Trinken verboten!

Das Trinkwasser in und um Liestal ist stark verunreinigt. Vor Donnerstag ist nicht mit einer Entwarnung zu rechnen.

Heute Abend hat man begonnen, das Trinkwasser zu chloren, um die mikrobiellen Verunreinigungen zu beheben.

Heute Abend hat man begonnen, das Trinkwasser zu chloren, um die mikrobiellen Verunreinigungen zu beheben.

(Bild: Keystone)

Alessandra Paone

Der Mittagsservice hat soeben begonnen, als Caroline Aebischer die Pushmeldung auf ihrem Smartphone liest: «Trinkwasser mit Fäkalbakterien belastet». ­Aebischer, Chef de Service im Restaurant Kaserne in Liestal, reagiert sogleich: Die Eiswürfelmaschine ist ab sofort tabu und alles, was bis zu diesem Zeitpunkt vorproduziert worden ist, wird entsorgt. «Wir können das Risiko nicht eingehen, dass es unseren Gästen schlecht geht», sagt sie. Es sei dann jemand ins Prodega nach Pratteln gefahren, um Eiswürfel zu kaufen.

Die erste Medienmitteilung der Baselbieter Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion (VGD) ging heute kurz nach halb zwölf raus, mit der Bitte, die Meldung schnell und über alle zur Verfügung stehenden Kommunikationskanäle zu verbreiten. Das kantonale Amt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen hat bei Messungen festgestellt, dass sich im Trink­wasser der Stadt Liestal Fäkalbakterien befinden. Arisdorf, Lausen, Seltisberg, Lupsingen und Nuglar sind ebenfalls betroffen, da sie Wasser von Liestal bezogen ­haben.

Bis sämtliche Leitungen dekontaminiert sind, kann es Tage dauern. Heute Abend hat man begonnen, das Trinkwasser zu chloren, um die mikrobiellen Verunreinigungen zu beheben. Vor Donnerstag ist nicht mit einer Entwarnung zu rechnen.

Gründe noch unklar

Die Gründe für die Verunreinigung sind noch unklar. Möglich wäre ein Leitungsbruch, bedingt durch die vielen Baustellen in der Stadt Liestal. «Das ist einer von mehreren Ansätzen, die wir derzeit verfolgen», so VGD-Sprecher Rolf Wirz. Es könne aber genauso gut ein defekter UV-Filter einer Trinkwasseraufbereitungsanlage verantwortlich sein. Er glaubt hingegen nicht, dass Gülle in eine Leitung geraten sei. «Da müsste ein Bauer absichtlich gehandelt haben, und das bezweifle ich.» Zudem werde Gülle in der Regel vor Regen ausgebracht, und danach sehe es im Moment nicht aus.

Kolibakterien können Magen-Darm-Beschwerden und Durchfall auslösen. Säuglinge, Kleinkinder und immungeschwächte Menschen sind besonders gefährdet. Die Einwohnerinnen und Einwohner der betroffenen Gemeinden werden daher dringend aufgefordert, das Leitungswasser vor Gebrauch mindestens drei Minuten lang abzukochen und Babynahrung möglichst nur mit Mineralwasser zuzubereiten. Das Wasser kann aber problemlos für die persönliche Körperhygiene verwendet werden. Für weitere Fragen oder bei Problemen hat der Kantonale Krisenstab eine Hotline mit der Nummer 0800 800 112 eingerichtet.

Rolf Wirz beurteilt die Lage bisher als «relativ ruhig». Es ­hätten sich rund fünf Personen gemeldet, die über Durchfall geklagt haben. Aber auch jemand, der nicht in einer der betroffenen Gemeinden wohne. Die Erkrankung müsse nicht unbedingt mit der Wasserverunreinigung zu tun haben. «Es könnte auch eine Magen-Darm-Grippe sein.» Er selber habe am Morgen noch Hahnenwasser getrunken, und es gehe ihm gut.

Auf der Notfallstation des Kantonsspitals Baselland in Liestal scheint die Situation ebenfalls entspannt. Es gebe keine Häufung der möglichen Symptome, sagt Sprecherin Anita Kuoni. Für die Patienten und Mitarbeiter des Spitals bestehe keine Gefährdung. «Wir haben umgehend die Betriebsfeuerwehr aufgeboten, die auf allen Stationen informiert und die Wasserspender und Kaffeemaschinen deaktiviert oder gekennzeichnet hat.»

Kritik an Kommunikation

Neben den privaten Haushalten und dem Spital sind vor allem auch Kindertagesstätten, Alterspflegeheime und Gastrobetriebe betroffen. «Wir haben gleich zwei Paletten Mineralwasser bestellt und an jedes Waschbecken einen Zettel gehängt», sagt Jennifer Kiener von der Personal­abteilung des Pflegeheims Brunnmatt in Liestal. Es gehe zum Glück allen Bewohnern gut. «Und ich hoffe, das bleibt auch so», sagt sie. Kiener hat nur zufällig von der Wasserverschmutzung erfahren. Der Ehemann einer Mitarbeiterin habe es am Radio gehört und sie sofort informiert. «Für ältere Menschen können Magen-Darm-Beschwerden verheerende Folgen haben. Wir hätten uns vonseiten der Behörden eine bessere Kommunikation gewünscht.»

Auch die Restaurantbetreiber beschweren sich über die «schlechte Informationspolitik des Kantons». Zum Glück funktioniere noch das Buschtelefon, sagt ein Liestaler Wirt, der anonym bleiben will. Ein Freund habe ihn angerufen. «Es hätte gravierende Folgen für mich und mein Restaurant haben können.» Ein anderer Wirt erfährt erst durch den Anruf der BaZ von der Wasserverschmutzung. «Vielen Dank für die Info», sagt er.

VGD-Sprecher Rolf Wirz verteidigt die Kommunikation des Kantons. «Wir wollten unbedingt noch vor Mittag mit der Mitteilung raus. Die Geschwindigkeit war uns in diesem Fall wichtiger als die Qualität», sagt er. «Wir ­haben auf die Mundpropaganda ­gesetzt.»

Die letzte grosse Trinkwasserverunreinigungen in Liestal war 1994. Das Problem konnte damals erst nach Wochen behoben werden.

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