Villa Durchzug

Fernab von Siedlungsbrei und Autobahn kümmert sich der Verein Baselbieter Feldscheunen um jahrhundertealte Bauten.

Einerseits zerfällt, was einst historisch bedeutsam war. Andererseits werden Feldscheunen gepflegt. Foto: Florian Bärtschiger

Einerseits zerfällt, was einst historisch bedeutsam war. Andererseits werden Feldscheunen gepflegt. Foto: Florian Bärtschiger

Da stehen sie nun also in diesem unregelmässigen Halbkreis und machen grosse Augen. Es spricht eine Mischung aus Kümmernis und Faszination aus ihren Gesichtern – aus Betroffenheit und Neugier. Denn Markus Zentner, damit sind sie alle einverstanden, hat natürlich recht, wenn er sagt, dass das Ruinöse seinen ganz besonderen Reiz habe. Und dennoch ist es ein Trauerspiel, dass zerfällt, was historisch einst so bedeutsam war. Auch darin sind sich alle einig.

Aus diesem Grund existiert die Gruppe überhaupt – und darum ist sie hier. Denn die rund 20 Leute, deren Blicke jetzt auf dem eingestürzten Dachgebälk ruhen, sind Teil des Vereins Baselbieter Feldscheunen, dessen Präsident Markus Zentner ist. Der Verein hat sich der Erhaltung der rund 270 inventarisierten und also als schützenswert deklarierten Feldscheunen im Kanton verschrieben. Vorgestern Samstag traf man sich zur Jahresversammlung – und zu Ruinenromantik.

Buchmatt ist 250-jährig

Ebendiese Ruine, auf deren eingestürztem Dachgebälk die ­Blicke der rund 20-köpfigen Gruppe nun ruhen, heisst Buchmatt. Sie ist rund 250-jährig, liegt unterhalb der Belchenfluh und war einst eine Lagerstätte für Heu, als Lagerstätten für Heu noch unverzichtbar waren. «Ein wunderschönes Fleckchen Erde», schwelgt Markus Zentner mit schweifendem Blick und ­verweist auf die umliegenden Hügel, die verstreuten Obst­bäume, das grüne Weideland, das  grasende Vieh, den vorbeisegelnden Schmetterling, den nächsten Bauernhof am Horizont. Hier oben sind der Siedlungsbrei und die Autobahn nur eine vage Ahnung.

Es ist dieses Landschaftsidyll, das den Vereinspräsidenten in seinem Bestreben antreibt, Feldscheunen – «dieses kulturhistorische Langzeitgedächtnis» – zu erhalten. Sein beruflicher Hintergrund tut das Übrige: Zentner ist Zimmermann. «Mich fasziniert Landschaft einfach ungemein», sagt er, «und Feldscheunen gehören ins intakte Landschaftsbild des Baselbiets.» Sie seien, fügt er an, wie eine Freiluftbibliothek. Ein Schatz.

Eine Restauration pro Jahr

Darum der Verein mit seinen rund 120 Mitgliedern, darum das Engagement für den Erhalt eigentlich nicht mehr genutzter Gebäulichkeiten, darum all die Überzeugungsarbeit, die Sensibilisierung, die Geldbeschaffung. Dennoch können nur die wenigsten «Feldschürli» restauriert werden, eins pro Jahr ungefähr, aktuell laufen Arbeiten an einer Scheune in Zeglingen.

Vergangenes Jahr wurde, nur einen Steinwurf von der Buchmatt entfernt, die Restaurierung der Feldscheune Niederbölchen abgeschlossen. Auch sie war eine Ruine. Die engagierten Handwerker und Zivildienstleistenden ersetzten einen Grossteil der Bruchsteinmauern sowie die hölzerne Dachkonstruktion. An der Finanzierung beteiligte sich der Landwirt als Eigentümer zu einem Drittel, den Rest der tiefen sechsstelligen Summe übernahmen etwa der Fonds Landschaft Schweiz, der Swisslos-Fonds sowie Stiftungen und Sponsoren. Der einstige Alpstall dient dem Bauern künftig als Unterstand für Maschinen, als Lager – und womöglich eines Tages wieder als Kleinviehstall.

Und viele Scheunen zerfallen

Anderen Scheunen ist ein ­derartiges Happy End nicht ­beschieden. Sie werden dem Zerfall überlassen, und das bisweilen ganz bewusst, schliesslich kostet ein Abriss schnell bis zu 40'000 Franken. So gewährt der Verein bei der Feldscheune Spittelweid zwischen Langenbruck und Waldenburg dem Zusammenbruch die Oberhand. Der schleichende Einsturz wird dokumentiert, wie ein Kunstprojekt. «Das Ruinöse hat seinen ganz besonderen Reiz», sagt Markus Zentner.

Dieser endgültige Zerfall droht auch dem «Feldschürli» Buchmatt. «Suva-konform lässt sich hier nicht mehr arbeiten», gibt Zentner zu bedenken. «Aber die Ziegel könnte man doch noch retten», erwidert einer und würde am liebsten gleich loslegen mit der Bergung. Doch die Ruine scheint, als hätte ihr ein Blindgänger das Herz herausgerissen: Balken lehnen kreuz und quer, loses Gestein bröckelt, Brennnesseln spriessen aus Spalten, geborstene Bretter. «Villa Durchzug», scherzt eine Dame.

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