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«Privatbesitz ist eine Erfindung»

Der Evolutionsbiologe Carel van Schaik und der Alttestamentler Benedikt Hense diskutierten in Pratteln darüber, wie die Idee des Eigentums entstand. Und wie Wohlstand auf Kosten anderer geht.

Evolutionsbiologe Carel van Schaik und Alttestamentler Benedikt Hensel referieren über Privatbesitz und Wohlstand. Fotos: Dominik Plüss
Evolutionsbiologe Carel van Schaik und Alttestamentler Benedikt Hensel referieren über Privatbesitz und Wohlstand. Fotos: Dominik Plüss

Ein üppiges Weihnachtsessen, teurer Wein, Geschenke auspacken. Das alles in einer warmen, festlich geschmückten Stube. In starkem Kontrast zu diesem traditionellen Bild der Weihnachtstage begrüsste Pfarrerin Judith Borter ­ am Dienstagabend im reformierten Kirchgemeindehaus Pratteln 22 Neugierige zu einem Input- und Diskussionsabend mit dem Leitsatz «Wie der Besitz in die Welt kam». Als Referenten eingeladen waren Evolutionsbiologe Carel van Schaik und Alttestamentler Benedikt Hensel.

«Privatbesitz ist eine Erfindung», konstatierte Van Schaik. Privatbesitz und -eigentum habe der Mensch erst erlernen müssen (8. Gebot: «Du sollst nicht stehlen»). Nomadische Jäger und Sammler kannten Besitz, wenn überhaupt, in Form einer Waffe oder eines Kleidungsstücks. Mehr besitzen, als sie zu tragen vermochten, konnten sie nicht.

Schweizer Wohlstand sei nicht selbstverständlich, war eine weitere These an diesem Abends. Nicht zuletzt gehe er zurück auf den Unwohlstand anderer. Die Schere zwischen Arm und Reich öffne sich zusehends. Offensichtlich werde die Welt nicht gerechter. Gerade deswegen solle in der Zeit des adventlichen Konsumrausches dieser Kontrastpunkt gesetzt werden: «Arm und Reich». Die Entwicklung der Gesellschaft hin zu Besitzenden sei in biblischen Texten sichtbar, waren sich die Referenten einig.

Der Patriarch entsteht

«Diese Entwicklung der Religion in Israel hin zum Monotheismus ist eine sehr, sehr späte Entwicklung», sagte Benedikt Hensel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Alttestamentliche Wissenschaft und Früh­jüdische Religionsgeschichte der Universität Zürich. Hensel sieht den Monotheismus im 6. Jahrhundert vor Christus aufkommen. Allerdings hätten die Menschen in privaten Räumen weiterhin ihre alten Götter verehrt.

Der Trend zu dem einen Gott sei einhergegangen «mit der Entwicklung der gesellschaftlichen Struktur». Stämme schlossen sich zu grösseren Stämmen zusammen. Es bildete sich eine Hierarchie – und der Gott des grössten Stammesführers wurde zum grössten Gott.

So habe sich auch das Patriarchat ausgebildet. Der Herrscher als Grosseigen­tümer, der vererbt. Vor allem an seinen ältesten Sohn.

Von Orang-Utans lernen

Carel van Schaik, der in Indonesien Orang-Utans begleitete, um mehr über den Menschen in Erfahrung zu bringen, gelangte zur Einsicht, die Bibel könne als Beschreibung der Evolution des Menschen begriffen werden. «Sie zeigt, womit sich die Menschen damals auseinandersetzten und welche ihre Lösungsansätze waren», schilderte Van Schaik, «in der Vertreibung aus dem Paradies sieht man die Entstehung der Landwirtschaft.»

Erst mit dem Aufkommen der intensiven Landwirtschaft und der damit verbundenen Sesshaftigkeit habe Besitz Sinn gemacht. Dass man Land, Bäume oder Vieh besitzen kann, hätten die Jäger und Sammler nie verstehen können. «Arm und Reich beginnt erst an diesem Punkt der Geschichte», folgerte Carel van Schaik, «Männer sind nun die Besitzer, Frauen werden abgewertet, es gibt Sklaverei.»

Vor dieser Zeit sei die Beute im Camp, das vielleicht 25 Stammesmitglieder gebildet hätten, verteilt worden wie vieles in dieser egalitären Gesellschaft. Man habe sich gegenseitig unterstützt in der Kindererziehung oder ­Essensbeschaffung. «Niemand wollte wichtiger sein als der andere», beschrieb Van Schaik, «die anderen wären nur eifersüchtig geworden, was zu einem Problem hätte führen können.»

Durchgeführt wurde dieser Anlass von der Fachstelle für Genderfragen und Erwachsenenbildung der Evangelisch-reformierten Kirche Baselland, die von Judith Borter geleitet wird, dem Pfarramt für weltweite Kirche, dem Forum für Zeitfragen sowie der reformierten Kirch­gemeinde Pratteln-Augst mit Gastgeberin und Pfarrerin Clara Moser.

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