Kampf gegen die Sprachbarriere

Mahmoud und Mona kamen vor über einem Jahr aus Syrien ins Baselbiet – ein schwieriges Integrationsprojekt.

Neue Heimat. Mahmoud und Mona wollen sich in Bottmingen mit ihren fünf Kindern ein neues Zuhause aufbauen.

Neue Heimat. Mahmoud und Mona wollen sich in Bottmingen mit ihren fünf Kindern ein neues Zuhause aufbauen.

(Bild: Florian Bärtschiger)

Die kleine Yasmine sitzt auf Mahmouds Schoss, während er erzählt. Immer wieder küsst der kräftige Syrer die Hände seiner dreijährigen Tochter, sanftmütig, trotz ernstem Gesichtsausdruck. Auch Yasmines Schwester, die einjährige Liliane, ist behindert. Mutter Mona hält sie im Arm. Die älteste Tochter Warda und ihre Schwester Nour sitzen brav neben Papa, ihr Bruder Jamil ist noch in der Tagesbetreuung. Der 16-Jährige ist das dritte Kind mit schweren körperlichen Behinderungen.

Vieles hat sich seit dem letzten Besuch der BaZ Ende des letzten Jahres für die Flüchtlingsfamilie geändert, in erster Linie die Wohnungssituation: Raus aus der Station Lampenberg, einer abgelegenen Flüchtlingsunterkunft in Ramlinsburg, rein in ein grossräumige Fünfzimmerwohnung in Bottmingen. Doch etwas wird sich wohl nie ändern: «Das Wichtigste sind die Kinder», sagt Mahmoud. Diesen Satz wiederholte er schon bei den ersten Treffen mehrmals. Erneut küsst er die Händchen seiner Yasmine.

Dank dem Resettlement-Programm der Vereinten Nationen kam die Familie in die Schweiz. Seit über einem Jahr ist sie nun hier. Schon bald nach der Ankunft sehnten sie sich nach einer eigenen Unterkunft, um ein selbstständiges Leben aufzubauen. Stück für Stück gewinnt die Familie an Autonomie. Der Tagesablauf sieht dementsprechend anders aus: Die beiden gesunden Kinder wurden eingeschult. Die 13-jährige Warda geht in die Fremdsprachenklasse in Oberwil, die achtjährige Nour in die Regelklasse in Bottmingen.

Optimistische Integrationsziele

Noch im November wurden die Mädchen sowie die ganze Familie im Intensiv-Deutschkurs mit den anderen Flüchtlingen unterrichtet. «Der Fokus liegt noch immer, gerade auch bei den Eltern, auf Spracherwerb und Stabilisierung», sagt Esmé Marie, Betreuerin des Ausländerdienstes Baselland. Sie hat mit Mahmoud und Mona individuelle Integrationspläne ausgearbeitet. Zusammen wurden Ziele in verschiedenen Bereichen vereinbart. In den nächsten Monaten soll die berufliche Integration in Angriff genommen werden, sagt Marie. Sie schätzt die Ziele zum jetzigen Zeitpunkt als «sehr optimistisch» ein.

Mahmoud befindet sich in einer Pattsituation: Der Praktiker, der in Syrien ein Unternehmen führte und in seiner Laufbahn praktisch alle Handwerksberufe durchlaufen hat, zeigt Mühe beim Spracherwerb. Ihm fällt es schwer, in der Schule zu sitzen. «Ich muss die Sprache bei der Arbeit lernen. Dann funktioniert es. Das Deutsch, das ich in der Schule lerne, ist anders als die Unterhaltungen im Alltag.» Gleichzeitig ist er sich bewusst, dass er ohne Deutschkenntnisse kaum je einen Job erhält. Mona war bisher Hausfrau.

Kinder machen Fortschritte

An den vergangenen Treffen zeigte sich, dass Mahmoud den Kopf noch nicht frei hat, um sich voll auf das Lernen zu konzentrieren. Auf den Krieg und das alte Leben in Syrien angesprochen, brach er jeweils in Tränen aus. Da sass ein Mann mit starker Willenskraft, in seinem Stolz als Familienernährer verletzt. Er, der den Kindern eine Privatschule bezahlen konnte, lebt nun von der Sozialhilfe. «Ich würde morgen arbeiten gehen, wenn ich einen Job hätte. Ich bin es gewöhnt zu arbeiten. Seit 25 Jahren arbeite ich», betont er.

Trotz Bemühungen geht die Integration bei den Eltern harzig voran. Kontakt zur Bevölkerung, zu Schweizern, hat die Familie noch nicht. Nur mit jenen, welche auf Besuch kommen. Das sind vor allem Personen von Betreuungsangeboten und Organisationen, welche die Eltern entlasten. «Das ist neu aufgegleist. Das soll helfen, dass sich die Kinder selbstständiger integrieren können», sagt die Betreuerin des Ausländer­dienstes.

Ein ganz anderes Bild bei den Kindern: Warda und Nour machen grosse Fortschritte. Letztere übersetzt manchmal leise die Fragen, als wolle sie ihren Papa nicht blossstellen.

Ausserhalb der Schule freue er sich, Deutsch zu üben, sagt Mahmoud. Doch die Sprachbarriere sei noch immer hoch, auch ein Jahr nach der Ankunft. «Die Schweizer wollen mit mir kommunizieren, aber ich kann dann kaum antworten. Wenn ich besser Deutsch sprechen kann, wird der Kontakt kein Problem sein.»

