Pratteln setzt den Blinker zum Überholmanöver

2500 zusätzliche Einwohner und 2500 neue Arbeitsplätze – das neue Gesamtkonzept für Salina Raurica steht.

Ungenutztes Potenzial: Zwischen Autobahn, Rhein und Schienen wirkt die Salina Raurica wie ein Ruhepol.

Ungenutztes Potenzial: Zwischen Autobahn, Rhein und Schienen wirkt die Salina Raurica wie ein Ruhepol.

Jan Amsler

Salina Raurica – spöttisch auch «Salina Traurica» oder gar «der grösste Flop der jüngsten Baselbieter Geschichte» genannt. Vor 17 Jahren als verheissungsvolles Projekt der Wirtschaftsentwicklung gestartet, steht heute auf der Prattler Ebene zwischen Rhein, Autobahn A2 und SBB-Bözberglinie lediglich das Produktions- und Logistikzentrum eines Grossverteilers. Daneben: 220 000 Quadratmeter ungenutztes Potenzial.

Wie die BaZ weiss, soll es im östlichen Teil nun aber zügig vorwärtsgehen. Gestern wurde der Gewinner eines städtebaulichen Studienverfahrens auserkoren. Das Gesamtkonzept sieht vor, dass Wohnungen für rund 2500 neue Einwohner und ebenso viele Arbeitsplätze entstehen.

Details werden erst Mitte Mai bekannt, wenn der Entwurf der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Laut Gemeindepräsident Stephan Burgunder soll eine erste Etappe aber «möglichst schnell in die Realisierungsphase gelangen». Bereits Ende Jahr soll der Rahmenplan für eine Teilfläche von 60 000 bis 80 000 Quadratmetern stehen, parallel dazu soll die sogenannte Baulandumlegung erfolgen: Weil das Salina-Raurica-Areal insgesamt 23 verschiedenen Grundbesitzern gehört, müssen die Ländereien neu verteilt werden, damit sinnvoll gebaut werden kann. In drei Jahren, so der ambitionierte Plan, soll der Einwohnerrat über diese erste Etappe befinden können, bevor 2023 die Bagger auffahren.

Alles kein Problem?

Wesentlich früher, nämlich noch in diesem Jahr, soll der Spatenstich für eine neue Kantonsstrasse erfolgen. Die Hauptachse wird künftig nicht mehr dem Rhein entlang führen, sondern parallel zur Autobahn verlaufen. Die jetzige Rheinstrasse wird zurückgebaut und dient dann nur noch dem Langsamverkehr. Für ÖV-Nutzer soll in ferner Zukunft die Tramlinie 14 bis nach Augst verlängert werden. Nebenbei: Ganz im Norden des Entwicklungsgebiets, am Ufer des Rheins, ist die Gemeinde Augst daran, ein Wohnprojekt zu planen.

Hört man Burgunder zu, tönt es so, als wären die Hindernisse der Vergangenheit längst aus dem Weg geräumt. Es sei kein Problem, das Land für die erste Etappe zusammenzukriegen, sagt er. Man pflege ein «sehr gutes Verhältnis» zu sämtlichen Grundeigentümern. Auch die grösste Landbesitzerin, die Hoffmann-La Roche AG, sei mit an Bord, obschon sie hier selber nicht zu investieren gedenke. Zweit- und drittgrösste Eigentümer sind die Gemeinde und der Kanton.

Während die neue Kantonsstrasse in trockenen Tüchern ist, bleibt der politische Prozess bei der Tramverlängerung noch in Gang. Just Burgunders Partei, die FDP, meldete an, die Tramverlängerung nur dann zu unterstützen, wenn ein tatsächlicher Bedarf ersichtlich ist. Burgunder ist sich sicher: «Wir werden beweisen, dass es das Tram hier definitiv braucht.»

900 Wohnungen in Pratteln Mitte

Die Federführung bezüglich Gebietsentwicklung Salina Raurica obliegt der Losinger Marazzi AG. Das Bauunternehmen koordiniert den ganzen Planungsprozess und trägt laut Burgunder sämtliche Kosten in dieser Phase, sodass Pratteln bisher kein Geld in die Finger nehmen musste. Die Motivation bestehe für das Unternehmen darin, dereinst selber ein Stück des Kuchens abzubekommen und auf dem Areal bauen zu können.

