Wegen Brand in Pratteln hätten laut Experten die Sirenen heulen müssen

Die Sicherheitsbehörden hätten beim Grossbrand am Sonntag einen Sirenenalarm auslösen müssen – das kritisieren mehrere Kommunikationsexperten.

Beim Brand in Pratteln entwickelte sich viel Rauch. Foto: Polizei Baselland

Beim Brand in Pratteln entwickelte sich viel Rauch. Foto: Polizei Baselland

«Wann, wenn nicht jetzt, sollen denn die Sirenen zum Einsatz kommen?» Das fragte sich gestern Doris Walther mit Blick auf den Grossbrand bei der Firma Galvaplast in Pratteln. Doris Walther ist nicht irgendwer, sondern ehemalige Kommunikationschefin des kantonalen Krisenstabs – also derjenigen Behörde, die am Sonntag zum Einsatz kam. Walther stört sich daran, dass wegen des Brandes lediglich die Aufforderung herausgegeben wurde, Türen und Fenster zu schliessen, obwohl das Feuer in einem Unternehmen ausbrach, das mit Chemikalien arbeitet.

Beim Feuer entstanden viel Rauch und ein grosser Sachschaden. Giftstoffe aber sollen gemäss der Polizei Baselland keine in die Luft gelangt sein. Das sei aufgrund von Messungen schon bald nach Beginn des Brandes klar gewesen, sagte gestern Polizeisprecher Adrian Gaugler und begründete so den Verzicht auf einen Sirenenalarm. Aufgrund der Ausgangslage wäre ein solcher «unverhältnismässig» gewesen, so Gaugler. Bis heute ist aber unbekannt, warum das Feuer ausgebrochen ist und welche Materialien gebrannt haben.

«Worthülsen»

Doris Walther ist nicht die einzige Kommunikationsexpertin, die den Informationsfluss während des Grossereignisses kritisiert. Auch aus Sicht von Meinrad Stöcklin, früherer Sprecher der Polizei Baselland, wäre ein Sirenenalarm am Sonntag notwendig gewesen. «Es ist besser, die Sirenen einmal zu viel als einmal zu wenig einzusetzen.» Er zweifle an der Professionalität der Sicherheitsbehörden, sagt Stöcklin. «Es wurde verkündet, dass der Rauch ungiftig sei, obwohl man nicht einmal wusste, was genau brennt.» Angesichts solcher «Worthülsen» fühle er sich als Einwohner des Kantons nicht mehr sicher.

Besonders stört sich Meinrad Stöcklin an der Argumentation von Gaugler gegenüber der «Basellandschaftlichen Zeitung», wonach ein Sirenenalarm «mit hohem zusätzlichem Aufwand» verbunden gewesen wäre. Eine solche Aussage sei «haarsträubend», so Stöcklin, denn im Krisenfall dürfe der Aufwand eines Alarms keine Rolle spielen.

Radio-Information kam zu spät

Kritik übt auch Barbara Umiker – auch sie ehemalige Kommunikationschefin des Krisenstabs. Es sei am Sonntag zu lange gegangen, bis adäquat informiert worden sei, sagt sie. Über Radio sei ab Brandbeginn gegen eine Stunde lang nichts zu hören gewesen. «Es braucht in solchen Situationen klare Hierarchien und Automatismen.» Umiker ist ebenfalls der Meinung, dass ein Sirenenalarm angebracht gewesen wäre.

Doris Walther präzisiert ihre Kritik vom Montag noch. Der Aufwand, den ein Sirenenalarm erzeugt, dürfe kein Kriterium sein, ob dieser ausgelöst werde, sagt sie. Immerhin habe es in einem Kunststoffunternehmen gebrannt, und Kunststoffe seien teilweise hochgiftig. «Aber die Sicherheitsbehörde befürchtete wohl eine Panik, wenn sie einen Sirenenalarm ausgelöst hätte.» Dabei wisse die Bevölkerung genau, was in diesem Fall zu tun sei, nämlich Radio hören.

Über 400 Substanzen

Roman Häring, heutiger Informationschef des kantonalen Krisenstabs, weist die Vorwürfe zurück. Sirenenalarm werde nur bei Gefahr ausgelöst, und eine solche habe am Sonntag nicht bestanden. Die Grenzwerte bezüglich Giftstoffen in der Luft seien zu keinem Zeitpunkt überschritten worden, betont Häring nochmals. Im Einsatz seien Messgeräte gestanden, die über 400 Substanzen in der Luft messen könnten. Zudem, so Häring: «Die Frage des Aufwands für die Einsatzleitzentrale war kein entscheidendes Kriterium.»

Die Kritik jedoch bleibt. «Ich habe den Eindruck, dass die Sicherheitsbehörden zu wenig aus der Katastrophe von Schweizerhalle vor über dreissig Jahren gelernt haben», sagt Meinrad Stöcklin. Jetzt seien die Politiker an der Reihe, hier für Abhilfe zu sorgen.

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