Obwohl Mahmoud und Mona sehr umgänglich seien und respektvoll im Umgang, ist die Situation mit den behinderten Kindern ein «Fulltime-­Job», sagt die Betreuerin. Die Eltern pflichten ihr bei. Die Frage nach der Freizeitgestaltung, die wichtige Chancen zur Integration bieten würde, stelle sich daher gar nicht, sagt Mona. Dafür bleibe keine Zeit. Halbtags gehen die 36- und der 46-Jährige in den Deutschkurs, jeweils abwechselnd. Arzttermine und Therapien stehen immer wieder auf dem Programm. Dadurch verpassen die beiden Deutschlektionen und hinken mit dem Stoff hinterher. Warum drei von fünf Kindern an teilweise schweren körperlichen, eventuell auch geistigen Behinderungen leiden, wird zurzeit abgeklärt.

Es klingelt, Mahmoud entschuldigt sich, springt auf und geht Jamil an der Türe abholen. Der Fahrdienst brachte ihn aus der Tagesbetreuung zurück. Er freut sich über das Wiedersehen, seine Augen glänzen und er brabbelt vor sich hin. Mahmoud hebt in aus dem Rollstuhl und legt in seitlich auf eine Decke in der Stube, damit er beim Gespräch dabei sein kann. Abends sei er müde.

Mahmoud hilft anderen Syrern

Die verbesserte medizinische Betreuung hob die Stimmung in der Familie. Kein Vergleich zum letzten Besuch in der spärlichen Wohnung in Ramlinsburg. «Vor allem Jamil geht es bedeutend besser», sagt Marie. Sie geniessen die Unabhängigkeit, Mahmoud kenne nun jeden Winkel in Bottmingen. Auf langen Spaziergängen, manchmal «bis zum Rhein», lässt er Dampf ab, eine Art Ventil für den angestauten Frust über die Untätigkeit.

Noch im November bangte Mahmoud um viele Verwandte. Diese kamen inzwischen über den Mittelmeerweg nach Deutschland: Ein Bruder Mahmouds samt Familie, die Mutter sowie die eine Schwägerin mit den Kindern. Deren Mann ist noch immer im Gefängnis in Libanon. Alle wohnen nun zusammen in einem Haus in Deutschland. «Ich wollte sie in die Schweiz holen, doch das ging nicht», sagt Mahmoud. Monas Verwandte hingegen sind noch in Syrien. Sie schweigt. Mit ihnen dürfe sie nur beschränkt Kontakt haben. Informationen über den Krieg am Telefon zu erfragen, sei sogar gefährlich. «Ich würde damit meine Familie in Gefahr bringen. Gut möglich, dass sie dann verhaftet werden oder Schlimmeres. Wir verlieren kein Wort über den Krieg am Telefon.» Hauptinformationsquelle bleibe Facebook. Den renommierten Nachrichtensendern vertrauen Mahmoud und Mona nicht.

Über das Handy stand der Familienvater in ständigem Kontakt mit seinen Verwandten auf der Flucht. Manchmal habe er mehrere Tage nichts mehr von ihnen gehört – belastende Momente. Auch heute hilft Mahmoud Landsfrauen und -männern in der Schweiz. Er pflegt den Kontakt mit anderen Syrern in Bottmingen, gibt ihnen seine Handynummer, damit sie sich bei ihm melden können. «Ich gebe ihnen Tipps: wo sich die Lebensmittelläden befinden, wo sie eine Handykarte kaufen oder wie sie Kontakt mit Verwandten knüpfen können, wenn sie im Empfangszentrum sind. In diesem Fall dürfen sie keine Handys besitzen beziehungsweise benutzen.» Er erkläre, was mit ihnen in der Schweiz geschehen werde. Informationen habe er unter anderem durch einen Kulturkurs, den er besuchte und der im Resettlement-Programm durchgeführt wurde. «Sie haben die gleichen Fragen, wie auch wir sie gehabt haben.»

In Ramlinsburg lief stets der Kinderkanal im Fernsehen. Mahmoud wollte nicht, dass die Kinder sich die Nachrichten ansehen mussten, um sie nicht mit Kriegsbildern zu belasten. Nun flimmern Sendungen in arabischer Sprache über den Bildschirm, eine Erleichterung für Warda. Sie sei den ganzen Tag gezwungen, Deutsch zu sprechen. «Das ist sehr anstrengend.» Darum sei sie froh, wenn sie abends Sendungen in arabischer Sprache sehen darf. «Ich mag es, meine Muttersprache zu hören.»

Familie erhält noch ein Jahr Hilfe

Obwohl die siebenköpfige Familie bereits über ein Jahr im Baselbiet ist, gewöhnen sie sich an gewisse Dinge wohl nie: beispielsweise an die Jugendlichen am Wochenende, die in der Öffentlichkeit herumlungern und Alkohol trinken. «Wir haben da andere Traditionen», sagt Mahmoud. Auch in Syrien werde Alkohol getrunken, doch es werde nicht so in der Öffentlichkeit zelebriert. Gleiches beim Essen: «Bei uns ist das die Gelegenheit, um mit der Familie und den Freunden zusammenzukommen.» Auf der Strasse zu essen, dazu noch im Gehen, sei ungewohnt.

Noch ein Jahr, bis Ende August 2017, erhält die Familie Unterstützung durch die Betreuerin Esmé Marie. Ab dann sollte die Familie auf eigenen Beinen stehen. Schon jetzt ist klar: Da haben alle Beteiligten noch viel Aufwand vor sich. Im Vergleich zu anderen Familien brauche Mahmouds Familie mehr Zuwendung wegen der Kinder, sagt Marie. Sie hoffe jedoch, dass die Familie mit ihrem Engagement diesen Nachteil wieder wettmacht.

Basler Zeitung

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