Treppchen und Taxi für den Lachs

In den letzten fünfzig Jahren wurden im Basler Rhein genau drei Lachse gesichtet. Die Rhein-Anrainerstaaten zahlen nun für die Rückkehr des Lachses Milliarden.

Symbolischer Akt der WWF-Aktivisten, die den Lachs über die Rolltreppe zur Rheinkonferenz tragen.

Symbolischer Akt der WWF-Aktivisten, die den Lachs über die Rolltreppe zur Rheinkonferenz tragen.

(Bild: Keystone)

Zahlreiche Kraftwerke zwischen Strassburg und Basel versperren dem Lachs den Weg zu seinen angestammten Laichgebieten. «Der Engpass liegt bei den Franzosen», sagt Dominik Keller, Stellvertretender Leiter des Amts für Umwelt und Energie. Während in der Schweiz die Renaturalisierung boomt, sah Frankreich bislang keinen Handlungsbedarf. Denn: «Die Einzelkosten liegen im sechsstelligen Bereich», steckt Fischereiaufseher Hans-Peter Jermann die Kosten grob ab.

An der 15. Rheinministerkonferenz in Basel haben die betroffenen Staaten, Frankreich inklusive, nun aber eine wichtige Absichtserklärung unterschrieben: Bis 2020 soll der Lachs hindernisfrei vom Rheindelta bis nach Basel wandern können. Dazu müssen von der französischen Elektrizitätsgesellschaft Électricité de France teure bauliche Massnahmen getroffen werden. Denn noch ist der Rheinabschnitt zwischen Strassburg und Basel (siehe Karte) für die Lachse auf ihrer Wanderung zu den Laichgebieten im Oberrhein schier unüberwindbar.

Millionenteure Fischkanäle

Obwohl vor Strassburg eine sich natürlich fortpflanzende Lachspopulation im Rhein zu finden ist, beginnt das Hauptproblem, so Andreas Knutti vom Bundesamt für Umwelt, bereits an der Mündung des einen Rheinarms: «Die Schleusen des Haringvlietdammes versperren dem Lachs den Zugang zum Rhein.» Hier bietet sich die relativ einfache Lösung des zeitweisen Öffnens der Schleusentore. Ist dieses Hindernis überwunden, gelangt der Lachs bis nach Strassburg, dessen Kraftwerk seine Reise abrupt beendet.

Abhilfe schaffen wird ab 2015 eine Fischtreppe. Knutti: «Man kann sich das wie viele aneinandergereihte Beton-Badewannen vorstellen. Wasserbecken, mit deren Hilfe die Fische auf kürzester Strecke bis zu zehn Höhenmeter überwinden können.» Die Becken werden in Abständen von etwa zehn Höhenzentimetern aneinandergereiht. Die Kosten? «Hoch», weiss Knutti, «für kleine Anlagen muss man mit mehreren Hunderttausend Franken rechnen; grosse kosten schnell mal zwei bis drei Millionen.»

Ein Rheintaxi für den Lachs

Knapp 26 Kilometer weiter den Rhein hinauf wartet das nächste Hindernis: das Laufwasserkraftwerk Gerstheim. Wehr und Schiffsschleuse sollen auch hier mit einer Fischtreppe umgangen werden. Baubeginn ist 2015. Damit ist das Problem aber noch immer nicht gelöst. In Rhinau stellt sich dem Lachs auf seiner noch unmöglichen Wanderung in die Schweiz bereits das nächste Kraftwerk entgegen. Anstatt auch das Kraftwerk Rhinau mithilfe einer Fischtreppe oder eines Umgebungsgewässers passierbar zu machen, hat die französische Delegation an der Rheinministerkonferenz eine neue Massnahme vorgestellt: ein Fischtaxi. Kurz vor Rhinau werden die Fische mithilfe eines künstlichen Stroms in eine Reuse geleitet. Diese wird von einem Schiff rheinaufwärts transportiert. In ihrem Taxi passieren die kurzfristig gefangenen Fische die Kraftwerke Marckolsheim und Breisach (Deutschland).

Ein ungelöstes Problem stellt das Kraftwerk Vogelgrun dar: «Die Lachse sollen vor Vogelgrun in den Altrhein entlassen werden», sagt Benjamin Leimgruber von Aqua Viva. Da ist der Weg nach Basel frei. Das Taxi sei aber nur eine kurzfristige Lösung, betont Ruedi Bösiger vom WWF: «Der Lachs kann nicht ewig abgeschleppt werden.»

Musterschüler Schweiz

An der Rheinministerkonferenz vom vergangenen Montag betonte Bundesrätin Doris Leuthard, dass die Schweiz bereits Milliarden in Revitalisierung und Fischgängigkeit der Schweizer Gewässer investiert habe. Schön, befindet die Schweiz sich in der privilegierten Lage, genannte Milliarden zur Behebung von früheren Gewässerkorrekturen und Umgehung von Gewässerverbauungen einsetzen zu können.

Aktuell prüfen alle Kantone die Fischgängigkeit ihrer Gewässer, um sie allenfalls bis 2030 zu optimieren. Bald beginnt ausserdem ein Forschungsprojekt in Rheinfelden, das mithilfe von DNA-Proben die Wanderung ausgesetzter Lachse verfolgt. Schafft ein bei uns ausgesetzter Lachs den Rückweg in die Schweiz, wird er nicht nur sehnlichst erwartet, sondern kann auch mit sauberem Wasser, renaturalisierten Laichplätzen und Spezialtreppchen rechnen. Die Schweiz ist, zusammen mit Deutschland, ein Musterknabe auf dem Gebiet der Gewässerrenaturalisierung. So ist denn auch das neu gebaute schweizerisch-deutsche Kraftwerk Rheinfelden ein Vorzeigebeispiel.

Zwei Fischtreppen und ein Umgehungsgewässer lassen den Lachsen freie Bahn. Das war den Verantwortlichen rund vier Millionen Euro wert. Dazu kommen die Einbussen bei der Stromproduktion, da ein Teil des Wassers für die Fischpässe abgezweigt wird und dadurch die Turbinen nicht antreibt. Jochen Ulrich vom Energiebund Deutschland betont zudem: «Rheinfelden ist ein Neubau. Bei den bestehenden Werken am Oberrhein werden die Kosten um einiges höher.» Während diese Kosten in der Schweiz von dem überkantonalen Energieverbund Swissgrid getragen werden, gilt in Frankreich das Verursacherprinzip: Électricité de France hat für die Kosten aufzukommen. Bis man im Rhein aber wieder Lachse fischen kann, werden noch viele Jahre verstreichen.

Basler Zeitung

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