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Über den Berg

Der Start war schwierig – doch nun ist FDP-Regierungsrätin Monica Gschwind im Amt angekommen

Alessandra Paone
Monica Gschwind ist immer auf Kontrolle bedacht, im Auftritt wie in der Wortwahl. Video: Mischa Hauswirth

Bei berührenden Filmszenen, traurigen oder glücklichen, das spielt gar keine Rolle, muss Monica Gschwind oft weinen. Sie versuche sich dann zwar zusammenzureissen, die Tränen zurückzuhalten, weil ihre beiden Töchter sie deswegen aufziehen. «Aber ja, ich bin sehr sentimental», sagt sie. Der nächste Gefühlsausbruch dürfte am Tag der Hochzeit ihrer Tochter sein. Also schon bald. Monica Gschwind lächelt.

Es fällt einem schwer, sich die freisinnige Regierungsrätin aus Hölstein aufgelöst vor dem Fernseher vorzustellen. Kurzhaarfrisur, bunt gemustertes Deuxpièces und Schmuck im klassischen FDP-Chic, der modern sein will, aber bieder wirkt. Immer auf Kontrolle bedacht, im Auftritt wie in der Wortwahl – Monica Gschwind wirkt distanziert, kühl. Eine eiserne Lady.

«Ich erhalte ganz andere Rückmeldungen», sagt sie. «Mein Umfeld erlebt mich als offene Gesprächspartnerin.» Monica Gschwind, 55 Jahre alt, sitzt an diesem Montagmorgen im Februar im Sitzungszimmer der Basler Zeitung, gelassener als noch einige Minuten zuvor beim Video-Interview. Sie trägt denselben roten Blazer wie auf dem Wahlplakat, auf dem sie mit ihren bürgerlichen Mitstreitern Thomas Weber, Anton Lauber und Thomas de Courten posiert.

Rot ist ihre Lieblingsfarbe – eine positive Farbe, die den Fortschritt markiert. Für das Gespräch hat sie sich eine Stunde Zeit genommen. Danach muss sie weiter zum nächsten Termin. Zack, zack! Alles genau durchgeplant.

Moni bi de Lüt

Wenn es darum gehe, zu verhandeln, dann sei sie hart, sagt die Baselbieter Bildungsdirektorin. «Das muss man auch sein, um Ziele erreichen zu können.» Gleichzeitig könne sie aber auch Kompromisse schmieden. Das nehme man von aussen vielleicht nicht so wahr. «Aber das spielt am Ende auch gar keine Rolle; es zählen die Resultate.»

Bei all ihren Geschäften versuche sie, die verschiedenen Interessengruppen einzubeziehen, um eine pragmatische Lösung zu finden. Alle zwei Wochen geht sie auf Schulbesuch. Sie geht in die Klassen und immer auch ins Lehrerzimmer. «Die Lehrerinnen und Lehrer sollen mir persönlich sagen können, wo der Schuh drückt.»

Es ist schwierig zu sagen, ob sich die Gespräche gelohnt haben. Mancher Lehrer hat ihr gegenüber immer noch Vorbehalte; zu sehr schmerzt der Bildungsabbau, denn als solcher wurden die Sparmassnahmen wahrgenommen. Und auch die Unterstützung der Starken Schule beider Basel muss nichts bedeuten: Nicht alle Lehrkräfte können sich mit dem Komitee rund um den scheidenden Landrat Jürg Wiedemann identifizieren.

Velo-Zahnkränze voller Symbolik

Schon bei den Gesamterneuerungswahlen im Jahr 2015 hatte die Starke Schule beider Basel mit eigenen Plakaten für Monica Gschwind geworben. Dass sie es für die Regierungsratswahlen vom 31. März erneut tut, sei das Ergebnis einer intensiven Zusammenarbeit, sagt die Regierungsrätin. Auch wenn sie nicht alle Initiativen des Komitees unterstützen könne, sei es wichtig, dass immer wieder mit kritischem Blick auf die Bildung geschaut werde.

