Zum Hauptinhalt springen

«Geh doch zurück nach Afrika!»

Rassismus kommt auch unter Kindern vor. Wie sich dies konkret äussert, weiss Experte Johan Göttl.

Nicht immer geht es auf den Pausenplätzen so friedlich zu und her.
Nicht immer geht es auf den Pausenplätzen so friedlich zu und her.
Keystone

BaZ: Herr Göttl, Sie sind Rassismusexperte und sprechen heute Abend in Reinach über «Rassismus auf dem Pausenplatz». Was muss man sich unter diesem Begriff vorstellen?

Johan Göttl: Bei «Stopp Rassismus», der Nordwestschweizer Beratungsstelle gegen Diskriminierung und Rassismus, gelangen Eltern an uns, deren Kinder von anderen Kindern rassistisch diskriminiert werden. Das passiert vor allem auf verbaler Ebene – zum Beispiel, wenn ein Kind als «Neger» bezeichnet wird oder Sätze fallen wie «Geh doch zurück nach Afrika!». Manchmal aber kommen körperliche Übergriffe hinzu. Die meisten Fälle, die bei uns gemeldet werden, betreffen Primarschulkinder.

Wie weit gehen rassistisch motivierte Handgreiflichkeiten unter Schülern?

Bei den uns bekannten Fällen handelt es sich weniger um Gewalt im starken Sinn. Häufiger kommt es vor, dass ein Kind zusätzlich zu den verbalen Angriffen geschubst wird.

Wie hoch ist der Anteil an Meldungen zu Rassismus in der Schule?

Gesamthaft gehen pro Jahr rund 60 Meldungen bei uns ein, die in einer Beratung resultieren. Nur ein paar wenige Anfragen davon stammen aus dem schulischen Bereich. Das heisst nicht, dass das Problem nicht existiert. Denn nur wenige Betroffene kommen tatsächlich zu uns. Das hat beispielsweise damit zu tun, dass sie unsere Anlaufstelle gar nicht kennen. Manche haben aber auch Angst, vor allem Eltern. Man darf nicht vergessen, dass sich die Kinder in der Schule in einer Abhängigkeitssituation befinden. Das ist vor allem dann der Fall, wenn die Diskriminierung nicht von anderen Kindern ausgeht, sondern von Lehrpersonen. Die Eltern überlegen sich dann schon, ob es tatsächlich von Vorteil ist, etwas dagegen zu unternehmen, oder ob sich die Situation dadurch nicht zusätzlich verschlechtern könnte.

Wie können die Schulen das Problem anpacken?

Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind keine Erscheinungen, die die Schulen selber hervorbringen. Vielmehr handelt es sich um gesellschaftliche Phänomene, die den Weg in die Schule finden und hier zum Ausdruck kommen. Wichtig ist, dass Fremdenfeindlichkeit in der Schule nicht normalisiert und hingenommen, sondern zur Sprache gebracht wird. Das bedeutet konkret, dass das Thema in den Unterricht und in die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer einfliessen soll. Wichtig sind Sensibilisierung und Prävention. Dabei helfen auch Organisationen, die den Schulen entsprechende Workshops anbieten.

Wann kann man im Zusammenhang mit Kindern von Rassismus sprechen?

Es gibt unzählige Definitionen von Rassismus. Primär ist es nebensächlich, ob es sich im konkreten Fall wirklich um Rassismus handelt. Zuerst geht es uns darum, den Sachverhalt zu erfassen. Wenn es sich abzeichnet, dass es sich tatsächlich um Diskriminierung handelt, erarbeiten wir zusammen mit den Betroffenen Lösungen, wie man dagegen vorgehen kann. Auch werden die Vor- und Nachteile abgewogen. Dies führt manchmal dazu, dass die betroffene Person plötzlich doch keine Intervention wünscht. Aber der Erfolg einer Beratung kann auch darin liegen, dass der Fall wenigstens einmal diskutiert worden ist und verschiedene Lösungsvorschläge angeschaut worden sind.

Was empfehlen Sie im konkreten Fall, wenn ein Kind von anderen Kindern diskriminiert wird?

Es gibt verschiedene Ebenen. Manchmal wünschen Eltern von betroffenen Kindern, dass das Thema ganz generell in der Schule aufgegriffen wird. Dann vermitteln wir den Kontakt zu den Organisationen mit einem entsprechenden Angebot. In anderen Fällen möchten Eltern, dass konkret etwas unternommen wird, weil sie ihr Kind stark leiden sehen. Eine Möglichkeit besteht dann darin, alle Beteiligten Eltern, Lehrer, Schulsozialarbeiter – an einen Tisch zu holen.

Was wird dann besprochen?

Man kann beispielsweise den Dialog suchen mit dem Kind, das sich rassistisch verhält. Dabei geht es nicht darum, zu bestrafen. Denn häufig schnappen Kinder einen Begriff auf und verwenden ihn später, ohne sich über dessen Bedeutung und das verletzende Potenzial bewusst zu sein.

Welche Kinder laufen besonders Gefahr, rassistisch angegangen zu werden?

Ein Faktor ist sicher die äussere Erscheinung: Wenn sich das Kind etwa aufgrund seiner Hautfarbe oder religiöser Symbole abhebt. Oder wenn es die Sprache nicht beherrscht oder ihm andere Fähigkeiten fehlen.

Was lässt sich umgekehrt über den Hintergrund der Kinder sagen, die sich diskriminierend verhalten?

Mit Blick auf unsere Beratungsfälle habe ich den Eindruck, dass Kinder die rassistischen Verhaltensweisen meistens von Kolleginnen und Kollegen übernommen haben. In einem gewissen Alter spielen aber auch die sozialen Medien eine wichtige Rolle. Ich denke, diese tragen ebenfalls dazu bei, dass sich das Phänomen Rassismus in den vergangenen Jahren stärker verbreitet hat.

Wie steht es um Rechtsextremismus und Radikalisierung in der Schule?

Das haben wir bei uns in der Beratung nicht angetroffen. Ich glaube auch nicht, dass sich ein Neun- oder Zehnjähriger bewusst radikalisieren lässt. Diese Gefahr besteht erst später.

Gemäss Einladung zum heutigen Diskussionsanlass haben die rassistischen Übergriffe an den Schulen zugenommen. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Die Daten muss man mit Vorsicht geniessen. Sie sind nicht repräsentativ, sondern basieren auf den Rückmeldungen aus den verschiedenen Beratungsstellen. Dass mehr Meldungen an die Beratungsstellen gelangen, kann schon darauf zurückzuführen sein, dass es tatsächlich mehr Fälle von Rassismus an Schulen gibt. Das mag sein und ich denke auch, dass die rechtspopulistischen Tendenzen, wie sie ja in ganz Europa festzustellen sind, vermehrt den Weg in die Schulen finden. Aber repräsentative Daten, die das bestätigen, gibt es meines Wissens nicht. So kann der Anstieg auch darauf zurückzuführen sein, dass das Beratungsangebot schlicht bekannter geworden ist. Das sind alles Pionierprojekte, die teilweise seit noch nicht allzu langer Zeit bestehen. Sie brauchten eine gewisse Anlaufzeit.

Diskussionsabend zum Thema «Kampfzone Pausenplatz»: Mittwoch, 23. Januar, 19.30 Uhr, im Reformierten Zentrum Mischeli an der Bruderholzstrasse 39 in Reinach. Eintritt frei, Kollekte.Neben Johan Göttl nehmen Rassismusexperte Samuel Althof, Schulleiter Denis Bitterli und Jugendarbeiter Oliver Widmer teil. Moderator ist Journalist Matthias Zehnder.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch