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Physiotherapeut streitet Missbrauch ab

Eine Massage im Intimbereich sei eine «normale Behandlung» bei Knieschmerzen, sagte der Angeklagte vor Gericht. Die Verteidigung zweifelte zudem die Aussagen der traumatisierten Kinder an.

95 Prozent der Knieschmerzen, die nicht von einem Unfall herrühren, würden durch eine Verspannung der Oberschenkel- oder Gesässmuskulatur ausgelöst, argumentiert der Angeklagte Physiotherapeut. Daher müsse auch extrem nahe am Schambereich massiert werden.
95 Prozent der Knieschmerzen, die nicht von einem Unfall herrühren, würden durch eine Verspannung der Oberschenkel- oder Gesässmuskulatur ausgelöst, argumentiert der Angeklagte Physiotherapeut. Daher müsse auch extrem nahe am Schambereich massiert werden.
Keystone

Was geschah an jenem 29. Januar 2009 wirklich, als ein elfjähriges Mädchen auf dem Behandlungstisch von X.Y.* lag? Hat der Liestaler Physiotherapeut der ambitionierten Leichtathletin, seine Finger während einiger Zeit unter den Höschen auf die Schamlippen gehalten oder gar ein wenig in die Vagina eingeführt, wie die junge Frau gestern vor dem Strafgericht unter Tränen sagte? Oder war es bloss eine flüchtige Berührung, ein ungewolltes Abrutschen der Hand des Angeklagten?

Laut Y. müsse ein Therapeut bei der Massage der Adduktoren extrem nahe beim Schambereich ansetzen. Dieses Vorgehen sei besonders bei Knieschmerzen, die nicht von einem Unfall herrühren, durchaus üblich. In 95 Prozent dieser Fälle sei die Ursache eine Verspannung der Oberschenkel- oder Gesässmuskulatur. Je jünger eine Patientin, desto kleiner sei der Bereich zwischen der Vagina und dem Schambein, an der die Muskulatur ansetzt. Y. sprach von maximal einem Zentimeter Spielraum. Da könne es zu einer ungewollten Berührung der Schamlippen kommen. In den sechs Jahren seit jenem Vorfall sei ihm das noch zwei, drei Mal passiert. Angeklagt sind aber nur fünf Vorfälle bei drei verschiedenen Opfern, die sich zwischen 2007 und 2009 ereignet haben sollen.

Der in Sportlerkreisen bekannte Physiotherapeut stritt eine sexuelle Absicht ab und sprach stets von «normalen Behandlungen». «Es stimmt hinten und vorne nicht», kommentierte Y. die Zeugenaussagen der drei Mädchen.

Wenig abzustreiten gab es allerdings in zwei weiteren Fällen. Denn Y. machte während der Massage mit seinem Handy Fotos eines 13-jährigen Mädchens und eines zehnjährigen Jungen. Gerichtsexperten konnten die von Y. bereits gelöschten Bilder auf dem Mobiltelefon sicherstellen. Vom After des Knaben machte der Therapeut Fotos, während er dessen Pobacken mit der anderen Hand spreizte.

Auf Kinderpornoseiten «gelandet»

Nun war es Y., der in Tränen ausbrach, als Gerichtspräsident Christoph Spindler (SVP) nach den Gründen für dessen Handeln fragte. Y. sagte, es tue ihm unendlich leid. Eine vernünftige Antwort, wieso er Nacktfotos seiner minderjährigen Patienten gemacht hat, lieferte Y. trotz hartnäckigem Nachfragen des Gerichts nicht. Er sprach davon, dass er zu jener Zeit beruflich unter Dauerstrom stand und praktisch nur gearbeitet habe. Sein Privatleben habe darunter gelitten und für eine Freundin hätte er gar keine Zeit gehabt. Deshalb sei er damals wiederholt im Internet unterwegs gewesen und dann auf Kinderpornoseiten «gelandet», von wo er unzählige explizite Bilder und Videos heruntergeladen hatte. Damit stellte Y. wohl unbeabsichtigt und ohne vom Gericht danach gefragt worden zu sein, einen sexuellen Kontext zwischen den Kinderpornomaterial aus dem Internet und den von ihm gemachten Fotos seiner Patienten her. Dies bestritt Y. jedoch. Eine sexuelle Befriedigung hätten ihm weder die im Internet gefundenen Bilder noch seine eigens angefertigten Nacktbilder der Kinder gegeben.

Y. wollte nur den Reiz des Verbotenen als Grund für sein Handeln gelten lassen. Und die Excel-Liste, in der er die besuchten Kinderporno-Webseiten notierte, habe nur als «Verlaufprotokoll» gedient. Ein Gutachten bescheinigte Y. eine «Ersatzpädophilie». Die Rückfallwahrscheinlichkeit betrage 25 bis 30 Prozent. Generell gab der Angeklagte in der Hauptverhandlung nur so viel zu, wie aufgrund der Beweise unumgänglich schien, ein Verhalten, dass Staats­anwalt Ronny Rickli als «ausweichend» und «einstudiert» bezeichnete.

Verfahren dauerte zu lange

Y.s Pflichtverteidiger Christian von Wartburg legte sein Hauptaugenmerk auf die Glaubwürdigkeit der Opfer. Die Aussagen der Mädchen seien anzuzweifeln, weil inzwischen so viel Zeit vergangen sei, dass die Erinnerungen täuschen können. Zudem tönte er einen möglichen Gruppendruck an, weil sich zwei Mädchen erst den Eltern und den Behörden anvertraut hatten, nachdem sie erfahren hatten, dass Y. in Untersuchungshaft war. Davor hätten sie die Berührungen als deutliche weniger gravierend eingeschätzt und gedacht, es sei die normale Art der Behandlung.

Schwere Vorwürfe machte von Wartburg der Staatsanwaltschaft, die nach Abschluss der Ermittlungen im 2010 bis zur Anklageschrift drei Jahre benötigte. Damit sei das Beschleunigungsgebot massiv verletzt worden. «Es muss doch innerhalb von drei Monaten möglich sein, eine solche Anklageschrift zu schreiben.»

Bezüglich der von Y. gemachten Fotos argumentierte der Verteidiger, dass diese weder als Schändung noch als sexuelle Handlung zu qualifizieren seien, da die beiden Kinder nicht gemerkt hatten, das sie fotografiert wurden. Und auch Pornografie sei es nicht, da auf den Bildern keine primären Geschlechtsteile zu sehen sind und die Kinder nicht für Y. posiert hätten. Von Wartburg forderte in allen Anklagepunkten ausser den heruntergeladenen Internet-Bilder Freispruch. Der Staatsanwalt plädierte auf eine Verurteilung zu einer bedingten Gefängnis­strafe von zwei Jahren und ein Berufsverbot von drei Jahren.

*Richtiger Name der Redaktion bekannt.

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