Wenn der Biber zur Plage wird

Der niedliche Nager breitet sich aus, das führt zunehmend zu Schäden – auch in der Region.

Sympathieträger mit Paddelschwanz. Allerdings ist der Biber nicht überall beliebt, denn er nagt gerne an den Baumstämmen.

Sympathieträger mit Paddelschwanz. Allerdings ist der Biber nicht überall beliebt, denn er nagt gerne an den Baumstämmen.

(Bild: Keystone)

Mischa Hauswirth

Seine Zähne machen auch vor ganz dicken Bäumen nicht halt. In Gebieten, in denen der Biber sich angesiedelt hat, nagt er Bäume wie Pappeln oder Föhren mit einem Brusthöhendurchmesser von bis zu einem Meter an und hinterlässt an den Stämmen imposante Raspelmulden. Seit vergangenem Herbst wohnt mindestens ein Biber in der Grün 80. Die Bäume in diesem Erholungsgebiet seien deshalb potenziell bedroht, sagt Holger Stockhaus, Jagd- und Fischereiverwalter Basel-Landschaft und Mitarbeiter des Waldamtes beider Basel. «Der Grundeigentümer muss sich Gedanken machen, ob er den Baumbestand schützen möchte.» Tun könnte er dies mit einem Zaun, so Stockhaus.

Während die einen die schleichende Ausbreitung des Bibers freudig als Zeichen einer Rückeroberung durch die Natur sehen, sind die anderen ganz pragmatisch mit den Folgen konfrontiert. «Für das Gebiet Belpau kann ich beim Biber von einem Forstschädling reden», sagt Arnold Biland, Förster von Belpau im Kanton Bern. In einem Wald von etwa 30 Hektaren haben sich unweit der Aare 50 Biber eingelebt – und sie gehen nicht mehr weg. Die Population geht auf jene Tiere zurück, die beim Hochwasser von 1999 aus dem Tierpark Dählhölzli ausgebüxt sind. Seither vermehren sie sich ungebremst in der Region. «Für mein Gebiet kann ich durchaus von einer explosiven Vermehrung reden», sagt Biland.

Wald ist nichts mehr wert

Galt der Biber vor einem Jahrhundert noch als ausgerottet, leben inzwischen wieder rund 2000 Exemplare in der Schweiz – Tendenz steigend. Dass der Sympathieträger mit Paddelschwanz in gewissen Regionen bereits zum Problem geworden ist, lässt sich nicht mehr übersehen. In den Kantonen Bern, Aargau und Thurgau summieren sich die Biber-Probleme. Im Wald nagen die Tiere Bäume an oder fällen diese und in der Landwirtschaft machen sich die Tiere über Angepflanztes wie beispielsweise Zuckerrüben her.

Da der Biber streng geschützt ist, kann ähnlich wie beim Wolf oder beim Bären fast gar nicht gegen ihn vorgegangen werden, für jede Massnahme braucht es Ausnahmebewilligungen. Ohnehin, sagen Jäger, wäre eine Bejagung nicht einfach und mit einem hohen Aufwand verbunden. Die Schädenabgeltung ist sehr rudimentär geregelt, im Wald schlicht inexistent. Bauern wird empfohlen, einen Elektrozaun aufzustellen – Geld bekommen sie dafür kaum.

Zäune aufstellen wäre im Wald ohnehin wenig praktikabel, weshalb die Waldbesitzer dazu verurteilt sind, die Konsequenz eines Artenschutzes zu tragen, der vor allem in den Städten und urbanen Regionen auf grossen Zuspruch stösst. Stockhaus sagt: «Wenn der Biber da ist, bringt man ihn kaum mehr dauerhaft weg. Es war ein Wunsch der Öffentlichkeit und der Politik, den Biber wieder anzusiedeln – nun ist er hier. Wenn die Gesellschaft Wildtiere will, muss sie sich auch Gedanken darüber machen, wer für die Schäden aufkommt.»

