Nur einer geht ins Gefängnis – vielleicht

Strafgericht hat im Fall Dojo, einem der brutalsten Überfälle der Region, das Urteil gefällt.

Beqiri-Rivale Paulo Balicha.

Beqiri-Rivale Paulo Balicha.

Das Strafgericht verlas gestern während drei Stunden die Urteile für einen der brutalsten Angriffe im Baselbiet vor viereinhalb Jahren auf das Trainingslokal von Kickboxer Shemsi Beqiri in Reinach.

Es war ein bandenmässiger Überfall, bei dem mindestens 20 Maskierte das Sportcenter stürmten, bei dem Teleskop-Schlagstöcke unter der Wucht der Schläge in Brüche gingen, indem Kinder tätlich angegangen, in einer Ecke zusammengetrieben und Menschen mit einem Messer bedroht wurden und in dem drei Trainer spitalreif (unter anderem Jochbeinbruch) geschlagen wurden. Dem Opfer Beqiri ist mutmasslich ein Schaden von mehreren 100 000 Franken entstanden durch Lohnausfälle, Verlust von Kunden und Sponsoren und verpasste Titelkämpfen.

Für diese Taten – die die Justiz unter den Begriffen «Angriff», «einfache Körperverletzung» und «mehrfache Freiheitsberaubung» klassifizierte – gab es für die meisten Täter zwischen bedingten Geldstrafen bis bedingte Gefängnisstrafen von 19 Monaten. Sieben der letztlich 16 Angeklagten konnte das Gericht keine Beteiligung nachweisen. Sie wurden frei gesprochen.

Nur der Haupttäter, Beqiri-Rivale Paulo Balicha erhält eine höhere Strafe, weil er mit verbotener Kampftechnik eine schwere Körperverletzung seines Kontrahenten in Kauf genommen hatte: Der heute 41-jährige Portugiese wird dafür mit zwei Jahren und neun Monaten Gefängnis bestraft. Damit blieb die Gerichtspräsidentin Irène Laeuchli leicht unter dem Strafantrag der Staatsanwaltschaft. Wegen ungenügender Berücksichtigung der Unschuldsvermutung in den Medien wurde das Strafmass um drei Monate reduziert.

Fussfessel im Baselbiet möglich

Ein Jahr dieser Gefängnisstrafe muss Balicha wirklich absitzen. Müsste er. Denn nach Praxis im Baselbiet – wenn der Leiter des Baselbieter Strafvollzugs, Gerhard Mann, an seinem bundesrechtswidrigen Strafvollzug festhält – wird der Portugiese seine Strafe mit einer elektronischen Fussfessel verbüssen können und nicht einen Tag das Gefängnis von innen mehr sehen.

Für das Gericht war das von den Angreifern fabrizierte und auf der Flucht liegen gelassene Video – es dokumentierte hauptsächlich den Zweikampf zwischen Balicha und Beqiri – das zentrale Beweismittel. «Doch die Beweislage war alles andere als klar, die Identifikation im einzelnen schwierig, weil alle bis auf Balicha maskiert waren», sagte Irène Laeuchli. So hat sich das Abstreiten und das Löschen von Gesprächsverläufen auf den Handys für jener Täter gelohnt, die nicht dabei gewesen sein wollten. Bloss in einem Fall ist es der Staatsanwaltschaft gelungen, die bestrittene Beteiligung nachzuweisen.

Das Gericht geht von einer kurzfristigen Planung des Überfalls aus – sonst hätten die Täter nicht individuelle Kleindungsstücke angezogen. Und gemäss Expertisen und nach Sichtung der Videobilder konnte das Gericht keinen Einsatz eines Schlagringes von Balicha gegen Beqiri erkennen. Ferner lässt das Gericht keinen Zweifel daran, dass die Krankenakten der Opfer mit Hilfe deren Hausärzte aufgemotzt waren. Die Verletzungen seien nicht so schlimm gewesen wie dargestellt. Und man liess durchblicken, dass der geltend gemachte Schaden überrissen sei. Für Beqiri gibt es lediglich eine Genugtuung von 5000 Franken.

Opfer zeigen sich enttäuscht

«Die Strafe gegen den Haupttäter ist viel zu tief», kommentierte Beqiris Anwalt Jascha Schneider das Urteil. «Das Gericht hat eine grosse Chance verpasst, das Vertrauen in die Justiz zu stärken. Der Staatsanwaltschaft ist nicht gelungen, etwas zu belegen, das über das Video hinaus geht. Das ist in Anbetracht von viereinhalb Jahren Ermittlungsdauer und den damit verbundenen Kosten erbärmlich und schreit nach personellen Konsequenzen», sagt Schneider.

Beqiri zeigt sich ebenso enttäuscht: «Ob Gerichtspräsidentin Läeuchli auch von einfacher Körperverletzung sprechen würde, wenn sie die Teleskopschlagstöcke abbekommen hätte, die unter der Wucht der Schläge zerbrochen sind?», fragte er sich im Anschluss an das Urteil.

Nicolas Roulet machte im Foyer seinem Ärger Luft, dass der Strafrabatt wegen der Medienberichterstattung über Paulo Balicha zu gering ausgefallen sei. Das Urteil wollte er sonst nicht kommentieren. Er werde Berufung anmelden, aber erst nach Vorliegen des schriftlichen Urteils entscheiden, ob er es tatsächlich anfechten wolle.

Im Gegensatz zu den Strafen sind die Kosten horrend ausgefallen. Aus der Gerichtskasse werden für die Verteidigung der meist mittellosen Täter Beträge zwischen 30'544 Franken und 5'8178 Franken bezahlt. In Fällen, in denen die Staatsanwaltschaft während vier Jahren ermittelte und nichts beweisen konnte, muss der Staat den Anwälten die Summe von 231'844 Franken auszahlen. 13'406 Franken alleine dafür, weil die Staatsanwaltschaft einen Verdächtigen als Zeuge statt als Auskunftsperson vorgeladen hatte, der dadurch in ein aussichtsloses Strafverfahren verwickelt wurde.

Basler Zeitung

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