ein wenig rentables Geschäft. Der Holzpreis steckt in einem Dauertief, und den Waldbesitzern fehlt es an Geld, um in Pflege und Nutzung des Waldes zu investieren. Dazu kommt, dass sich gerade in stadtnahen Wäldern die Forstwirtschaft mit einer kritischen Bevölkerung konfrontiert sieht. «Es ist eine Erwartungshaltung entstanden, den Wald im Ist-Zustand zu erhalten und für die Benutzung der Besucher uneingeschränkt zur Verfügung zu stehen», sagt Christian Becker, Förster des Forstreviers Aesch.

Ein Messeturm voll Holz

Der wirtschaftliche Druck auf die Waldbesitzer wird weiter steigen. Denn Schweizer Holz ist zwar ökologischer, aber auch teurer, und wird sich nie gegen die Massenware aus Kahlschlägen in Skandinavien oder Osteuropa durchsetzen. Deshalb wird vor allem dort Holz geschlagen, wo die Transportwege kurz sind, das heisst in Siedlungsnähe. Dabei könnte der Wald weit mehr genutzt werden als heute. 170'000 Kubikmeter Holz wachsen jedes Jahr in Basler Wäldern nach, das ist etwas mehr als der Messeturm mit 150'000 Kubikmetern Volumen. 130'000 werden jährlich für Bau- oder Energieholz gefällt. Förster weisen seit Jahren darauf hin, dass Bäume, die aus forstwirtschaftlicher Sicht schlechte Qualität aufweisen, als Energielieferant genutzt werden könnten. Wer über den Atomausstieg und alternative Energiequellen diskutieren will, sollte auch an den Wald denken.

Kostenbeitrag für Benutzung

Mit dem Wachstum der Schweizer Bevölkerung und der Agglomerationen wird auch der Erholungsdruck auf den Wald weiter steigen. Ueli Meier sagt es lapidar: «Mehr Waldbesucher mit unterschiedlichen Interessen bedeuten mehr Konflikte.» Er rät den Waldbesitzern, darüber nachzudenken, wer für welche Kosten aufkommen soll, beziehungsweise was sie beispielsweise den Einwohnergemeinden in Rechnung stellen können. Denn wenn die Bürgergemeinde auf ihre Kosten einen Rastplatz und ein Waldwegnetz unterhält, das Nordicwalker und Biker in ihr Streckennetz aufnehmen, warum muss sie dann die Kosten dafür alleine tragen? Thomas de Courten, Geschäftsführer des Verbandes Basellandschaftlicher Bürgergemeinden, sagt: «Die Einwohnergemeinden sollen den Bürgergemeinden als Waldbesitzern die Freizeitdienstleistungen abgelten.»

Zurück zu den Waldtagen in Aesch. Sie sollen den Besuchern zeigen, wie spannend und ökologisch Schweizer Forstwirtschaft ist, wie engmaschig Wald und Mensch miteinander verwoben sind. Die fünf Franken Eintritt (Kinder gratis) sind im Vergleich zu dem, was geboten wird, wenig. Würde aber genau dieser Fünfliber jährlich pro Einwohner an die Waldbesitzer gehen – gewissermassen als Benutzungsgebühr für eine riesige Freizeit- und Erholungsanlage – würde die Situation der Waldbesitzer anders aussehen.

In dieser Gebühr wäre auch die Reinigung der Luft, die Lieferung von frischem Sauerstoff, die Reinigung des Trinkwassers und der Schutz vor Erdrutschen enthalten. Urs Amstutz sagt: «Die Leistungen des Waldes, die heute als preisfrei betrachtet werden, sollten künftig neu bewertet werden.»

Basler Zeitung

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