Und diese können nicht nur bei den Bahn- und Strassendämmen, die das Tier untergräbt, beträchtlich sein. «Wir verlieren zwischen 25 bis 30 Hektaren produktiven Wald», sagt Förster Biland. Die Burgergemeinde Belp als Waldbesitzerin hat beim Kanton Bern um einen Flächenabtausch gebeten: Biberwald gegen Wirtschaftswald lautete der Vorschlag. Von den Behörden aber gibt es so gut wie keine Unterstützung. «In der Sache geht nichts», sagt Biland.

Als vor zwei Wochen mehrere Forstfachleute und Biologen den Wald in Belpau besuchten, war der Grundtenor klar: Der Biber ist nun mal hier und hat das Recht, hier zu bleiben. Naturschützer und Biologen anerkennen, dass Zielkonflikte entstehen, wenn der Schutz einer Art diese dazu bemächtigt, andere Arten zu verdrängen. Und beim Biber gibt es einen solchen Konflikt. Ein Beispiel: Da der Biber eine Vorliebe für das Fällen von Schwarzpappeln hat, gefährdet er die Entwicklung des seltenen und bedrohten Kleinen Schillerfalters, der auf diese Baumart angewiesen ist.

70 000 Franken für Evakuierung

Was also tun, wenn geschützte Arten plötzlich einen invasiven Charakter annehmen? Bei den Behörden und in Naturschutzkreisen hütet man sich davor, gegen den Biber Stellung zu nehmen. Zu gross der gesellschaftliche Druck, den niedlichen Biber einfach gewähren zu lassen.

Dabei macht ein Beispiel aus dem Kanton Thurgau deutlich, welche Kosten ein derart strenger Schutz einer nicht mehr gefährdeten Art nach sich ziehen kann: Im Frühling 2015 mussten wegen Sanierungsarbeiten am Kleinwasserkraftwerk Bürglen vier Biber vorübergehend in die Wildstation Landshut im bernischen Utzensdorf umgesiedelt werden. «Im Zuge der Sanierung des Wasserkanals und des Neubaus der Turbinenanlage sowie des Zentralgebäudes musste das Kanalsystem, das sie seit einigen Jahren als Lebensraum nutzten, trockengelegt werden», heisst es bei der Kraftwerkbesitzerin Axpo. «Aufgrund der ökologischen Auflagen sind uns Kosten von rund 70 000 Franken entstanden», so Axpo-Sprecher Antonio Sommavilla auf Anfrage.

Auch nach der Rückkehr der Biber, als der Kanal erneut für zwei Wochen trockengelegt werden musste, stand das Unternehmen in der Pflicht, sich um die Tiere zu sorgen: Der Zugang zu einer Baustelle wurde abgesperrt, die Nager erhielten Futter und eine Badewanne.

In der Region Basel besteht aufgrund den topografischen Begebenheiten weniger Konfliktpotenzial als anderswo – zunehmen werden die Probleme dennoch. Zurzeit würden rund 30 Biber zwischen Laufental, Oberbaselbiet, Augst, Grenzach-Wyhlen und Basel leben, sagt Astrid Schönenberger, Leiterin Biberfachstelle Baselland, die von Pro Natura betrieben wird. «Die Population wird sich weiterentwickeln, denn es gibt in der Region noch viele Gewässerabschnitte, wo sich der Biber niederlassen kann.»

Schäden gibt es allerdings jetzt schon. «In Frenkendorf nagte der Biber 2016 eine Kirschbaumplantage an, der Schaden musste dem Landwirt abgegolten werden», sagt Holger Stockhaus.

In Deutschland, im Oberallgäu, ist die Diskussion darüber, wie weit Artenschutz gehen soll, bereits weiter. Dort hat ein Bauer auf angemessene Abgeltung für die vom Biber verursachten Schäden geklagt. Und auf Ministeriums­ebene wurde auch bereits über eine Jagdfreigabe an bestimmten Orten diskutiert.

Basler Zeitung

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