Salina Raurica ist zwar das populärste Projekt in Pratteln. Aber es ist nicht das einzige, das die Basler Vorortgemeinde in Zukunft prägen wird. Ein weiterer neuer Stadtteil entsteht nördlich des Bahnhofs: Pratteln Mitte. Hierzu zählen die Bauprojekte «Chuenimatt», die «Zentrale» auf dem ehemaligen Coop-Areal und dazwischen «Bredella» auf ehemaligem Buss- und Rohrbogen-Gebiet.

Im Osten, bei der «Zentrale», plant die Immobilienunternehmerin Logis Suisse eine genossenschaftliche Überbauung mit 470 Wohnungen. Nun beginnt das Quartierplanverfahren, der frühestmögliche Einzugstermin ist im Jahr 2024. Bei «Bredella» direkt am Bahnhof sieht Visionär und Immobilienunternehmer Hermann Alexander Beyeler vor, in einer ersten Etappe 420 Wohnungen zu bauen – für gegen 300 Millionen Franken. Aber auch Gewerbe, ein Hotel, eine Bahnhofunterführung mit Läden und ein Bahnhofplatz sollen dieses Gebiet aufwerten (die BaZ berichtete).

Aktuell zählt Pratteln fast 16 800 Einwohner. Bis in sieben Jahren sollen es 19 000 sein. Wenn die Nachbargemeinde Muttenz sich nicht sputet, wird möglicherweise bald Pratteln zur drittgrössten Gemeinde im Kanton, nach Allschwil und Reinach. Und bei den Arbeitsplätzen könnte Pratteln die Liste dereinst gar anführen. Aktuell zählt die Gemeinde 14 000 und Spitzenreiter Liestal 16 000 Arbeitsplätze, wobei in Liestal auch die Kantonsverwaltung und der Hauptstandort des Spitals diese Zahl in die Höhe treiben.

Am Image arbeiten

«Grösse ist aber nicht alles», relativiert Präsident Burgunder. So soll die Verdichtung nur dort stattfinden, wo sie auch Sinn ergebe, etwa beim Bahnhof. Ein besonderes Augenmerk will er dem Grünraum schenken. Um die drei Hochhäuser im Zentrum gibt es kaum Bäume: «So etwas darf nicht mehr passieren.» Bei der Salina-Raurica-Ebene ist ein besonderes Anliegen, dass sie das angrenzende Quartier Längi aufwertet und ergänzt. Aus diesem Grund sind neben den Planern auch Soziologen in den Entwicklungsprozess eingebunden.

Pratteln soll wegkommen vom schlechten Image. «Wir leben gut mit dem hohen Ausländeranteil und haben bewiesen, dass es funktioniert.» Der fast schon sektiererisch wirkende Leitsatz Burgunders: «Wir wollen die Nordwestschweizer Gemeinde werden für Wohnen, Arbeiten und Freizeit.»

Mit den aktuellen Projekten bietet Pratteln mehreren Anspruchsgruppen etwas: Gewerbe, Industrie, Mieter. Nur die Besitzer von Einfamilienhäusern kommen etwas zu kurz. Burgunder: «Es ist ganz wichtig, dass wir diese nicht vergessen. Hausbesitzer sind nicht nur sesshafter, sie engagieren sich in der Regel auch stärker für die Gemeinde, stiften damit Identität und bezahlen mehr Steuern.»

Burgunder scheint zu wissen, was Pratteln braucht. Mit Logis Suisse und Beyeler sind zwei Partner mit von der Partie, die verheissen, dass auf die Pläne nördlich des Bahnhofs tatsächlich Handfestes folgt. Bei der riesigen Fläche Salina Raurica reichen ein investitionswilliger Koordinator und ein engagierter Gemeindepräsident aber noch nicht, um den Ruf des Flops loszuwerden. Dazu braucht es noch einige namhafte Unternehmen, die mit einsteigen.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt