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Schulwahl: Zemp gegen «halbbatzige Reformen»

Fast jeder dritte Lehrer würde heute einen anderen Beruf wählen - wegen Reformen und renitenten Schülern. Trotzdem kämpft Beat W. Zemp für die Harmos-Reform. Die SVP-Opposition bezeichnet er als «Kabarett».

baz: Herr Zemp, die Parteien überbieten sich zurzeit mit Rezepten für eine bessere Schule. Doch ist die Patientin überhaupt krank?

BEAT W. ZEMP: Die Gründe für den aktuellen bildungspolitischen Hype liegen eher in der Politik als in der Schule. Lange war die Volksschule eine kantonale Angelegenheit – jetzt ist sie als nationales Kampfthema entdeckt worden. Dies ist einerseits eine Folge der Pisa-Resultate, aktuell aber vor allem eine Reaktion der anderen Parteien auf die SVP, die seit Blochers Abwahl versucht, sich auch in der Bildung als Opposition zu profilieren.

Welche Partei kommt Ihren Wünschen am meisten entgegen?

Ich vertrete als Verbandspräsident Lehrpersonen von ganz links bis ganz rechts. Ich habe allerdings Mühe mit der SVP, die eine Fundamentalopposition macht gegen Harmos, das Projekt der Erziehungsdirektorenkonferenz zur Harmonisierung der Volksschulen. Hingegen freue ich mich, dass nun die meisten Parteien Tagesstrukturen unterstützen. Die SVP bekämpft diese ja mit dem Argument, die Kindheit werde verstaatlicht. Leider ist im Papier der SP, anders als bei Harmos, tatsächlich ein Nutzungsobligatorium von Tagesschulen vorgesehen. Ich bin aber der Meinung, dass gut betreute Kinder über Mittag zu Hause essen und dort ihre Hausaufgaben erledigen sollten, wenn sie das Angebot der Schule nicht benötigen.

Wo sehen Sie das grösste Problem der heutigen Schule?

Wir leisten uns auf der Fläche eines mittleren deutschen Bundeslands den Luxus von 26 verschiedenen Systemen. So gehen viele Ressourcen verloren, und es gibt Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Reformen. Darum braucht es für alle Kantone einheitliche Eckwerte, wie dies in der Bundesverfassung seit 2006 vorgesehen ist. Zudem werden in den nächsten Jahren sehr viele Lehrpersonen in Pension gehen, was uns vor grosse Probleme stellen wird. Der Beruf muss wieder attraktiver werden.

Und was ist mit der Kuschelpädagogik, die laut SVP die Schulen zu Wohlfühl- statt Leistungsanstalten macht?

Die Lehrpersonen, die ich kenne, wollen alle etwas erreichen mit ihren Schülerinnen und Schülern, aber sie wissen auch, dass Lernen mit Beziehungsarbeit zu tun hat. Man erzielt keine Lernerfolge, wenn man nur Druck macht und straft. Das hat soeben auch ein nationales Forschungsprogramm aufgezeigt.

Mit anderen Worten: Kuschelpädagogik bringt Leistung?

Lehrpersonen müssen sowohl fordern als auch fördern: Man muss klar sagen, was man will, aber man muss den Einzelnen auch den Weg zum Ziel zeigen. Und der ist sehr individuell: Die einen sind schneller, die anderen langsamer, andere brauchen vielleicht sogar etwas Kuschelpädagogik im Sinne, dass man sich ihnen zuwendet und sie speziell zu motivieren versucht. Wenn die SVP aber behauptet, mit Harmos würden die letzten Mohikaner der 68er-Bewegung der Schule ihre Ideologie aufdrücken, bevor sie abtreten, ist das nur noch bildungspolitisches Kabarett.

Die 68er-Lehrer sind also blosse Hirngespinste der SVP?

Natürlich hat es die 68er gegeben, Gott sei Dank! Ich habe noch erlebt, wie eine Klassenkameradin täglich geschlagen wurde. Das war schlimm. Heute würde dieser Primarlehrer fristlos entlassen werden.

Gibt es auch negative Entwicklungen, die Sie auf 1968 zurückführen?

Man hat im Gefolge von 1968 sämtliche Autoritäten vom Sockel geholt. Das Pendel ging dabei klar zu weit in Richtung Antiautorität. Ich habe das als Schüler erlebt: Da fand ich manchmal schon als Jugendlicher, ich würde den Unterricht straffer führen. Seitdem die Disziplinprobleme ab Mitte der 1990er-Jahre wieder massiv zugenommen haben, ist der Ruf nach mehr Autorität für die Lehrperson wieder lauter geworden. Die Schulen haben reagiert und ihre Disziplinarreglemente massiv verschärft.

Trotzdem haben etliche Lehrerinnen und Lehrer Mühe mit ihren Klassen.

Renitente Schüler und deren Eltern können die Arbeit einer Lehrperson in der Tat massiv erschweren. Sie sind ein Hauptgrund, warum Lehrpersonen aus dem Beruf aussteigen.

Geht es den Lehrern wirklich so schlecht, wie Sie immer wieder behaupten?

Es ist nicht so, dass die Mehrheit völlig unzufrieden wäre: 70 Prozent würden den Beruf laut unseren Umfragen wieder ergreifen. 30 Prozent allerdings nicht. Das ist viel. Am meisten Unzufriedenheit – und als Folge auch Lehrermangel – gibt es an Real- und Sekundarschulen. Als belastend werden neben schwierigen Schülern die vielen Reformen empfunden: National, regional, kantonal, schulhaus- und fächerbezogen wird reformiert – doch koordiniert werden die unzähligen Projekte meistens nicht. So stürzen zu viele Dinge auf einmal auf eine Lehrperson ein.

In der Nordwestschweiz wird die Schule mit Harmos und dem neuen Bildungsraum besonders stark durchgeschüttelt. Machen da die Lehrer überhaupt mit?

Man muss die Lehrerschaft für Reformen gewinnen, denn ohne unser Engagement gelingt keine Reform.

Ist das als Drohung zu verstehen?

Nein, das ist bloss meine nüchterne Erkenntnis aus 30 Jahren Bildungspolitik. Nehmen wir das Beispiel der Maturitätsanerkennungsverordnung: Da wurden 1995 Geschichte/Geografie und Bio/Chemie/Physik zu einer Note verschmolzen – was dazu führte, dass die Schüler diese Fächer nicht mehr ernst nahmen. Wir hatten immer davor gewarnt. Nun wurde die Reform wieder rückgängig gemacht.

Was fordern Sie konkret?

Wir sagen klar: Harmos ist nicht gratis zu haben. Und halbbatzige Reformen ohne genügende Ressourcen wie in den 1990er-Jahren machen wir nicht mehr mit.

Wie viel verlangen Sie?

Die Kosten müssen in jedem Kanton separat berechnet werden. Das Frühfremdsprachenkonzept kostet, die Entwicklung neuer Lehrmittel und das Monitoring auf allen Ebenen zur Überwachung der neuen Bildungsstandards sind nicht gratis zu haben.

Die Schweiz hat jetzt schon eines der weltweit teuersten Schulsysteme, ohne dass es entsprechend viel leistet.

Das stimmt nicht. Wenn man die Bildungsausgaben am Bruttosozialprodukt misst, sind wir bloss im Mittelfeld. Und wir liefern ja auch etwas für das Geld. Wir haben sehr gute Leistungen in Mathematik, Naturwissenschaften und Problemlösung. Für vorschulische Betreuung und schulische Tagesstrukturen geben wir aber weit weniger aus als andere europäische Staaten. Wir werden von der OECD regelmässig gerügt, weil wir dieses Potenzial nicht nutzen: Mit besseren Betreuungsstrukturen hätten wir weniger Drop-Outs beim Übergang ins Berufsleben und damit auch eine höhere Wertschöpfung und niedrigere Sozialausgaben.

Das ist der entscheidende Schwachpunkt Ihrer Erfolgsbilanz: Das Schweizer Schulsystem schafft es nicht, Unterschichtskinder gerade aus Migrantenfamilien Aufstiegschancen zu eröffnen.

Wenn diese Kinder in die Schule kommen, ist es leider oft schon zu spät. Deshalb ist ja das Basler Projekt mit der Sprachförderung für Dreijährige so richtungsweisend.

Welcher Effekt hätte die freie Schulwahl auf die Chancen dieser Kinder?

Eltern aus bildungsfernen Schichten würden die Wahl zwischen öffentlichen und privaten Schulen nicht in Anspruch nehmen. Das sieht man in Holland, wo die freie Schulwahl zu sozialer Entmischung mit «weissen» und «schwarzen» Schulen geführt hat. Jetzt versucht die Regierung, mit Quoten eine bessere Durchmischung zu bekommen. Im Schweizer Modell aber sollen sich die sozialen Schichten in der Volksschule treffen.

Interessant, dass Sie dieses Ideal gerade jetzt beschwören, wenn Sie die freie Schulwahl abwehren wollen: Schliesslich gibt es so etwas wie «weisse» und «schwarze» Schulen längst auch in der Schweiz – doch der Aufschrei blieb aus.

Das stimmt nicht. Wir fordern seit Jahren, dass Schulen mit einer schwierigen sozialen Zusammensetzung durch zusätzliche Mittel gestützt werden. Mit kleineren Klassen und mehr Förderunterricht blieben auch wieder mehr Schweizer Familien in diesen Schulkreisen wohnhaft. Mit der freien Schulwahl dagegen würde die soziale Entmischung noch massiv zunehmen: Wir hätten Eliteschulen und Restschulen, die dann wirklich zu Gettoschulen verkommen würden.

Und Harmos – wird die Reform die Versprechen für bessere Leistungen und mehr Chancengleichheit einlösen?

Das hoffe ich sehr! Gerade bei der Chancengleichheit bin ich optimistisch: Wenn man Minimalziele definiert, die jeder Schüler erreichen muss, haben wir keine 15-Jährigen mehr, die nicht einmal das Elementarste können. Denn wer hinterherhinkt, muss künftig aufholen – notfalls zulasten von anderen Fächern oder per Nachhilfe am Nachmittag. Und die neuen Migrantenfamilien aus Deutschland sind ja meist akademisch gebildet und sprechen unsere Unterrichtssprache. Es wird daher einfacher werden für die Schule. Das ist die gute Nachricht.

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