Zum Hauptinhalt springen

Missstände gemeldet – Betreuerin entlassen

Nach den Vorfällen im Asylheim Reinach stellt der Gemeinderat die Betreuerin frei, welche die Vorfälle gemeldet hat.

«Zerrüttetes Vertrauensverhältnis.» Gemeinderätinnen Bianca Maag (SP) und Beatrix von Sury (CVP), Gemeindepräsident Urs Hintermann (SP) und Verwalter Thomas Sauter (v.l.) erklärten gestern, warum eine langjährige Mitarbeiterin des Asylheims per sofort freigestellt wurde. Foto Christian Keller
«Zerrüttetes Vertrauensverhältnis.» Gemeinderätinnen Bianca Maag (SP) und Beatrix von Sury (CVP), Gemeindepräsident Urs Hintermann (SP) und Verwalter Thomas Sauter (v.l.) erklärten gestern, warum eine langjährige Mitarbeiterin des Asylheims per sofort freigestellt wurde. Foto Christian Keller

Gestern trat Gemeindepräsident Urs Hintermann (SP) vor die Medien. Thema: Die Berichterstattung der BaZ über die von Hintermann und seinem Verwaltungskader vertuschten Vorfälle im Reinacher Asylheim. Zur Erinnerung: Eine Betreuerin hatte ein intimes Verhältnis mit einem minderjährigen Asylsuchenden und hinzu kommen weitere Vorfälle sexueller Übergriffe von Nachtwachen sowie Drogenkonsum und häusliche Gewalt. Nebst einer Rüge an die BaZ gab der Gemeinderat gestern bekannt, die Mitarbeiterin Farideh Eghbali per sofort freigestellt zu haben. Diese hatte diverse Vorfälle im Asylheim dokumentiert. Im Folgenden führen wir die Argumentation der Gemeinde auf und stellen ihr die Fakten gegenüber.

Vor dem Gemeindesaal standen zwei Polizisten Wache. Drinnen war die regionale Presse, Gemeindepräsident Hintermann, CVP-Gemeinderätin Beatrix von Sury, SP-Gemeinderätin Bianca Maag, Gemeindeverwalter Thomas Sauter, Sprecherin Barbara Hauser, der Personalchef sowie eine Juristin anwesend. Minuten vor der Medieninformation herrschte betretenes Schweigen. Um 14 Uhr begannen die Gemeindevertreter über die Betreuerin Farideh Eghbali herzuziehen. Man begann mit dem Hinweis, dass die Frau per sofort freigestellt wurde und ihr auf Ende August ordentlich gekündigt werden soll.

Faktenwidrige Begründungen

Das Hauptargument der Gemeinde: Eghbali sei nicht wegen gemeldeten Missständen, wie etwa der Beziehung einer Betreuerin mit einem minderjährigen Klienten, verwarnt worden. Der Grund sei, dass sie sich in Angelegenheiten einmischte, die sie nichts angingen, und damit die Kompetenzen überschritt. Zudem habe sie sich Entscheidungen der Vorgesetzten widersetzt.

Das ist so nicht korrekt: In den Ermahnungen wurde zwar gleich argumentiert, doch was geschah: Der Heimleiter hat die fehlbare Betreuerin bloss gefragt, ob sie Sex mit dem Asylsuchenden hatte. Weil diese verneinte, war für den Heimleiter die Angelegenheit erledigt. Für Eghbali jedoch nicht, was ihr nun als «Kompetenzüberschreitung» und Weigerung, die Entscheide von Vorgesetzten zu akzeptieren, ausgelegt und angelastet wird. Diese ersten Schritte in einer Reihe noch folgenden Vertuschungen bestätigt die Gemeinde schliesslich selber am Ende ihrer vierseitigen Medienmitteilung: Die Vorwürfe «wurden geprüft und als nicht stichhaltig beurteilt. Trotz diesen Abklärungen bestand die Mitarbeiterin auf ihren Vorwürfen» und habe damit «Entscheide und Einschätzungen von Vorgesetzten nicht akzeptiert».

Für die Staatsanwaltschaft ist hingegen erwiesen, dass es zu Sex kam. Ob diese Grenzüberschreitung auch eine Straftat war, wird abgeklärt. Dennoch behauptete Hintermann gestern, Eghbali habe der Betreuerin eine «Straftat» vorgeworfen. Auch das ist falsch: Gemäss Gesprächs-Protokoll hat Eghbali der Betreuerin bloss einen «unprofessionellen» Umgang mit Klienten attestiert – dass eine Betreuerin mit einem Klienten intim wird, ist wohl unbestritten unprofessionell. Zudem: Eine saubere Untersuchung der Vorfälle gibt es nur, weil die BaZ recherchierte.

Die Vorwürfe an die nun freigestellte Mitarbeiterin Eghbali gingen nahtlos weiter: Nach 16 Jahren habe sich das bisher hervorragende Arbeitsverhältnis zwischen ihr, den Vorgesetzten und dem Team aus «unerklärlichen Gründen» verschlechtert. Eghbali habe ferner nicht akzeptieren können, dass die Betreuung der jungen Asylsuchenden an zwei andere Mitarbeiterinnen – darunter die Sex-Betreuerin – übertragen wurde. Sie habe sich in deren Arbeit eingemischt und selbst durch Supervisionen habe Eghbali «keinerlei Fehlverhalten eingestanden». Schliesslich musste Eghbali ermahnt werden, und sie solle sich nicht mehr «grundlos in die Aufgaben von anderen Mitarbeitenden einmischen».

Gemeinde zitiert Stawa falsch

Diese Aussagen sind falsch und in sich widersprüchlich. Gemeindeverwalter Sauter bestätigte gestern, was auch in Protokollen nachzulesen ist: Das Verhältnis zwischen der Sex-­Betreuerin und Eghbali war gut, sogar freundschaftlich, bis zu jenen Vorfällen im Sommer 2016, als Eghbali von der Affäre der Kollegin mit einem minderjährigen Klienten erfuhr. Wenn also das Verhältnis bis zu besagten Ereignissen gut war, kann Eghbali nicht bereits vorher gegen die Übertragung der Betreuung der Minderjährigen an die fehlbare Kollegin gewesen sein.

Ebenfalls nicht ganz die Wahrheit erzählte Hintermann, als er sagte, dass die Staatsanwaltschaft zum Schluss gekommen sei, dass aufseiten der Gemeindebehörde kein Fehlverhalten vorliege. In der Tat wird sie nicht strafrechtlich belangt werden können. Doch die Staatsanwaltschaft hielt auch ganz klar fest, dass es die Gemeinde entgegen ihrer gesetzlichen Pflicht «unterlassen» hat, die Vorfälle zu melden.

Während nun also alle, die straffrei davonkommen, die Vorfälle vertuschen wollten, verlor gestern jene Frau ihren Job, welche die Vorfälle gesetzeskonform gemeldet hat.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch