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Der Mann mit dem Müll

Wie kommen Autoren bloss auf die Ideen, die sie in ihren Büchern festhalten? Beim Busfahren zum Beispiel.

Beim Busfahren kann es zu poetischen Momenten kommen.
Beim Busfahren kann es zu poetischen Momenten kommen.
Florian Bärtschiger

Die Ampel blinkt. Eine Strassenlaterne flackert. Ein Mann mit einem Müllsack auf dem Buckel schlurft in Bade­latschen und Socken über die Kreuzung. Ein leerer Bus braust an, bremst. Der Mann mit dem Müll winkt dem Fahrer zu.

Sie fragen sich gerade, wie ich denn drauf bin? Melancholisch? Vielleicht. Ich würde aber sagen: poetisch. Diese wenigen Sätze sind doch Lyrik, oder nicht? Okay, einen Preis an der ­Frankfurter Buchmesse, die ja gerade läuft, werde ich nicht gewinnen. Vermutlich auch dann nicht, wenn ich meiner Poesie noch einen Titel ­verpasse: «Der Mann mit dem Müll». Oder: «Sonntagabend».

Morgens um 5 sind in der Stadt nur wenige Leute unterwegs. Überhöckler. Betrunkene.

Natürlich bin ich kein Lyriker. Ich bin ein Geschichtenerzähler. Und Busfahrer. Die oben beschriebene Szene hat sich übrigens genau so zugetragen. Bis auf die flackernde Laterne. Die habe ich dazuerfunden. Dichterische Freiheit!

An der Buchmesse werden Tausende von Büchern präsentiert. Tausende von Autorinnen und Autoren hoffen, mit ihren Werken einen Bestseller zu landen. Und sind überzeugt: Ihr Buch, ihre Geschichte, ihre Idee ist die beste. Das bin ich auch, wenn ich ein Buch schreibe. Und als Autor wird man immer gefragt: Wie kommst du bloss auf die Ideen?

Beim Busfahren zum Beispiel. Besonders inspirierend sind Schichten an einem Sonntag. Die Szene mit dem Müllmann in den Badelatschen könnte durchaus auch der Anfang eines Romans sein. Was passiert mit dem Mann und dem Müll? Ein Drama? Welche Symbolik steckt dahinter? Wird die Geschichte ein Happy End haben?

Sonntage sind speziell. Ich hatte am vorletzten Sonntag Frühschicht. Am letzten Sonntag Spätschicht. Morgens um 5 sind in der Stadt nur wenige Leute unterwegs. Überhöckler. Betrunkene. In den Quartieren streunen um diese Zeit nur Katzen herum. Um 6 Uhr kommen die ersten Sonntagsarbeiter. Wanderer, die im Frühtau zu Berge ziehen. Ab 7 Uhr die Hündeler, die mit einem Grinsen im Gesicht ihre wedelnden Lieblinge ausführen. Und Jogger. Später warten dann die Kirchgänger auf den Bus oder das Tram. Erst ab 10 Uhr tauchen alle anderen Menschen auf. Dann füllt sich die Stadt mit Leben. Das fröhliche Treiben beginnt.

Am kommenden Sonntag dürfte diese Melancholie noch stärker zu spüren sein.

Aber am Abend legt sich schnell Tristesse über die Stadt. Die Sonntagabend-Melancholie. Denn der Montag kündigt sich an. Drohend und furchterregend. Die Stadt wird leer. Und öde. Nicht mal Katzen sind unterwegs. Nur noch ein paar Hündeler. Mit heruntergezogenen Mundwinkeln. Selbst die Hunde lassen ihre Rute hängen. Und dann gibt es eben noch Menschen, die ihren Müll irgendwohin tragen…

Am kommenden Sonntag dürfte diese Melancholie noch stärker zu spüren sein. An einem Wahlsonntag gibt es erschöpfte Sieger und traurige Verlierer. Vor allem aber ganz viel Wahlkampfmüll, der entsorgt werden muss. Inklusive all der schönen Worte.

Plötzlich kommt Leben in die Bude. Also in meinen Bus. Um 23.40 Uhr betritt eine Gruppe Rentner den 31er am Claraplatz. Sie machen Sprüche und kichern wie Teenager an einem Freitagabend. Rentner leiden nicht mehr unter der Sonntagabend-Melancholie.

Und so endet mein Sonntag, meine Geschichte doch noch mit einem Happy End.

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