Monica Gschwind greift in ihre Handtasche und zieht einen in eine Papierserviette eingepackten Gegenstand heraus. Es ist eine Velokassette, die ihres Rennvelos. «Sehen Sie die verschiedenen Zahnkränze? Wenn alle Beteiligten gut zusammenarbeiten, erzielen wir breit abgestützte Lösungen. Wenn ich richtig steuere und mit Fingerspitzengefühl schalte, sind wir flott unterwegs. Lege ich einen zu kleinen Gang ein, kommen wir nicht vorwärts – lege ich einen zu grossen Gang ein, stecken wir im Steilhang fest», sagt sie. Mit der Kassette in der Hand hat sie sich dann auch für die Basler Zeitung fotografieren lassen. Als Symbol für ihre Arbeitsweise. Aber auch, weil sie in ihrer Freizeit gerne aufs Rennvelo steigt. Das hält sie körperlich fit, was bei den langen und intensiven Arbeitstagen wichtig sei. «Ich kann beim Radfahren gut abschalten und habe dabei auch immer gute Ideen.»

Ohni Moni

Wer sich unnahbar gibt, tut dies oft aus Unsicherheit oder auch, um sich vor persönlichen Angriffen zu schützen. Monica Gschwinds Start vor vier Jahren als Regierungsrätin war nicht einfach. Sie übernahm die Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion des zurückgetretenen Urs Wüthrich von der SP, der Partei, die nach neunzig Jahren überraschend aus der Regierung geflogen war. Schon wenige Tage nach Amtsantritt musste sie die Sparpositionen der Regierung vertreten. Sie wurde deswegen von links angegriffen, angefeindet. Die Juso kreierten den vernichtenden Hashtag #ohnimoni.

«Es war heftig», sagt sie. Und belastend. Vor allem aber für die Familie, die Nachbarn und die Mitglieder des Gemeinderats, den sie bis zu ihrer Wahl präsidiert hatte. «Nehmt die Medienberichte und alles, was über mich gesagt wird, nicht so ernst», habe sie ihnen geraten. Es hat funktioniert: Heute komme nach einem kritischen Bericht über sie niemand mehr auf sie zu.

Von denen gab es in letzter Zeit deutlich weniger. Die umstrittenen Geschäfte sind entweder vom Tisch oder auf gutem Weg. Über die Handschlag-Affäre in Therwil spricht kaum mehr jemand. Das Thema hat die Bildungsdirektorin zusätzlich zu den laufenden Geschäften stark beschäftigt. Als Folge davon wurde eine Meldepflicht bei Integrationsschwierigkeiten eingeführt.

Mit Moni

Auch bei der Universität scheint sich die Lage etwas beruhigt zu haben. Zwar ist man in Basel-Stadt immer noch verärgert über den Nachbarkanton und dessen Sparwut, die die Qualität des Traditionsinstituts gefährde. «Aber wir sind ein gutes Stück weiter gekommen», sagt Monica Gschwind. Dass sich die beiden Regierungen auf einen neuen Uni-Standort in Münchenstein einigen konnten, sei ein Riesenerfolg. Überhaupt glaube sie, dass die Zusammenarbeit zwischen den beiden Basel noch nie so gut war wie jetzt. Die Finanzstrategie der Baselbieter Regierung sei dabei wohl ausschlaggebend gewesen. «Die Umsetzung, die Basel-Stadt betroffen hat, war zwar unangenehm, hat aber die zwei Kantone gezwungen, sich vermehrt auszutauschen. Das hat uns sicher näher zusammengebracht.»

Trotz Widrigkeiten ist Monica Gschwind gerne Regierungsrätin. Sehr sogar, wie sie betont. Sie sei definitiv in ihrer Direktion angekommen und habe auf keinen Fall vor, diese so bald wieder zu verlassen. Das Klima innerhalb der Regierung sei sehr gut; die meisten Kollegen kannte sie schon aus der Zeit im Landrat. In diesem Jahr ist sie als Regierungspräsidentin unterwegs, was ihr im Wahlkampf zugutekommen dürfte.

Wobei – Monica Gschwind muss sich nicht ernsthaft Sorgen machen um ihre Wiederwahl. Sie hat den steilen Aufstieg geschafft und kann nun nach vier Jahren die Abfahrt geniessen. Sie ist über den Berg.

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