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Outdoor-Kunstwerke verunstaltet

Der eben erst eröffneten Outdoor-Ausstellung «Visionen 19» auf dem Schönthaltunnel bei Frenkendorf/Füllinsdorf wurde übel mitgespielt.

Sabine Gysin begutachtet ihr vollgekritzeltes Werk. Foto: Daniel Aenishänslin
Sabine Gysin begutachtet ihr vollgekritzeltes Werk. Foto: Daniel Aenishänslin

So hatte das Regierungspräsidentin Monica Gschwind mit Sicherheit nicht gemeint, als sie an der Vernissage sagte: «Kunst lässt niemanden gleichgültig, niemanden kalt, sie provoziert, sie regt auf.» Erst seit dem 11. Mai ist die Outdoor-Ausstellung «Visionen 19» auf dem Schönthaltunnel eröffnet, und bereits wurde sie zweckentfremdet.

An Ursula Pfisters Holzkonstruktion «Mit dem Kopf in den Wolken», die aus riesigen Schaukeln besteht, wurden Seile von den Querbalken gerissen. Cynthia Corays «Schauspiel in einem Holzbau» trägt nun einige Schmierereien und wurde mit Kieselsteinen verunreinigt.

«Tafelrunde« stark betroffen

Besonders schwer getroffen hat es Sabine Gysins Installation «Tafelrunde». «Wenn man im öffentlichen Raum ausstellt, muss man damit rechnen, dass etwas passieren kann», sagt Kitty Schaertlin, die gemeinsam mit Peter Thommen für «Visionen 19» verantwortlich ist. «Aber nicht, dass schon in den ersten zwei Wochen derart gewütet wird», schränkt Gysin ein. «Ich habe das Gefühl, hier hat sich Frust entladen.»

Sabine Gysin hat einen runden Tisch geschaffen. Genauso im Rund stehen Bänke um den Tisch. Die Konturen von Kontinenten zieren sie. Das Werk steht für den Willen zum Dialog, Bereitschaft zur Konfliktlösung, Gleichstellung trotz Ungleichheit. Die Themen der Arbeit sind Krieg, Umwelt, Digitalisierung sowie Flüchtlinge.

Die Tischplatte soll Platz bieten, eigene Gedanken zum Thema niederzuschreiben. Vieles, was den Tisch und die Bänke nun bedeckt, sind aber Schmierereien und Kritzeleien. Zugegeben, es gibt auch berührende Worte zu lesen. Etwa jene Zeilen, in kindlicher Schrift verfasst: «Papa, ich verewige Dich auf diesem Tisch. Ich vermisse Dich, ich hoffe, ich sehe Dich wieder im Himmel.»

Sicherheitsdienst eingesetzt

Die Besucher sind ausdrücklich aufgefordert, ihre Gedanken auf dem Tisch zu platzieren. Nur: «Was jetzt auf dem Tisch zu lesen ist, entspricht nicht den Inhalten, die ich mit meiner Arbeit thematisiere», sagt Sabine Gysin. Allerdings werte sie das Niedergeschriebene ebenso als Visionen. Es zeige ein Abbild unserer Gesellschaft. «Man weiss nicht wohin, wo man ist, wer man ist, ist nicht verbunden mit sich selbst», interpretiert Gysin. Spürbar seien Unsicherheit und Aufmerksamkeitsdefizite. Letzteres führt sie zurück auf die Digitalisierung, mit ihrer Möglichkeit zur Dauerberieselung. «Segen und Fluch zugleich.» Dies überfordere einen, beame einen in eine andere Sphäre.

«Das Positive ist, dass man auf den Tisch geschrieben hat», sagt Kitty Schaertlin. Sowohl Schaertlin als auch Gysin wollen nicht von Vandalismus reden, da das Werk nicht zerstört wurde. «Es hat sich etwas bewegt, ob einem das gefällt oder nicht», bilanziert Schaertlin. Dafür, dass sich in der Outdoor-Ausstellung nicht zu viel in diese Richtung bewegt, soll ein Sicherheitsdienst sorgen.

Noch an der Vernissage lobte Monica Gschwind die Kuratoren dafür, Kunst einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. «Interessierte sollen so auf ganz unkomplizierte Art und ohne jegliche Hindernisse Zugang zu den ausgestellten Werken haben.» Leider nutzten auch weniger Interessierte den hindernisfreien Zugang.

Ich weiss, es ist mein Vorurteil, dass Jugendliche dahinterstecken. Ich schliesse das aus dem Inhalt der Kritzeleien. Wenn diesen Jugendlichen die aus­gestellten Werke nicht gefallen, könnten sie doch immer noch an ihnen vorbeigehen. Sie links liegen lassen. Die Werke zu verunstalten, ist, als würde ich die schicken Sneakers der Jugendlichen mit Farbe ­besprayen oder ihr Smartphone einmal gut durchwässern. Ich würde dann etwas ­Persönliches – und das ist ein Werk für die Künstlerin – ­respektlos ­behandeln.

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