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«Mit einem Lottosechser hat Glück nichts zu tun. Absolut nichts»

Kaminfeger sind noch immer symbolträchtig. Warum eigentlich? Ein Gespräch mit Benno Koller.

Daniel Aenishänslin
In alter Kluft vor neuem Kamin: Das Metier von Benno Koller hat sich mit dem technischen Fortschritt stark verändert. Foto: Florian Bärtschiger
In alter Kluft vor neuem Kamin: Das Metier von Benno Koller hat sich mit dem technischen Fortschritt stark verändert. Foto: Florian Bärtschiger

Der Kaminfeger gilt als Glücksbringer. Damit rückt er zum Jahresausklang einmal mehr in den Fokus. In dieser Zeit, in der wir uns nicht nur die nobelsten Vorsätze für das kommende Jahr ausdenken, sondern genauso das Glück für uns und unsere Liebsten herbeiwünschen.

Einer dieser Glücksbringer in Schwarz ist Benno Koller aus Hölstein. Mit der BaZ spricht er über Menschen, die sich Russ im Gesicht wünschen, Glück und den Teufel, an den er nicht glaubt.

Herr Koller, einen Kaminfeger anzufassen, soll bekanntlich Glück bringen. Erleben Sie ­es oft, dass sich die Menschen freuen, wenn sie einem ­Kaminfeger begegnen?

Benno Koller: Das kommt tatsächlich immer wieder vor, wenn auch je länger, desto weniger. Die Menschen in unserer heutigen Gesellschaft wissen nicht mehr so genau, was der Kaminfeger tut. Das ist schon ein wenig schade, denn dadurch wird es immer schwieriger für unseren Beruf, Lernende gewinnen zu können. Es sind heute eher ältere Personen oder Leute aus dem nahen Ausland, die auf einen zukommen. Sie wollen den Kaminfeger berühren oder dass man ihnen etwas Russ auf die Wange streicht. Zum Jahreswechsel springen uns einige Kunden richtig an, um uns auf die Schultern zu klopfen. Das Jahresende ist die Hochsaison der Glückwünsche und der Hoffnung auf das eigene Glück.

Nervt es manchmal auch,nach einer Portion Glückgefragt zu werden?

Nein, das macht man gerne, das gehört dazu. Wir Kaminfeger ­geben das Glück gerne symbolisch weiter.

Wie fühlt sich das an, als Glückssymbol zu gelten?

Das ist natürlich etwas Schönes, etwas Traditionelles, das wir Kaminfeger weiterhin hochhalten. Wir können dieses Bild und Symbol aber nur noch pflegen. Aufbauen können wir darauf nicht mehr. Die Brandgefahr ist durch die modernen Heizsysteme ­etwas in den Hintergrund getreten. Heute dominiert in unserer Arbeit die gute, saubere Verbrennung und damit der Umweltschutz sowie das Vermeiden von CO2-Vergiftungen.

Sie sagen, Sie pflegen ­Traditionelles. Wie sieht ­das konkret aus?

Zum Beispiel, indem wir am 6. und 7. Januar zwei Kitas besuchen. Wir tragen unsere klassische Kleidung mit Zylinder, rotem Tuch um den Hals und einem goldenen, zu einem Ring geformten Kaminbesen. Wir bringen Glückwünsche mit. Danach überreichen wir eine symbolische goldene Münze. Wir sind auch oft an Hochzeiten dabei, um Spalier zu stehen. Zu meiner eigenen Hochzeit kamen 70 Kaminfegerinnen und Kaminfeger im traditionellen Outfit. Nach dem Gang durch das Spalier trägt der Bräutigam die Braut durch den zum Ring geformten Besen.

Wie würden Sie als Glücks-bringer Glück beschreiben?

Glück ist, wenn man auf dieser Erde und dazu noch in der Schweiz geboren wird und diese Welt dabei mit all ihren Schönheiten geniessen darf. Ich glaube, wenn man auch noch gesund ist und sich in einem intakten Umfeld bewegt, ist das das grösste Glück. Das Umfeld muss noch nicht einmal die Familie sein, aber intakt. Das macht glücklich, gerade wenn man in der stillen Zeit um Weihnachten dem Stress des Alltags entfliehen und runterfahren kann. Mit einem Lottosechser hat Glück nichts zu tun. Absolut nichts.

Welcher ist Ihr persönlicher Glücksbringer?

Ein Bändeli am Fuss aus den vergangenen Sommerferien. Dies trägt meine ganze Familie.

Hat man als Kaminfeger mehr Glück im Leben als andere?

Das wäre natürlich schön, nur kann ich das nicht glauben. Auch ein Kaminfeger muss sein Glück erarbeiten und das Glück erkennen können.

Warum wurden Sie ­Kaminfeger?

Ist es immer noch der Job,den Sie mögen?

Es passt für mich noch immer. Ich konnte mich verwirklichen ­in dieser Arbeit, durch meine Selbstständigkeit. Ich durfte ­diverse Weiterbildungen absolvieren. Schweizweit bin ich in verschiedenen Berufsverbänden tätig. Als Experte, als Ausbilder. Unterwegs bin ich auch in ganz Europa, um neue Heizsysteme kennen zu lernen und den Beruf vorwärtszubringen.

Wie kam es dazu, dass der Kaminfeger zum Glücksbringer wurde?

