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Ein Schloss, das alles hat – selbst ein Gespenst

Die Schlösser Bottmingen und Wildenstein will die Baselbieter Regierung abstossen. Auf den Ebenrain will der Kanton hingegen nicht verzichten.

Der Ebenrain wurde 1774 vom Basler Seidenbandfabrikanten Martin Bachofen gebaut und 1951 vom Kanton Baselland erworben.
Der Ebenrain wurde 1774 vom Basler Seidenbandfabrikanten Martin Bachofen gebaut und 1951 vom Kanton Baselland erworben.
Dirk Wetzel
Der Garten- oder Festsaal besitzt einen schachbrettartig verlegten Steinboden.
Der Garten- oder Festsaal besitzt einen schachbrettartig verlegten Steinboden.
Dirk Wetzel
Dirk Wetzel
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Vor wenigen Minuten wurden sie im Schloss Ebenrain getraut, nun posieren sie vor der Veranda. Sie in klassischem Weiss, er im vornehmen Schwarz. Der Fotograf fotografiert und fotografiert, bis alles perfekt ist, der liebevolle Blick, das selige Lächeln, der schützende Arm auf ihrer Schulter. Dann gehts weiter auf die andere Seite des Hofs, wo ein Fiat Cinquecento Cabrio bereitsteht. Das Paar steigt ein, winkt stehend aus dem Dach, lacht und küsst sich immer wieder, und diesmal fotografiert der Fotograf auch dann noch weiter, als er das perfekte Bild wahrscheinlich schon längst hat. Immer ausgelassener ist es auch beim Apéro im Hof. Die vielen Freunde und Verwandte des Brautpaars sitzen an langen Bänken und prosten sich zu. Einer erzählt, kaum zum ersten Mal, wie Braut und Bräutigam zusammengekommen sind. Danach werden auch noch einige andere Romanzen wieder aufgewärmt, glückliche und weniger glückliche. Und immer gibt es viel zu lachen, auch bei den Geschichten, die eher traurig enden.

Konversieren, posieren, repräsentieren. Darum ging es auf dem Ebenrain schon immer, seit 1774, als der Basler Bandfabrikant Martin Bachofen das Schloss bauen liess. Die Pläne zeichnete Samuel Werenfels, ein Basler Architekt für spezielle Wünsche und grosse Projekte. Für die Familie Sarasin zum Beispiel, Bandfabrikanten auch sie, hatte er das Blaue und das Weisse Haus am Rheinsprung entworfen.

Trotz dieser Referenz war die Skepsis gegen das Projekt in Sissach anfänglich gross. «Warum brauchen Martin Bachofen und seine Gattin Margaretha einen Landsitz?», fragten sich die Stadtoberen im kleinen Rat. Warum wollen sie sich für ein paar Wochen im Jahr oder vielleicht gar noch länger zurückziehen, ins weit abgelegene Sissach, das mit der Kutsche bestenfalls in drei Stunden zu erreichen ist? Sollte sich der Fabrikant nicht besser um seine Geschäfte in der Stadt kümmern?

Was will ein Basler in Sissach?

Bachofen liess sich von dem Gerede aber nicht beirren. Überall in Europa genossen die Fürsten und Könige die Sommermonate damals auf ihren Landsitzen, und so sah Bachofen keinen Grund, warum sich ausgerechnet er, der erfolgreiche Unternehmer und selbstbewusste Bürger, nicht auch ein Schlösschen gönnen sollte. Also zog Bachofen aufs Land, zeitweise zumindest, zurück zur Natur, wie es der Aufklärer Jean-Jacques Rousseau gefordert hatte und wie es ausserhalb des selbstgenügsamen Basel gross in Mode war. Das einfache Leben der Landleute, das war eines der viel besungenen Ideale dieser Zeit.

Etwas mehr Komfort als in den beliebten Schäferidyllen durfte es in der Realität dann aber doch sein – auch auf Ebenrain. Das Schloss ist zwar nicht ganz so gross wie die Barockpaläste in Basel, im Erdgeschoss hat es aber immerhin Platz für zwei Säle, flankiert von zwei Zimmerfluchten und umgeben von einer Küche, einem Office und einem Entree mit Vestibül. Daneben die breite Treppe, die der Schlossherrin bereits beim Empfang ihrer Gäste einen ganz guten Auftritt garantierte, wenn sie im bodenlangen Kleid von den Gemächern im ersten Stock scheinbar schwebend nach unten kam.

Neben dem Hauptgebäude gibt es zudem noch die beiden Seitentrakte für das Personal – Schlossverwalter, Kutscher, Gouvernante, Köchin, Zimmer- und Küchenmädchen. Dahinter reihte sich Wagenremise an Schlosskapelle, Orangerie und Taubenschlag. Selbstverständlich durfte auch der eigene Bauernhof nicht fehlen, der das Schloss mit allem versorgte.

Sehen lassen konnte sich auch der Park, der in den ersten Jahren noch ein Muster an französischer Gartenbaukunst war, streng strukturiert, mit Terrassen auf der einen und einer Baumallee auf der anderen Seite. Diese Bäume blieben auch stehen, als die Anlage 1872 nach den Plänen des Pariser Landschaftsarchitekten Edouard André vergrössert und umgestaltet wurde. Seither hat der Ebenrain einen noch grosszügigeren und etwas wilderen Garten mit vielen verschiedenen Baumgruppen im landschaftlichen Gartenstil.

Teuer im Unterhalt

Noch immer sind Schloss und Park perfekt aufeinander abgestimmt, ein grosses Ganzes, das immer wieder Anlass zu Elogen und interessanten Vergleichen bot. «Kurz bevor der Zug in Sissach einfährt, gewahrt man rechterhand zwischen den hohen Bäumen eines englischen Parks ein hellschimmerndes Haus, das wie feine Musik aus der Zeit Haydns und Mozarts tönt, rein und wohllautend in seiner Dreiteilung», schrieb Albert Bauer 1951 in der Basler Nationalzeitung. Und die Baselbieter Denkmalpflegerin Brigitte Frei-Heitz sagt: «Wie das Haus und der Garten heute noch erhalten sind, ist einzigartig. Der Ebenrain ist der bedeutendste spätbarocke Landsitz in der ganzen Nordwestschweiz.»

Leider hat aber selbst dieses Traumhaus einen Nachteil: Im Unterhalt ist es ziemlich teuer. Diese Erfahrung musste eine ganze Reihe von Eigentümern machen, die Künstler, Kunstliebhaber, Offiziere und feingeistigen Unternehmer, die auf Martin Bachofen folgten und den Ebenrain teilweise schon sehr bald wieder verkaufen mussten. Schluss mit dem ständigen Wechsel war erst 1951, als der Kanton den Ebenrain kaufte, um einen langsamen Zerfall zu verhindern. 350'000 Franken kosteten die 26 Hektar Land samt Schloss, das ebenfalls alles hat, was ein Schloss haben muss – angeblich sogar ein Gespenst.

Schlossherr schwängerte Sklavin

Es ist der zweite Schlossbesitzer, der Basler Apothekerssohn Johannes Rhynier, der schon zu Lebzeiten kaum zur Ruhe kam, nachdem er in Holländisch Guyana zuerst eine schwarze Sklavin geschwängert und danach eine andere Frau, eine Mulattin, geheiratet hatte. Wirklich glücklich wurde er auch mit Letzterer nicht, und so verliess er sie bald einmal nach der Geburt zwei weiterer Kinder. Fluchtartig und ohne an eine Scheidung zu denken, wie es im Sissacher Heimatbuch heisst.

Zurück in der Schweiz, heiratete Johannes Rhynier trotzdem wieder, wohl in der festen Überzeugung, dass hier nie irgendjemand etwas von der ersten Ehe erfahren würde. Doch da hatte er sich getäuscht. Seine erste Frau folgte ihm nach Europa, um ihn wegen Bigamie anzuklagen. Einen Prozess wollte Rhynier keinesfalls über sich ergehen lassen; er erschoss sich im Ebenrain. Und so soll er seither dort herumgeistern. Ganz andere Probleme gab es 125 Jahre später, nach der Übernahme des Ebenrains durch den Kanton. In den braven Baselbieter Amtsstuben wusste man gar nicht so recht, was man mit dem prunkvollen Schloss anfangen sollte. Zuerst wurde geplant, die landwirtschaftliche Schule dort zu eröffnen. Doch wäre das wirklich passend gewesen, in diesen vornehmen Räumen mit den feinen Tapeten und dem zierlichen Stuck an den Decken, dort, wo so viel schöne Musik und so viele wortgewaltige Gedichte ertönt sind, nun plötzlich Themen wie Mast, Gülle und Schlachten durchzunehmen? Nein, entschied man – und baute auf dem Ebenrain-Areal ein neues Zentrum für die landwirtschaftliche Schule. Platz genug war ja vorhanden.

Empfänge für wichtige Gäste

Nun können im Schloss Ebenrain weiterhin Kunstausstellungen, Konzerte und Vorlesungen veranstaltet werden. Und die Regierung kann das schöne Haus nutzen, um ihre wichtigen Gäste so zu empfangen, wie es ihnen gebührt, den hohen Politikern, Offizieren und Wirtschaftsleuten. Darum soll der Ebenrain auch nicht verkauft werden, anders als das Bottminger Schloss und das Schloss Wildenstein. Denn bei allem Spardruck: Auf das Posieren, Repräsentieren und Konversieren will auch der Baselbieter Regierungsrat nicht verzichten.

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