Als die ersten Feuerungen mit Kamin entstanden, kam es zwangsläufig zu Russablagerungen im Schlot. Dem wurde nicht genug Beachtung geschenkt. Die Russablagerungen konnten sich entzünden, was zu Kaminbränden führte. Das konnte ganze Stadtbrände nach sich ziehen. Man bemerkte, dass sich die Situation schlagartig verbessert, wenn die Kamine gefegt werden. Der Kaminfeger brachte also das Glück zu den Menschen, dass ihr Haus nicht abbrennen wird.

Mit so viel Glück unterwegs zu sein, muss gute Laune machen. Wie gut sind die Kaminfeger denn gelaunt?

Kaminfeger kommen mit vielen Kunden in Kontakt. Oft schon frühmorgens. Vielfach wird man mit einem Kaffee überrascht, mit einem Guetzli oder einem Sandwich. Der Kaminfeger ist von ­Natur aus gern gesehen, was es ihm erleichtert, mit guter Laune unterwegs zu sein.

Heute ist ein Kaminfeger ja viel mehr als eine Reinigungskraft. Er ist Umweltschutz- und Energieberater. Wie gross ist Ihrer Ansicht nach der ­Glücksbedarf unserer Umwelt?

Ich habe das Gefühl, dass Glück alleine unserer Umwelt nicht reichen wird. Die Technik muss einen grossen Schritt nach vorne machen. Es kommen grosse Herausforderungen auf uns zu. Der politische Wille besteht, von den fossilen Brennstoffen wegzukommen. Das wirkt sich auch auf unsere Arbeit aus und verändert unsere Berufsausbildung in Zukunft.

Inwiefern?

Ein Teil unserer Arbeit besteht inzwischen aus Brandschutzberatung, auf die Cheminéebauer, Installateure und Hauseigentümer zurückgreifen. Vor allem jedoch kann durch unsere Arbeit Energie gespart werden. Sind die Heizanlagen sauber, verbrennen sie viel besser und sind sauberer in ihrem Abgasausstoss. Umweltschutz und mit ihm der Energieverbrauch sind für uns ein grosses Thema. Holzbrennstoff, der in Stückholz-, Schnitzel- und Pelletfeuerungen als CO2-neutraler Brennstoff zur Anwendung kommt, generiert uns Arbeit wie auch benötigte Cheminéeöfen. Im Bereich von Gasfeuerungen und Ölfeuerungen, der nach wie vor einen grossen Teil unserer Arbeit ausmacht, ist alles viel technischer, effizienter und umweltfreundlicher geworden. Dort sind wir unterwegs in Richtung Servicetechnik. Nicht zu vergessen sind die Wohnraumlüftungen, die periodisch mit einer Kamera kontrolliert und nötigenfalls gereinigt werden sollten.

Brauchen Sie nicht selbst viel Glück, um von dem ganzen Russ nicht krank zu werden?

Es ist ein sehr anspruchsvoller, handwerklicher Job. Russ kann Allergien hervorrufen. Man braucht also das nötige Quäntchen Glück, ja. Es bleibt eine tägliche Herausforderung, doch mit den heutigen Schutzausrüstungen ist dies meist kein Problem mehr.

Abergläubige erzählen sich, die einst fahrenden, schwarzen, russverschmierten Gesellen sollen Geister und sogar den Teufel bezwingen können. Konnten Sie diese Fähigkeiten ins dritte Jahrtausend retten?

(lacht) Ich glaube nicht an Geister, Teufel und solche Figuren. Das ist weit weg, aus einer anderen Zeit, und spielt heute gar keine Rolle mehr.

Früher soll der Kaminfeger auch jeweils als Erster im Jahr vor der Haustür gestanden haben. Überbracht haben soll er Neujahrswünsche – und die Jahresrechnung. Wie halten Sie es damit?

(lacht nochmals) Wir bewegen uns in einem modernen Business, das verlangt, dass gute ­Löhne mit den nötigen Sozialabgaben gezahlt werden. Wir Kaminfeger sind ganz zeitgemäss unterwegs, ganz ohne diese ­Seite der Romantik. Auch die traditionelle Kleidung ist moderner Servicekleidung gewichen.

Wem würden Sie persönlich etwas mehr Glück wünschen?

Unseren Bundesparlamentariern in der politischen Findung. Ich wünsche ihnen, dass sie ihre ­Geschäfte wieder sachlicher, mit weniger Eigeninteressen angehen und nicht den Lobbyisten nachgeben und folgen. Dass sie klare Sachpolitik betreiben und den eigenen Blick breiter schweifen lassen, damit sie nicht konstant mit Schnellschüssen, neuen Gesetzen ins selbe Loch schiessen. Dass sie den Unternehmen mehr Freiheiten lassen, sie mit weniger Bürokratie und Abgaben belasten. Dass die Schweiz weiter eigenständig und selbstbewusst auftreten kann.

Kann Glück auch Übungssache sein?

Nein, ganz bestimmt nicht. Dann wäre es ja keines mehr.

Was werden sich wohl die meisten für 2020 wünschen?

Wieder einmal weisse Weihnachten. Und sonst, was man sich immer wünscht. Das ist Gesundheit. Es wird das sein, was man am wenigsten beeinflussen kann

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